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Gastbeitrag

Warum Politik und Wahlkampf eine neue Fehlerkultur brauchen

Das Lavieren der Parteien Schlammschlacht und Allgemeinplätzen zeigt vor allem eines, stellt Janis Johannmeier in seinem MEEDIA-Gastbeitrag fest: den Parteien fehlt die Vision.

Das Lavieren der Parteien zwischen Schlammschlacht und Allgemeinplätzen zeigt vor allem eines, stellt Jannis Johannmeier in seinem MEEDIA-Gastbeitrag fest: die Fehler der anderen sieht man gerne, aber eine echte Fehlerkultur fehlt. Foto – Imago

Das Lavieren der Parteien zwischen Schlammschlacht und Allgemeinplätzen zeigt vor allem eines, stellt Trailblazers Co-CEO Jannis Johannmeier in seinem MEEDIA-Gastbeitrag fest: die Fehler der anderen sieht man gerne, aber eine echte Fehlerkultur fehlt.

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Außer Triell nichts gewesen: Niemals in der Geschichte der Bundesrepublik war der Ausgang dieser wichtigsten Wahl des Landes so ungewiss. Es gibt nur eine Konstante: Merkel geht. Und die anderen Parteien? Schaffen es einfach nicht, die Lücke mit Inhalt zu füllen. Die FDP will ein Wirtschaftswunder. “Make in Germany”. Aha. Die Grünen sind bereit, weil wir es sind. Und wenn wir es nicht wären – würden die dann gar nicht antreten? Die AfD kommt mit “Deutschland. Aber normal” daher. Was ist das? Lederhos’n, Bratwurst und Bier auf dem Rücksitz eines Opels? Scholz wirbt ganz unironisch mit der Merkel-Raute. Und dass die Union uns wieder mit einem “Weiter so”-Wahlkampf einschläfert, tut weiter genauso weh. Damit stellt sich die Frage: Haben die Parteien, die im Endspurt der Wahl sind, nichts, das sie uns wirklich mitteilen wollen? Die sollten uns doch was sagen wollen. Eigentlich. Was ist die Vision für Deutschland? Was ist die wahre Vision der Partei? Und was das ganz individuelle, persönliche Why? Haben die Politikerin:innen, haben die PR-Leute das “vergessen”?

Über den Autor

Jannis Johannmeier ist Mitgründer und Geschäftsführer der PR-Agentur The Trailblazers mit Sitz in Bielefeld und Berlin. Er ist erfahrener Kommunikations-Experte, der sein journalistisches Werkzeug bei „Bild“ gelernt hat. In den letzten Jahren hat er die Kommunikation der Startup-Schmiede Founders Foundation und der Hinterland of Things Conference aufgebaut und verantwortet.

Neben seiner Tätigkeit bei den Trailblazers hat er an zwei Hochschulen Lehraufträge für strategische Kommunikation & PR sowie Unternehmensgründung.

PR von gestern …!

Klare Antworten auf diese Fragen gibt es natürlich nicht. Kann ja sein, dass das alles zu einer Strategie gehört, die wir auf der anderen Seite, als Betrachtende der Wahlplakate, einfach nicht verstehen können. Ich will es trotzdem einmal wagen – aus der Sicht eines PR-lers und Gründers, der nichts mit der Wahl zu tun hat. Eine Antwort ist schon einmal leicht zu geben: Ja, natürlich haben die uns was zu sagen. Nur tun sie es eben nicht. Anstatt anzusprechen, was wichtig ist, übt man sich lieber in Stellvertreterkriegen um das Gendersternchen, um Baerbocks Buch, Laschets Lacher, über ein völlig unrealistisches Bündnis von Rot-Rot-Grün, schreit einmal laut “Sozialismus” oder, oder, oder. Aus Sicht eines PR-lers muss man da leider sagen: In Sachen Kommunikation vergebe ich dafür eine glatte Sechs. Denn auch wenn die Parteien vielleicht glauben mögen, dass sie sich zwischen Schlammschlacht und Allgemeinplätzen auf der sicheren bis ungefähren Seite bewegen  – sie sagen damit vor allem eines aus: Nämlich, dass sie keine Vision haben. Denn auch hier gilt der Watzlawick-Klassiker: Man kann nicht nicht kommunizieren. So müssen sich die Menschen eben ihren Teil dazudenken … . Das tun sie auch. Und die, die ich kenne, sind frustriert.

Die bräsigsten PR-Tools

Was wir hier gerade beobachten, ist ein Wahlkampf, der sich der bräsigsten PR-Tools bedient, die der PR-Werkzeugkasten zu bieten hat. Dazu gehören – vielleicht auch vor allem – die nichtssagenden Sprüche auf den Wahlplakaten. Eine Ansammlung von Stammtischparolen und Plastiksätzen. Dazu gehören auch die grüngefärbten Bilder und Slogans, die so aussehen und klingen, als würden sie uns nachts mit ihrer Moralkeule heimsuchen. Dazu gehört Christian Lindner (FDP kann man ja kaum sagen), der mit einer 007-artigen Aura dafür sorgen soll, dass Männer wie er sein und Frauen ihn haben wollen. Diese Plakate machen nicht mehr, als dass sie uns einlullen. Und leider geht das bei den Auftritten der Kandidat*innen genau so weiter. 

Lügen, schummeln, intrigieren!

Denn dort verstecken sich die Politiker*innen dieser Tage hinter ihren auswendig gelernten Antworten, hinter ihren generischen Gesten, hinter einer Maske aus Staatsmännigkeit und Allwissenheit. Oder sie machen genau das Gegenteil. Armin Laschet etwa lässt sich bei einem Auftritt von Kindern zerlegen und offenbart seine Dünnhäutigkeit bei den einfachsten Fragen. Gleichzeitig aber nutzt er eine faktisch inkorrekte Pressemeldung der Staatsanwaltschaft Osnabrück (der Staatsanwalt dort ist ein CDU-Mann) über eine Durchsuchung in SPD-geführten Ministerien für seinen Wahlkampf. Jemand, der so agiert, kann doch kein Kanzler werden. 

Da wird also gelogen, es wird geschummelt, es wird intrigiert. Vorgeblich alles für die Partei. In Wahrheit geht es dabei aber doch vor allem um eines: Darum, zu verdecken, dass man keinen Kurs und keine Vision hat. Oder aber man hat all das, aber dafür keine Ahnung, wie man die Wähler*innen mit diesen Botschaften erreichen kann. Das wiederum wäre noch schlimmer. Immer wieder versuchen genau die Leute, die uns in die Zukunft führen sollen, uns diese mit den Methoden einer Welt zu erklären, die es nicht mehr gibt. Wir leben im 21. Jahrhundert! Also muss auch die Politik endlich dort ankommen. 

Steht zu inhaltlichen Fehlern, das ist okay!

Wenn uns die vergangenen Jahre eines gezeigt haben, dann doch wohl, dass es längst nicht mehr darum geht, keine Fehler zu machen. Und damit meine ich jetzt nicht Betrug, Täuschen und Verschweigen. Es geht darum, etwas (und zwar möglichst viel!) für dieses Land zu tun, es zu digitalisieren, die Bildung umzukrempeln, die Wirtschaft zu modernisieren, das Klima zu schützen, eine Rolle in der Welt zu spielen und diese vielleicht ein bisschen besser zu machen. Dabei passieren Fehler, viele sogar. Wichtig ist es, nicht einfach auf den anderen zu zeigen, Schmutzkampagnen zu fahren, sondern Fehler anzuerkennen, über sie zu reden und aus ihnen zu lernen. So nämlich geht PR heute. Wenn man falsch lag, dann hat man gefälligst mit Haltung dazu zu stehen. Ich erinnere mich noch, als Angela Merkel eine Osterruhe wegen der Corona-Pandemie verordnete, die gar nicht umsetzbar war. Sie verhinderte das Ganze noch rechtzeitig, entschuldigte sich und nahm die gesamte Verantwortung auf ihre Schultern. Dafür gab es beispielloses Lob und Anerkennung! Das kann man sich auch für Wahlkämpfe abschauen.

Ihr könntet Held:innen sein!

Politiker:innen brauchen Bilder, die uns zeigen, wofür sie Politik machen. Was soll wirklich verändert werden, wenn man sie wählt? Sie müssen bildlich und sprachlich klar zeigen, was sie anpacken wollen und das mit einer wahrhaftigen Vision kombinieren. Vielleicht gibt es eine Partei, die das ein bisschen anders macht: VOLT. Diese Partei, die aus einer pro-europäischen Bewegung entstanden ist, sagt wenigstens, dass sie eine digitale Verwaltung “wie in Estland” will, oder Schule “wie in Helsinki”. Zumindest spricht es mein limbisches System an. Ich spüre, dass dort kreativ gedacht wird, dass dort Wege erarbeitet werden, die mich zum Nachdenken und Mitmachen anregen. Hier erahne ich immerhin ein großes und übergeordnetes Weltbild, für das es zu kämpfen lohnt!

Der Rest verharrt derweil weiter in seinem Vier-Jahres-Zyklus von Wahl und Abwahl. Von Inhaltslosigkeit. Von Machtgier und Machterhalt. Dabei könntet ihr die Held*innen einer neuen Zeit sein, die ihr selbst schafft. Ihr könntet Mehrheiten holen, wenn ihr endlich einmal aus eurem parteipolitischen Klientel-Denken herauskommt. Aber dafür, liebe Politiker:innen, müsst ihr eben eine Vision haben und den Mut, öffentlich dazu zu stehen und zu kämpfen.

Jannis Johannmeier, Co-CEO The Trailblazers

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