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Die GAFA-Kolumne

Nein, Mark Zuckerberg hat nicht wegen des Facebook-Blackouts 6 Milliarden Dollar verloren

Nils Jacobsen – Illustration: Bertil Brahm

Drama, Baby: Facebook geht down, Instagram ist nicht mehr erreichbar und WhatsApp auch nicht. Die vermeintliche Folge: Mark Zuckerbergs Vermögen schmilzt um 6 Milliarden Dollar, wie reflexartig zahlreiche deutsche Medien berichten – zu Unrecht. Die Geschichte einer Fake News.

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Na, was haben Sie gemacht, als Facebook, Instagram und WhatsApp am Montag rund sechs Stunden down waren? Möglicherweise Twitter (wieder-) entdeckt. Zumindest schien auf dem 280-Zeichen-Dienst mehr los zu sein als sonst.  Und natürlich waren vorhersehbare Facebook-Witze das Gebot der Stunde. 

Doch nicht nur viele Facebook-Witze waren fragwürdig – auch die Berichterstattung zur Downtime und den Folgen war es überwiegend. Der Tenor allgegenwärtig: Drama Baby, die Welt geht unter. Das Facebook-Imperium wackelt, und Mark Zuckerberg hat in den sechs Stunden des Ausfalls sechs Milliarden Dollar verloren, haha, mehr Schadenfreude geht nicht.

Allein: Sie kommt von uninformierter Seite. Zur gern unterschlagenen Wahrheit zählt nämlich, dass sich die Facebook-Aktie bereits kurz nach der Handelseröffnung im Sinkflug befand – wie andere GAFA-Aktien auch.     

Tatsächlich gerieten die Big Tech-Aktien zu Wochenbeginn wieder mal überproportional unter Druck – und zwar in der Gesamtheit. Die Auslöser erscheinen sekundär, die Kursverluste waren indes wieder einmal spektakulär. Allein am Montag verloren die fünf wertvollsten Techkonzerne der Welt in der Spitze mehr als 280 Milliarden Dollar an Börsenwert – das ist mehr, als Netflix als gesamtes Unternehmen an der Wall Street wert ist.

Facebook eröffnete am Montag bei Kursen von 335 Dollar bereits knapp drei Prozent tiefer als am Freitag. In den ersten eineinhalb Stunden beschleunigte sich der Abverkauf synchron zur Technologiebörse Nasdaq weiter auf 328 Dollar und summierte sich auf ein Minus von mehr als vier Prozent. Zu diesem Zeitpunkt waren Facebook, Instagram und WhatsApp weiter erreichbar. Erst kurz vor 12 Uhr New Yorker Zeit – tatsächlich um genau 17.50 Uhr deutscher Zeit – begann der Totalausfall, wie Cloudfare dokumentiert hat

Unmittelbar vor dem Totalausfall notierte die Facebook-Aktie noch bei etwa 326,47 Dollar. Direkte Folgen der Unerreichbarkeit von Facebook, Instagram und WhatsApp waren in den nächsten Stunden zwar an der Wall Street mit einem maximalen Minus von weiteren 1,5 Prozent auf 323 Dollar zu besichtigen, aber eben nur kurzfristig.

Tatsächlich jedoch beendete die Facebook-Aktie bei Kursen von 326,32 Dollar den Handel. Das entspricht einem marginalen Minus von gerade einmal 15 Cent je Aktie bzw. einem Kursrückgang von 0,046 Prozent, der unmittelbar auf den Serverausfall zurückgeführt werden kann.      

Börsianer wissen: Der Totalausfall, so unangenehm er für User und peinlich er fürs Unternehmen kurzfristig sein mag, beeinflusst Facebooks Börsenwert eben nur marginal, weil die ausgebliebene Anzeigenausspielung von einem Vierteltag in der Konzernbilanz untergehen. (Die Umsatzeinbußen sollen zwischen 65 und 100 Millionen Dollar liegen.)

Medial ist davon indes nichts zu lesen. Im Gegenteil: Sensationslüstern machte die Schlagzeile die Runde, Mark Zuckerberg hätte 7 Milliarden Dollar an Nettovermögen wegen des Blackouts seines Unternehmens eingebüßt. Das ist faktisch falsch. Wegen des Serverausfalls reduzierte sich Zuckerbergs Vermögen tatsächlich nur um 56 Millionen Dollar – nämlich um jene 0,046 Prozent, die der Kurs der Facebook-Aktie im direkteren Zusammenhang mit der Offlinezeit nachgab. 

Dass sich Zuckerbergs virtuelles Nettovermögen am Montag am Ende um 6 Milliarden Dollar (nur in der Spitze waren es 7 Milliarden) und Facebooks Börsenwert um rund 45 Milliarden Dollar reduzierte, stimmt – nur hat es nichts mit dem Serverausfall zu tun, sondern dem gesamten Kursverlauf an einem ohnehin schwachen Handelstag und den Sorgen um die jüngsten Facebook-Enthüllungen.  

Trotzdem machte die Legende von Zuckerbergs Milliardeneinbußen durch den Blackout nun in den deutschen Medien schnell die Runde – etwa bei Bild, Focus, T-Online, manager magazin, Computerbild oder vielen anderen deutschsprachigen Medien.

Es ist wie sooft: Der eine bringt eine klickträchtige Schlagzeile, der andere schreibt sie ab – und der Rest folgt wie Lemminge. Wie schon bei Cristiano Ronaldos vermeintlichem Coca-Cola-Gate entbehren die schnell zusammengezimmerten Artikel jedoch der Realität. Es sind Fake-News.

Nebenbei suggerieren die Drama-Meldungen ein weiteres schiefes Bild – nämlich eine vermeintliche Endgültigkeit, die nicht existiert. Zuckerbergs Nettovermögen schwankt schließlich jeden Handelstag an Wall Street, also fünfmal die Woche, sechseinhalb Stunden am Tag. Allein gestern gewann der umstrittene Facebook-Gründer 2,4 Milliarden Dollar seines vermeintlichen Verlusts schon wieder zurück.       

+++ Short Tech Reads +++ 

CNBC: TikToks Europa-Geschäft verliert 644 Millionen Dollar 

Wachstum kostet Geld. Zwar konnte Hype-App TikTok die Umsätze im vergangenen Jahr um 545 Prozent auf 171 Millionen Dollar steigern dafür explodieren auch die Verluste. Enorme 644 Millionen Dollar verlor die Bytedance-Tochter im noch jungen Europageschäft – in erster Linie durch einen Einstellungsboom. TikToks Belegschaft stieg in Europa von 208 auf 1294 Mitarbeiter an. 

RP Online: Richard Gutjahr vergleicht Facebooks jüngste Krise mit der Bankenkrise, „nur krasser“

Facebook durchlebt mal wieder einen deftigen PR-Skandal, ausgelöst durch die Berichterstattung im „Wall Street Journal“ („The Facebook Files“) und die die Enthüllungen der Whistleblowerin Frances Haugen bei CBS „60 Minutes“. Richard Gutjahr kommentiert bei der „Rheinischen Post“: „Die Langzeitschäden, die ihre Plattformen erzeugen, muss die Gesellschaft ausbaden. 

Insider: Amazon entwickelt smarten Kühlschrank 

Smarte Hausroboter hat Amazon schon bald im (Test-)-Programm. Hält vorher noch ein smarter Kühlschrank Einzug? Das berichtet das Techportal Insider. Bereits 50 Millionen Dollar neuen demnach in das Projekt geflossen. Der Kühlschrank der Zukunft soll demnach das Kaufverhalten des Kunden tracken, Nachfüllbestellungen übernehmen und Rezepte vorschlagen.     

+++ One more Thing: Vor zehn Jahren verstarb Steve Jobs +++ 

Ja, solange ist es tatsächlich bereits her: Gestern jährte sich zum zehnten Mal der Todestag von Steve Jobs. Ich weiß noch sehr genau, wie mich die schlimme Nachricht in der Nacht vor einer Reise traf – statt den Koffer zu packen, verfasste ich erst mal den Nachruf. Es kommt mir unwirklich vor, dass es bereits eine Dekade her ist. 

Anlässlich des Todestages mag man sich nicht nur an Jobs’ unzählige Geniestreiche – vom ersten Macintosh bis zum iPhone – erinnern, die ihn zur wichtigsten Figur des Silicon Valleys und der Techbranche  schlechthin machen – und Apple auch zehn Jahre nach seinem Tod zum wertvollsten Konzern der Welt (ein unerreichtes Vermächtnis in einer notorisches schnelllebigen Branche). 

Das kleinere, viel unbeachtetere Vermächtnis sind Jobs’ Randnotizen, die er im Laufe seiner vier Jahrzehnte umfassenden Karriere zu seiner Lebensphilosophie immer wieder gegeben hat. Apples langjähriger Designchef Jony Ive hat daran in einem bewegenden Essay im „Wall Street Journal“ erinnert

Was er am meisten vermisse, seien die Gespräche, schreibt Ive. „Ich vermisse den Einblick, der das Chaos geordnet hat“. Für Millionen hat Steve Jobs in seiner berühmten Stanford-Rede getan, die am Ende sogar über seinen detailverliebten Keynotes steht – mit Abstand.    

2005 erklärte der bekennende Buddhist vor Absolventen der Eliteuniversität: „Eure Zeit ist begrenzt, also verschwendet sie nicht, indem Ihr das Leben anderer Leute lebt. Lasst Euch nicht von Dogmen einfangen. Lasst nicht zu, dass der Lärm fremder Meinungen Eure eigene innere Stimme übertönt. Und vor allem, habt den Mut, Eurem Herzen und Eurer Eingebung zu folgen.“

In diesem Sinne: Cheers + bis nächste Woche!

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