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Die GAFA-Kolumne

Tut sich Apple mit dem Mediendrama „The Morning Show“ einen Gefallen?

Nils Jacobsen – Illustration: Bertil Brahm

Seit knapp zwei Jahren ist Apple TV+ am Start: das milliardenschwere Streaming-Angebot des iPhone-Herstellers. Allein: Apple TV+ ist bislang weit hinter den Erwartungen und der Konkurrenz zurückgeblieben. Warum das so ist, macht die Hochglanz-Medienserie „The Morning Show“ exemplarisch deutlich.

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Mal ehrlich: Haben Sie eine Lieblingsserie auf Apple TV+? Und haben Sie Apples neuen Streamingdienst – bildlich gesprochen – eigentlich auf dem Schirm? Vor knapp zwei Jahren wurde Apple TV+ mit viel Medienbuhei und einem Aufgebot an Topstars gestartet. Apple hat sie alle: Oprah Winfrey, Steven Spielberg, Jennifer Aniston und Reese Witherspoon.

Letztere zwei Hollywood-Ikonen sollten Apple mit der Vorzeigeserie „The Morning Show“ aus dem Stand in die Liga von Netflix und HBO hieven: So wie bei seinen Tech-Gadgets musste Tim Cook auch mit seinem neuen Streaming-Content-Angebot Apple-Qualität liefern – ansonsten würde es schnell peinlich werden.

Knapp zwei Jahre nach dem Start scheint klar, dass der wertvollste Konzern der Welt den eigenen Maßstäben bei Apple TV+ bislang kaum gerecht geworden ist. Das Angebot ist viel zu klein, zu fragmentiert – und ja: zu langweilig.

Nach den Verzögerungen der Corona-Pandemie ging das Aushängeschild „The Morning Show“ am vergangenen Freitag in die zweite Staffel. Ohne inhaltlich zu viel vorwegzunehmen, ist es wie immer im Frühstücksfernsehen: Es gibt Drama, Baby.

Das eigentliche Drama ist jedoch die „Morning Show“ selbst – oder vielmehr die Abwesenheit davon. Obwohl handwerklich gut gemacht, liegt die Hochglanzserie hinter anderen Storytelling-Meisterwerken wie „The Crown“ oder „Big Little Lies“ mit denen es letztlich konkurriert.

Das eigentliche Problem mit der „Morning Show“ liegt dabei tiefer. Der wertvollste Konzern hat sich für seine Blockbuster-Serie ausgerechnet die notorisch kriselnde Medienbranche ausgesucht, der Apple durch unzählig gutwillige Fanboy-Berichterstattung in der Steve Jobs-Ära viel zu verdanken hat. Wie kein anderer CEO vor und nach ihm erkannte Marketinggenie Jobs, wie man das Biest, die Medien, bei Laune halten, füttern und zu seinen Gunsten beeinflussen konnte.

Und dieser 2,5 Billionen Dollar schwere Koloss soll Zuschauern in seinem Prestigeangebot nun die Irrungen, Wirrungen und Abgründe der TV-Industrie vorführen – zumal in einer Zeit, die geprägt ist vom Minenfeld aus politischer Korrektheit, #MeToo, Cancel Culture und immer noch mittelalten weißen Männern in Machtpositionen?

„The Morning Show“ versucht eine Zeitgeistmelange mit klarer Rollenverteilung: auf der einen Seite „die Guten“, das Starmoderatorinnen-Duo Alex Levy und Bradley Jackson (Jennifer Aniston / Reese Witherspoon), auf der andere Seite der „Bad Boy“ Mitch Kessler (warum tut sich Steve Carrell die Rolle an?) – und dazwischen alle dreißig Sekunden ein iPhone, iPad, MacBook und AirPods.

Hat sich Apple mit der „Morning Show“, die bei sowohl in den Kritiken als auch Preisverleihungen ziemlich durchgefallen ist, einen Gefallen getan? Eher nicht, denn man nimmt Apple eine Serie über die Abgründe der TV-Industrie – mit Ausnahme der Produktplatzierungen – schlicht nicht ab.

Damit ist viel über das grundsätzliche Problem von Apple TV+ gesagt. Weil Apple TV+ von Apple kommt, gibt es viel, was sich von vornherein ausschließt. Apple hat sich seit den Zeiten Steve Jobs’ verschrieben, ein blitzsauberer Konzern für die ganze Familie zu sein. Im Content-Geschäft wäre es das Disney des Streamings – mit dem Problem, dass es Disney bereits gibt.

Als Herausforderer müsste Apple TV+ nun mutiger und aggressiver agieren, doch das geht aus obigen Gründen eben nicht: Serien im kontroversen Grenzbereich zwischen Politik, Sex und Crime sind bei Apple tabu – entsprechend ausgedünnt erscheint das Angebot von Anfang an. So ist Apple TV+ denn angesichts der Übermacht von Netflix und Disney+ ein leichtgewichtiger Herausforderer im Korsett eines Weltmarktführers. Genau das kann im Content-Geschäft jedoch nicht funktionieren – es sei denn Apples Content-Bosse finden jedes Jahr ein neues „Mad Men“, „Dark“ oder „Chernobyl“.

Einen Joker bei der schier unlösbaren Aufgabe hat Apple-CEO Tim Cook dennoch aus dem Ärmel geschüttelt. Quasi von der Ersatzbank konnte die eher als B-Serie eingekaufte Fußball-Comedy „Ted Lasso“ bei den Emmys in der Nacht zum Montag gleich vier Preise abräumen. Ein schöner Achtungserfolg, doch Cook teilt mit Lasso bis auf Weiteres ein für Apple eher ungewohntes Schicksal: Er spielt mit Apple TV+ in der zweiten Liga. 

+++ Short Tech Reads +++

CNBC: Wedbush-Analysten glauben an iPhone 13-Superzylus

Am Freitag ist es so weit: Die neuen iPhones kommen auf den Markt. Aber wird die iPhone 13-Serie eigentlich so erfolgreich wie die Vorgängermodelle?  Die Investmentfirma Wedbush ist der Meinung und nennt mit 250 Millionen Upgrade-willigen Kunden das als Argument für einen neuen Superzyklus. Warum ich dazu zähle und das Pro Max-Modell schon vorbestellt habe, obwohl mir das an sich eher „langweilige“ iPhone 13 eigentlich egal ist, können Sie noch mal an dieser Stelle lesen. 

Business Insider: „The Big Short“-Starfondsmanager ruft zum Big Tech-Boykott auf

Öfter was Neues von Michael „The Big Short“ Burry: Der legendäre Scion Capital -Hedgefondsmanager ist wieder auf Twitter aktiv und ruft zum großen Big Tech-Boykott auf. „Boykottiert Big Tech. Egal ob ein bisschen oder viel, tut es. Für Eure eigene Gesundheit und die Gesundheit anderer“, schreibt Burry in den inzwischen wieder gelöschten Tweets. Doch das Internet vergisst bekanntlich nie

AppleInsider: Ein faltbares iPhone kommt erst 2024

Nach dem iPhone ist bekanntlich vor dem iPhone. Oder: vor dem über-übernächsten iPhone. Nach Einschätzung des viel respektierten TF International Securities-Analysten Ming-Chi Kuo könnte sich das Warten auf ein großes ‚one more thing‘ durchaus noch weitaus länger hinziehen. Nicht im nächsten Jahr und auch nicht 2023 dürfte Apple das iPhone einem bahnbrechenden Redesign unterziehen, sondern erst in drei(!) Jahren. Dann könnte nämlich der Traum vom faltbaren iPhone wahr werden, mutmaßt Kuo. 

+++ One more Thing: Ist Evergrande das neue Lehman? +++

Es geht wieder ein Beben an den Weltbörsen um – diesmal kommt es aus China. Weil Evergrande, das zweitgrößte Immobilienunternehmen des asiatischen Riesenreichs, von einer Pleite bedroht scheint, tauchen die Kapitalmärkte wieder einmal reflexartig ab. Manche Marktbeobachter wittern bereits ein neues „Lehman“ (Finanzkrise 2008) oder ein Black-Swan-Event wie die Corona-Krise im vergangenen Jahr.

Übertrieben oder nicht: An der Wall Street ging es zu Wochenbeginn wieder einmal rund. Die Leitindizes verbuchten die massivsten Abschläge seit dem Juni. Mittendrin: Big Tech. Anteilsscheine von Alphabet, Microsoft, Apple und Facebook verloren zwei Prozent an Wert, Amazon gar drei Prozent. Oder andersherum betrachtet: Die GAFAM büßten mal eben mehr als 200 Milliarden Dollar an Börsenwert ein. Bleiben allerdings immer noch fast 9,1 Billionen Dollar…  

Fest steht: Es wird wieder unruhiger an den Kapitalmärkten – wie eigentlich immer zu dieser Jahreszeit. Mal sehen, ob das Thema in der nächsten Woche auf Wiedervorlage kommt…

Bis dahin – cheers!

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