Anzeige

Premiere auf ProSieben

Erste Folge von „Zervakis & Opdenhövel Live“: Zwischen Biertasting und den Taliban

Foto: ProSieben/Benedikt Müller

Mit „Zervakis & Opdenhövel Live“ präsentiert ProSieben ein neues Format am Montagabend. Zwei Stunden lang sollen die Zuschauer informativ unterhalten und mit relevanten Themen gefordert werden, ohne dabei anstrengend zu sein. MEEDIA-Redakteur Ben Krischke hat sich die Premieren-Folge angesehen.

Anzeige

Mit „Zervakis & Opdenhövel Live“ präsentiert ProSieben ein neues Format, mit dem das Publikum „informativ unterhalten“ und mit „relevanten Themen“ gefordert werden soll, „ohne dabei anstrengend zu sein“. So hat es ProSieben-Chef Daniel Rosemann formuliert. Am Montag, 13. September, flimmerte nun erstmals das Duo Linda Zervakis und Matthias Opdenhövel über den Bildschirm. Mit von der Partie waren unter anderem der Sänger James Blunt, FDP-Vize Wolfgang Kubicki und Arbeitsminister Hubertus Heil von der SPD.

Noch während direkt nach „Galileo“ unter anderem die Biermarke Corona und Nintendo Switch warben, blendete der Sender die beiden Gastgeber bereits ein, wie sie durch den Backstage-Bereich der Sendung gehen. Noch kurz die Stirn von Opdenhövel abgetupft, ein bisschen an den Haaren von Zervakis gezupft, dann betreten die Gastgeber die Bühne. Applaus, Applaus. „Der Montagabend hat ein neues Klingelschild“, sagt Zervakis, „und auf dem steht Zervakis und Opdenhövel“.

Rosa Pullover, Loch in der Jeans

Für den ersten Beitrag – über den afghanischen Pop-Star Aryana Sayeed – wird das Licht im Studio gedimmt und durch ein großes Blau ersetzt. Im Einspieler wird erst ihr Werdegang nachgezeichnet. Dann geht es plötzlich um die öffentliche Hinrichtung von Frauen durch die Taliban. Schnitt. Sayeed gründet ein eigenes Modelabel und eröffnet eine Boutique. Schnitt. O-Ton. Schnitt. O-Ton. Eine Menschenmenge fordert ihren Tod.

Das Ganze wirkt ein wenig seltsam. Während immer wieder Bilder gezeigt werden, die so auch in einer seriösen Nachrichtensendung hätten laufen können, erzählt die Sängerin im rosa Pullover, mit Loch in der Jeans, während hinter ihr ein Designer-Sofa steht, von ihrer Flucht vor den Taliban; dramaturgisch flankiert von einem Sprecher aus dem Off. Das Ganze endet mit einem Ausschnitt aus einem ihrer Musikvideos. Sayeed steht in einer Wüste und singt, während der Wind ihr Haar tanzen lässt. ProSieben inszeniert sie als Heldin.

„Wir sehen, was den Frauen dort blüht“

Zurück im Studio sitzt Sayeed auf dem Sofa, stark geschminkt und in Leder-Kluft. Neben ihr sitzt nun auch die Fernsehjournalistin und Kriegsberichterstatterin Düzen Tekkal. Schnell wird klar, wohin die Reise von „Zervakis & Opdenhövel Live“ gehen könnte. „Wir wissen, was den Frauen dort (in Afghanistan) blüht“, sagt Tekkal. „Wir sehen, was den Frauen dort blüht.“ Ein bisschen „Stern TV“ ist da drin, ein bisschen „Taff“ und „Galileo“ – und eine Prise People-Magazin im Stil von „Red“.

Kurz darauf sitzt FDP-Vize Wolfang Kubicki in einem Taxi und wird von Wählern zur Bundestagswahl befragt. Eine Mischung aus „Anne Will“ und „Quiz-Taxi“. Seine Statements sind verkürzt aneinander geschnitten, eine Multiscreen-Optik sorgt für Hektik. Wo soll man da hingucken? Angelika, 78, Rentnerin, findet Kubicki „sympathisch“, sagt sie, außerdem sei man ja beide vom Sternzeichen her „Fische“. „Das sind die Besten“, soll Kubicki gesagt haben. Angelika freut’s. Kurz darauf muss Kubicki, der sich gerade noch eine Currywurst gönnte, ins Hotel Adlon rüber: auf’s Klo. „So deckt man eine breite Wählerschicht ab“, witzelt Opdenhövel später.

Gleiches Spiel mit Hubertus Heil. Martin, selbstständiger DJ, 45 Jahre alt, beklagt die Auswirkungen der Corona-Politik auf die Eventbranche. Heil pocht auf Eigenverantwortung und Solidariät. Raphael, 28, Student, will wissen, warum „so wenig“ über das bedingungslose Grundeinkommen diskutiert wird. Heil findet nicht, dass so wenig über das bedingungslose Grundeinkommen diskutiert wird. „Ist es überhaupt noch notwendig, dass jeder arbeitet?“, fragt Raphael. Arbeitsminister Heil bleibt trotzdem freundlich – und rät Raphael am Ende, in die SPD einzutreten.

„Wir hatten Glück, dass wir noch am Leben sind“

Im Anschluss geht’s um Bier mit dem Sänger James Blunt – und die Frage drängt sich auf, ob ein, zwei Halbe für die verbleibenden eineinhalb Stunden Sendezeit nicht auch dem Zuschauer helfen würden. Zervakis macht’s vor und Biertasting mit dem „bekennenden Bierliebhaber“, wie ProSieben James Blunt sinnfrei bauchbindet. Wo gerade noch der Terror der Taliban war, wird nun vor Oktoberfest-Kulisse kühles Blondes aus Steinkrügen getrunken. Die Blasmusik kommt vom Band. Zervakis mag eigentlich kein Bier, gesteht sie. Kurze Newsstrecke, dann ist Blunt weg und die Blasmusik verstummt.

Nach der nächsten Werbepause – und zum Abschluss dieser Premieren-Sendung – folgt der mit Abstand stärkste Teil der ersten Folge von „Zervakis & Opdenhövel Live“. Die Dreizimmerwohnung der Familie Hildebrandt aus Heppingen wurde im Zuge des Hochwassers im Ahrtal komplett zerstört. Im Einspieler und während des anschließenden Talks im Studio, lernt der Zuschauer ein nettes Paar kennen, das sich nicht entmutigen lassen will.

Sie wollen unbedingt wieder einziehen, erzählen die Hildebrandts, und sie erzählen von ihrer Dorfgemeinschaft, die sich gemeinsam gegen die Apokalypse stellte. Die vierjährige Marie, das ist eine gute Nachricht, kann mittlerweile immerhin wieder im Garten schaukeln. Die zweite gute Nachricht ist diese: „Wir hatten Glück, dass wir noch am Leben sind“, sagt Verena Hildebrandt. Und zum Schluss gibt es sogar eine kleine Überraschung für die junge Familie: ein neues Kinderzimmer für die Kleine. Mit ganz viel Rosa. Marie wird’s gefallen.

Als Stakkato ins heimische Wohnzimmer

Fazit: „Zervakis & Opdenhövel Live“ kommt als Stakkato ins heimische Wohnzimmer. Und weil zwischen den einzelnen, sprunghaften Beiträgen partout kein Zusammenhang erkennbar ist, hätte man die Sendung wohl auch rückwärts abspielen können – auf einem alten Schallplattenspieler zum Beispiel. Dann hätte, wer genau hinhört, vielleicht Rosemanns Stimme in Dauerschleife vernommen – samt wichtiger Botschaft für die Prime-Time-Zukunft von „Zervakis & Opdenhövel Live“: „Informativ unterhalten, ohne dabei anstrengend zu sein.“ Zervakis, die eigentlich kein Bier mag, hat sich beim Biertasting übrigens für das Pils entschieden – und das ausgerechnet in München.

Anzeige