Anzeige

Gastbeitrag

Kündigungswelle in Agenturen – was nach Corona wichtig ist

Oliver Blecken – Foto: www.an-kommuniziert.de

„In den letzten Wochen haben in meinem Team über 30 Prozent der Mitarbeiter gekündigt. Die Besten. Das wird ein Dominoeffekt. Das ist kaum zu kompensieren – vor allem kurzfristig nicht.“ So ähnlich wie Martin H. (Name geändert), stellvertretender Agentur-Geschäftsführer, geht es vielen Führungskräften in der Kommunikationsbranche. Oliver Blecken begibt sich für MEEDIA auf Sinnsuche.

Anzeige

Ein Gastbeitrag von Oliver Blecken

So ähnlich wie Martin H. (Name geändert), stellvertretender Agentur-Geschäftsführer, geht es aktuell vielen Führungskräften in der Kommunikationsbranche. Nach einem durch die Corona-Pandemie geprägten Jahr, in dem der Personalmarkt wie zementiert war, rollt jetzt auf die Personalabteilungen eine riesige Kündigungswelle zu. Für eine Agenturholding, die sich schon in „normalen“ Zeiten mit über 15 Prozent Personalfluktuation konfrontiert sah, könnte sich das leicht auf 300 bis 400 neu einzustellende und einzuarbeitende Mitarbeitende im nächsten Jahr aufsummieren. Eine kaum zu lösende Mammutaufgabe.

Was ist passiert?

Die Agenturen sind erstaunlich gut durch das Corona-Jahr gekommen. Die technische Umstellung zur Remote-Arbeit hat gut funktioniert, die Produktivität dabei nicht gelitten. Viele Mitarbeitende und Teams sind die Herausforderung mit großem Elan angegangen: virtuelle Kaffeepausen, geteilte Playlists, gemeinsame Chill-Out-Abende und vieles mehr haben – trotz stundenlanger anstrengender Videokonferenzen – etwas Neues und Verbindendes in das tägliche Miteinander gebracht.

Gleichzeitig haben Unsicherheit um die gesamtwirtschaftliche Entwicklung und betriebsbedingte Kündigungswellen in einigen Agenturen dazu geführt, dass Mitarbeitende ein hohes Bedürfnis nach Sicherheit verspürten und so trotz innerem Wechselwillen an ihren Jobs festgehalten haben. Ein Teil der aktuellen Kündigungen war also nur aufgeschoben.

Vor allem zwei Aspekte bei Kündigern

Wenn man mit Menschen spricht, die gerade gekündigt haben, fallen zwei wesentlich wichtigere Aspekte auf. Ein bemerkenswerter Teil von ihnen wechselt nicht einfach in eine andere Agentur, um dort mit anderem Titel, höherem Gehalt und in einer vermeintlich besseren Stimmung seine Arbeit fortzuführen. Ein bemerkenswerter Teil hat sich nämlich dazu entschlossen, der Branche komplett den Rücken zu kehren, um eine andere berufliche Karriere zu starten. Das Corona-Jahr mit all seinen Umwälzungen und Unsicherheiten und die räumliche Distanz zu Agentur und Kollegen haben dazu geführt, dass sich viele Angestellte die Sinnfrage gestellt haben. Offensichtlich sehen viele keinen ausreichenden Sinn mehr in ihrer Agenturarbeit, der die damit verbundenen Anstrengungen und Mühen rechtfertigt.

Der zweite Aspekt verstärkt das noch: Der soziale Kitt in den Teams schwindet. Und das ist die eigentliche Gefahr für die Agenturen. Das Geschäftsmodell von Agenturen funktionierte immer auch deshalb, weil viele Mitarbeitende bereit waren, mehr als 100 Prozent zu geben. Unbezahlte Überstunden zu machen. Es aufzufangen, dass in chronisch unterbesetzten Abteilungen selbst freigegebene Stellen nicht nachbesetzt waren.

Dafür bildeten sich Teamspirit und Korpsgeist: „Wir rocken das zusammen“, habe ich in meiner Agenturzeit oft gehört. „Wir halten schwierige Chefs und anstrengende Kunden gemeinsam aus. Wir stützen uns gegenseitig. Sind nicht allein. Bestellen spät am Abend Pizza, gehen zusammen feiern. Schaffen alles gemeinsam.“

Das gemeinsame Leiden vor Ort hat die Teams zusammengeschweißt und so die Bindung an die Agenturen stabil gehalten. Denn die Agenturmarken für sich betrachtet sind heutzutage oft austauschbar. Das, was den Zusammenhalt der Menschen und die Bindung zur Agentur wirklich stärkt, ist das direkte soziale Umfeld und Ökosystem. Die Präsenz ermöglichte eine andere Nähe, Vertrautheit und Bindung untereinander.

Corona-Pandemie wie Brandbeschleuniger

Im Homeoffice funktioniert das nicht mehr so. Man lacht nicht mal einfach so miteinander. Man sieht nicht sofort, wenn es jemandem mal nicht gut geht und sie oder er ein offenes Ohr oder Unterstützung benötigt. Es gibt keinen sozialen Druck, sich genauso wie und für die Kollegen einzusetzen. Es gibt keine gefühlte Kernarbeitszeit mehr, denn man kann im Homeoffice noch besser rund um die Uhr arbeiten. Und man sitzt nicht abends gemeinsam im Büro, sondern ist ganz allein zuhause mit seiner Arbeit, seinen Sorgen und Nöten.

Die Corona-Pandemie wirkt wie ein Brandbeschleuniger: Der Zusammenhalt nimmt ab, die Mitarbeitenden entfernen sich innerlich von den Unternehmen und kündigen.

Wie können Agenturen auf diese Gefahren reagieren?

Wenn Mitarbeitende keinen Sinn mehr in ihrer Arbeit finden, wäre es für die Agenturen an der Zeit, das anzuerkennen und darauf zu reagieren. Agenturen, die ihren Kunden ständig predigen, diese sollten sich einen „Purpose“ geben, haben oft selbst nicht verstanden, dass auch sie ihren Mitarbeitenden einen Sinn in ihren Tätigkeiten vermitteln sollten. Und dass dieser Sinn nicht in der Maximierung der Boni von Herrschaften wie ehemals Sir Martin Sorrell und anderen Inhabern oder (anonymen) Shareholdern liegen kann.

Die größte Chance und die Verantwortung liegen bei den Führungskräften selbst. Nur sie sind in der Lage, den fehlenden sozialen Kitt wieder auszugleichen. Sie werden (noch) mehr führen müssen, als sie das bis jetzt schon getan haben (oder auch nicht, aber das ist wieder ein anderes Thema). Alte Führungsmuster und -mechaniken aus der Präsenzzeit greifen dabei oft nicht mehr. Es gilt die individuelle Zuwendung und Bindung zu den Teammitgliedern zu pflegen und stärken. Deren Bedürfnisse zu erkennen und gleichzeitig die eigene Haltung zum Verständnis von Führung zu reflektieren und, wenn nötig, weiterzuentwickeln.

Natürlich kann diese Herausforderung durch eine Veränderung von Führungsstrukturen und die Delegation von Verantwortungen in den Teams adressiert werden. Doch am Ende des Tages benötigen Führungskräfte dafür vor allem mehr Zeit zum Führen. (Und vielleicht auch mal einen guten Coach an ihrer Seite – aber auch das ist wieder ein anderes Thema.)

Eingespartes Geld sollte Führungskräften zur Verfügung gestellt werden

Viele Agenturen haben angekündigt, ihren Mitarbeitenden nach der Pandemie bis zu 80 Prozent Homeoffice zu ermöglichen. Damit lassen sich in der Zukunft signifikant Bürofläche und Kosten reduzieren. Es ist verlockend, das eingesparte Geld zur kurzfristigen Gewinnmaximierung direkt in die Bottom-Line zu schieben. Es könnte aber auch eingesetzt werden, um Führungskräften mehr Ressourcen für ihre eigentliche Hauptaufgabe – das Führen – zu verschaffen. Den Agenturen, die das erkennen, wird es auch in der Zukunft besser gelingen, ihre Mitarbeitenden längerfristig an sich zu binden.

Martin H. unterdessen hofft jetzt darauf, dass sein CEO, die Personalabteilung und die Headhunter das Personalproblem doch noch irgendwie lösen. „Sonst muss ich mir selbst überlegen, ob ich das so noch weiter machen möchte.“

Oliver Blecken hat 26 Jahre lang in Management-Positionen für Agenturen in Deutschland und International (z.B. bei Mediacom und JWT – heute Wunderman Thompson) gearbeitet. Heute hilft er als Coach und Mediator Führungskräften und Teams dabei, Herausforderungen und Krisen zu meistern.

Anzeige