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Wochenrückblick

Bei G+J dürfte sich die Begeisterung über die nationale Championade des Bertel-Bosses in Grenzen halten

Bertelsmann-Chef Thomas Rabe filetiert Gruner + Jahr und RTL darf sich das saftigste Stück einverleiben. Bei Springer knallen wegen 86 Cent Beitragserhöhung Sicherungen durch. Es gibt Missverständnisse um „Woke-Wahnsinn“ bei Amazon. Und Olaf Scholz hat kampagnenmäßig die Nase vorn. Die MEEDIA-Wochenrückblick-Kolumne.

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Das einzig Überraschende an der heute verkündeten großen G+J/RTL-Fusion ist, wie konsequent das Projekt nun doch durchgezogen wird. RTL kauft die deutschen Magazinmarken von Gruner, also „Stern“, „Brigitte“, „Geo“ usw. für 230 Mio. Euro. Randgeschäfte wie die DDV Mediengruppe („Sächsische Zeitung“), Territory, die AppLike Group sowie die 25-Prozent-Beteiligung von G+J an der „Spiegel“-Gruppe sind von dem internen Deal ausgenommen. De facto handelt es sich also um eine Zerschlagung von Gruner + Jahr. Das Kerngeschäft verleibt sich RTL ein. Was übrig bleibt flottiert als Rest-G+J im Bertelsmann-Reich. Schaun mer mal, was man damit in Zukunft macht. Vielleicht findet sich für das eine oder andere Asset ja ein Kauf-Interessent. Strategisch ergibt das alles schon Sinn, bitter für das einst stolze Haus G+J ist es trotzdem. Gestern verstarb Gerd Schulte-Hillen. Der Name des früheren, langjährigen Gruner-Vorstandschefs ist wie kaum ein anderer mit dem Aufstieg von G+J zum internationalen Medienplayer verbunden. Heute ist das alte G+J endgültig Geschichte. In Hamburg wird sich die Begeisterung über die nationale Championade von Thomas Rabe in engen Grenzen halten. Ganz vorsichtig gesprochen. Die kleinen Brötchen, die dort schon seit einiger Zeit gebacken werden, werden wohl noch ein wenig kleiner.

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Was ist bloß mit den Leuten bei Springer los? Die absolut erwartbare Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts, dass die 86 Cent Beitragserhöhung für die Öffentlich-Rechtlichen in Ordnung sind, hat bei „Bild“ und „Welt“ eine Art kollektive Raserei ausgelöst. Gnadenlos werden niedrigste Instinkte bedient und es wird ohne Sinn und Verstand verbal auf ARD, ZDF und das Verfassungsgericht eingedroschen. Dabei sollte den Journalisten doch klar sein, wie die öffentlich-rechtliche Finanzierung funktioniert. Dass das komplizierte KEF-Vorschlagssystem ja gerade dazu da ist, die Staatsferne des ÖR sicherzustellen. Berechtigte Kritik an Inhalten von ARD und ZDF hat eben gerade nichts mit der Finanzierungsfrage zu tun. Genau darum geht es ja! Wenn die Finanzierung an Inhalte gekoppelt wäre, hätte die Politik direkten Einfluss auf den ÖR. Stattdessen Furor und virtueller Schaum vor dem Mund, wohin man blickt im Springer-Reich. Mitarbeiter echauffieren sich auf Twitter ernsthaft über irgendeine Funk-Doku, in der es um Dominas ging. Von mir aus. Aber dieser geifernde, Fakten verdrehende Sound. Das kann einem wirklich Angst machen.

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Apropos Fakten verdrehen. Diese Woche geisterte mal wieder das so genannte „Inclusion Playbook“ von Amazon Studios durch einige Medien. Das Ding ist eine Art Handreichung, wie man bei Produktionen der Amazon Studios künftig mehr Diversität sicherstellen kann. „Bild“ schrieb schon vor Wochen darüber – natürlich schäumend – unter der Dachzeile „Woke-Wahnsinn“. Die Zeitung suggerierte stark, dass bei Amazon Film- und Serienproduktionen künftig nur noch Behinderte von Behinderten gespielt werden dürfen, Schwule von Schwulen, Franzosen von Franzosen usw. Shocking! Dabei steht das so gar nicht in dem „Inclusion Playbook“, sondern in einer Broschüre, auf die das „Playbook“ lediglich verweist. Die ehrwürdige „Zeit“ hat die Verdrehung der „Bild“ in einem Text dann sogar übernommen. Hat der Autor da etwa zuviel „Bild“ gelesen?

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Die Sozen haben es nicht leicht. Aktuell hat aber zumindest ihr Kandidat Olaf Scholz ein bisschen Oberwasser. Während CDU-Mann Armin Laschet und Grüne Ex-Hoffnungsträgerin Annalena Baerbock von Fettnapf zu Fettnapf eilen, macht der Scholz-O-Mat bella figura in einer Marken-Regenjacke. Diese Woche hat die SPD nun ihre Rest-Kampagne für die Wahl vorgestellt. Ich muss sagen: Ich finde die gelungen. Die Idee mit den Matroschka-Puppen ist originell.

Die Plakat-Motive mit dem Briefwahl-werbenden Scholz knallen ins Auge. Und das Plakat auf Malle, das Impfmüde munter machen soll „Schatzi, schenk mir ne Dosis!“ war endlich mal wieder witzige Polit-Werbung.

Good Job, Raphael Brinkert & Kollegen!

Schönes Wochenende!

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