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Influencer-Startup

Safer Business – wie drei Influencer den Kondommarkt aufmischen wollen

Kevin Teller alias Papaplatte, Simon Wiefels alias Unge und Pascal Kerouche (v.l.) haben mit WTF ein eigenes Start-Up gelauncht, das den Kondommarkt aufmischen soll

Die Fans auf die falsche Fährte gelockt: Das Bild war der erste Post auf dem Instagram-Acccount der neuen Firma What the Fuck von Kevin Teller alias Papaplatte, Simon Wiefels alias Unge und Pascal Kerouche. (v.l.) – Foto: WTF

Die Influencer Kevin Teller (Papaplatte), Simon Wiefels (Unge) und Pascal Kerouche haben mit WTF ein eigenes Start-Up gegründet, das den Kondommarkt aufmischen soll – die Chancen stehen gut.

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„26.760 sind es aktuell.“ – Pascal Kerouche hat einen zweiten Tab in seinem Browser geöffnet, um einen Blick auf die neuesten Zahlen zu werfen. Die neuesten Zahlen, das sind die Spenden, die das noch frische Startup jetzt weitergeben wird. Und das sind die Kondombestellungen, die bei WTF – kurz für What the Fuck – innerhalb von zwei Wochen eingegangen sind. Denn für jedes bestellte Präservativ spendet die Firma ein weiteres über Partner in den globalen Süden. Aber ganz von vorne. 

Mitte September geht bei Instagram der Account „wtf.social“ live. Der erste Post: drei Männer im Laborkittel, mit mehr oder weniger ernstem Blick. Das WTF-Logo ist zu sehen. Im Text wird ein Launch angekündigt. Worum es genau geht, wird nicht verraten. Nach einem Tag hat der Account bereits über 27.000 Follower, inzwischen sind es fast 60.000. Eine Erklärung für den rasanten Zuwachs findet sich schnell in den drei vertaggten Protagonisten. „Wir freuen uns! Eure Lieblingsforscher  @Unge @mmpascal @Papaplatte“, ist dort zu lesen. Wer sich mit dem Thema Livestreaming beschäftigt, weiß, dass diese Namen keine Peanuts versprechen, sondern ein paar Millionen Fans über YouTube, Twitch, Twitter und Instagram versammeln. Livestreamer Simon Wiefels (31) besser bekannt als „Unge“ kommt alleine auf seinem Youtube-Hauptkanal „Ungespielt“ auf über 3,5 Millionen Follower, Kevin Teller (24) alias „Papaplatte“ ist im Dreiergespann mit 1,5 Millionen Abonnenten führend auf Twitch. Kerouche (38), Fotograf der deutschen HipHop-Szene, der auch schon Stars wie Lewis Hamilton und Snoop Dogg vor der Kamera hatte, kommt auf Instagram auf 165.000 Abonnenten. 

Treue Followerschaft als Stammkapital

Mit ihrer gebündelten Reichweite könnten die Gründer von What the Fuck wahrscheinlich auch Regenhosen für Hunde erfolgreich verkaufen. Beim Startschuss vor einem Dreivierteljahr war man sich trotzdem schnell einig, eher etwas Sinnvolleres zu verfolgen, sagt Kerouche im Gespräch. Zusammen mit Teller und Wiefels habe man sich überlegt, „was nicht jeder schon macht, was aber jeder braucht und wobei wir noch Spaß haben können.“ Die Idee, eigene Kondome herauszubringen, stand schnell. Und der Name, nun ja, ist Programm und Basis um eine junge Zielgruppe zu erreichen. Die Fans lockten die drei Gründer zuerst trotzdem auf die falsche Fährte – mit Memes, „What the Fuck“-Beepern aus Hollywood-Filmen, sogar ein Skateboard wurde mit dem Logo bedruckt. „Man muss ein ernstes Thema heutzutage lustig spielen“, erklärt Kerouche den Ton der Marke. Beim Launch, standesgemäß im Livestream, erzählt Wiefels, dass die Fans sogar ins Markenregister geschaut haben, um herauszubekommen, was die drei Influencer genau planen.

Ein Beispiel, das zeigt, wie treu die Followerschaft ist und was für ein Stammkapital die drei als Influencer mitbringen, das sich andere Marken erst langwierig oder teuer aufbauen müssen. Ihr Vorteil, große Zielgruppenbefragung fallen weg, „weil wir unsere Zielgruppe schon sehr gut kennen“, sagt Kerouche. Und es gibt noch ein weiteres Plus auf der Seite der Gründer. Sie sind bereits so erfolgreich, dass keiner von ihnen WTF braucht, um zu überleben. 

D2C statt Supermarktregal 

Egal ob GenZ oder 60-Plus – so oft Sex auch Thema im Alltag oder in der Popkultur sein mag, wenn es konkret wird, handelt es sich noch immer um ein Tabu. Das gilt auch für den Kauf. „Deutschland ist noch immer ein sehr prüdes Land“, konstatiert Co-Gründer Kerouche. Dass Kondome mehrheitlich noch immer im stationären Handel gekauft werden, wie ein Blick in eine Untersuchung des US-amerikanischen Marktforschungsinstituts Grand View Research zeigt, macht es da nicht einfacher für den Endverbraucher.

Lautes Design, klare Statements, so präsentiert sich WTF für die Kunden – Foto: WTF

WTF setzt dagegen auf den direkten Draht zum Käufer. E-Commerce statt Drogerieregal lautet die Devise. „Der Fokus ist D2C und vor allem online“, sagt Jan König. Der Gründer der Agentur Odaline ist Investor bei dem Startup. Er unterstützt das Vorhaben auch mit seinem Fachwissen. Via Shopify-Integration kann man die Kondome direkt auf der Webseite kaufen. Der Direct-to-Customer-Ansatz verzichtet damit nicht nur auf weitere Mitspieler in der Kette. Es geht auch darum, auf die Bedürfnisse der Käufer einzugehen. Die GenZ-gerechte Aufmachung, Unge, Papaplatte und Kerouche als Gründer und Botschafter ihrer eigenen Marke und die Meme-Kultur, aber auch der Onlinekauf helfen, das Thema Kondomkauf zu entkrampfen. Das ist nicht nur ein Dienst am Verbraucher, sondern auch aus Gesundheitsaspekten relevant. Denn Geschlechtskrankheiten sind wieder auf dem Vormarsch. Hat in den 1990er-Jahren das Risiko von HIV und die leichte Übertragung von Geschlechtskrankheiten zu einer größeren Vorsicht und zu einem erhöhten Schutzbedürfnis, also der Nutzung von Kondomen, geführt, ist in den letzten Jahren gerade auch in Europa eine neue Unvorsichtigkeit zurückgekehrt. Das hat Folgen: Längst ausgestorben geglaubte Krankheiten wie Tripper, Syphilis, Chlamydien sind wieder da, besonders unter jungen Menschen zwischen 15 und 25 Jahren, wie das Robert Koch Institut berichtet. Mit der Ansprache genau dieser Zielgruppe könnte WTF einen entsprechenden gesellschaftlichen Beitrag leisten, „auch was die Aufklärungsarbeit angeht“, sagt Co-Gründer Kerouche. Investor Jan König sieht hier einen klaren Vorteil der drei Gründer, „die Inhalte durch ihre Art und Weise ohne Scham vermitteln. Damit ist das Thema für junge Leute nicht mehr so peinlich“. Viele User hätten sich schon bedankt, dass die Influencer das Thema so gesellschaftsfähig machen. 

GenZ-Bedürfnisse  

Dass ein Kondom sicher sein muss, davon ist auszugehen. Um aber auf dem Markt zu bestehen, vor allem im GenZ-Bereich, muss etwas mehr geboten werden. Was das richtige Image ausmacht, das bewies Billy Boy (Mapa-Konzern) bereits in den 1990er-Jahren. Die Marke, die lauter aufgetreten ist als die Konkurrenz, ist deutschlandweit inzwischen fast so bekannt wie Haribo. Dass der klassische Markt, den sich wenige Großproduzenten aufteilen, auch noch Platz für Neuankömmlinge bietet, zeigte sich 2015. Damals schrieb die „Wirtschaftswoche“, dass sich der deutsche Markt auf ca. 100 Millionen Euro Umsatzvolumen belaufen würde. Wobei Billy Boy, Durex und Ritex sich 90 Prozent aufteilen. Genügend Platz für einen Neuankömmling.

2015 wurde Einhorn gegründet. Das Berliner Startup suchte sich eine Nische im Kondommarkt, die inzwischen zu einem relevanten Anteil werden könnte; WTF kann daran anknüpfen – Foto: Einhorn

Das dachte man sich auch beim Berliner Startup Einhorn. Die Kondome in Chipstüten trumpften nicht nur mit dem Designfaktor auf, sondern auch mit den Stichworten „Fair Trade“, „Vegan“ und „nachhaltig“. Ein wichtiger Dreiklang, um GenZ-Bedürfnisse richtig zu treffen. Die Macher von WTF haben hier ihre Hausaufgaben gemacht. Der Auftritt von Unge, Papaplatte und Kerouche ist alles andere als leise, genauso wie das Design. Und: Zusätzlich setzen sie ein „Made in Germany“ und die Spendenmechanik auf den GenZ-Akkord. „Das kam sehr gut an“, bekräftigt Kerouche mit Blick auf die Zahlen der ersten Wochen. Das macht sich allerdings auch im Endpreis bemerkbar. Mit 12,99 Euro für die Zehnerpackung liegt WTF über der Konkurrenz, die oft schon unter zehn Euro startet. König verweist dabei auf die Topqualität und sagt, dass man es sich auch mit Blick auf den Ruf der drei Gründer gar nicht leisten könne, „ein minderwertiges Produkt auf den Markt zu bringen.“ Aus diesem Grund sei man zu einem sehr hochwertigen Hersteller gegangen. Ein Schritt, der sich später auszahle, ist König überzeugt. 

Globaler Milliardenmarkt 

So wichtig der GenZ-Ansatz ist, so darf nicht vergessen werden: Es geht darum, ein Business aufzubauen. Die Chancen sind gut, der Markt ist groß. Statista beziffert ihn global auf 9,41 Milliarden Dollar, 2017 lag er noch bei auf 6,76 Milliarden Euro. In den kommenden zwei Jahren soll er – mit einer kleinen Corona-Delle – um weitere 1,6 Milliarden Dollar wachsen und bis 2028 bei 17,5 Milliarden Dollar liegen. Und: Laut der Zahlen von Grand View Research ist der europäische Anteil vom Kuchen alles andere als klein. Während die Hälfte, Stand 2020, auf den Asien-Pazifik-Raum entfällt, geht Platz zwei mit einem Viertel an Europa. Wobei Deutschland, Frankreich und Italien laut Studie den größten Anteil für sich beanspruchen.

Jan König, Co-Gründer der Agentur Odaline, ist Investor bei What the Fuck. Er unterstützt das Team auch mit seinem Wissen – Foto: Odaline

Und welchen Anteil vom Kuchen möchte man bei What the Fuck haben? „Wenn wir zweistellige Prozente von der kompletten Zielgruppe als dauerhafte Partner bekommen, können wir sehr zufrieden sein“, sagt Jan König. Kein kleiner Anteil, wenn man davon ausgeht, dass damit die Hunderttausender-Marke weit übertroffen werden dürfte. Und wie geht es konkret weiter? „Wo wir in zwei Jahren stehen, das weiß keiner, auch wir nicht“, sagt Kerouche. Aber es gibt schon Ideen für weitere Produkte. Der Markt der Hygieneartikel ist schließlich größer als „nur“ Präservative. Das sieht man auch bei der Konkurrenz, die etwa zusätzlich auf Hygieneprodukte für Frauen setzt. Außerdem gibt es noch den „sortimentserweiternden Bereich, weg von Kondomen, weg von Hygiene- und Verhütungsmittel“, so Jan König zur Zukunft. Kerouche berichtet von ersten Ideen mit Klamottenlabeln. WTF könnte also schnell über Kondome hinaus zu einer GenZ-Marke werden. 

„32.410“ zählt der Counter eine Woche später auf der Webseite von WTF. Er hat noch Platz bis zur Millionenmarke.

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