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"Schere im Kopf"

Was hat es mit Jan Hofers Selbstzensur-Vorwurf gegen die „Tagesschau“ auf sich?

Jan Hofer ist ab Mitte August als Anchorman bei RTL zu sehen.

Jan Hofer ist ab Mitte August als Anchorman bei RTL zu sehen – Foto: RTL

Die neue Nachrichtensendung „RTL direkt“ soll „ohne Schere im Kopf“ stattfinden, sagt der neue RTL-Anchorman Jan Hofer. Eine Andeutung, die gängige Feindbilder bedient und ein Schuss, der nach hintern losgegangen sein dürfte.

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Jan Hofer ist sicher kein Mann der unbedachten Äußerungen. Nach über drei Dekaden klar artikulierter Ansagen zu fest getakteten Zeiten in perfekt sitzenden Anzügen geht das vermutlich auch nicht anders. Auch der emotionale Abschied von Jan Hofer von der „Tagesschau“ etwa war kein Zufall. „Ich habe das geplant“, sagt Jan Hofer. Im GQ-Podcast „Nice am Stil“ erklärt der ehemalige „Mr. Tagesschau“, wie er die letzten 18 Sekunden Sendezeit einstudiert hat, Wort für Wort, Griff für Griff. So hat er sich Ende 2020, nach 35 Jahren beim Öffentlich-Rechtlichen von seiner Krawatte, seiner Aufgabe, dem Sender und dem Publikum verabschiedet.  

Jan Hofer weiß um die Wirkung seiner Worte

Später im Podcast spricht ihn Moderatorin Ullmann auf den Unterschied zwischen seiner alten beruflichen Heimat „Tagesschau“ und seiner neuen, den neuen RTL-Nachrichten, an. Man kann davon ausgehen, dass Hofers Antwort hier auch nicht unbedacht erfolgte: Das neue Format würde „anders, kleiner, hoffentlich effektiver und ohne Schere im Kopf“ stattfinden. Punkt. Mehr kommt nicht. Keine Erklärung, keine Konkretisierung, und auch keine Nachfrage von Ullmann. Was bleibt? Ein Vorwurf, der diejenigen bedient, die es schon immer wussten oder zu wissen glaubten: Bei der meistgesehenen Nachrichtensendung der Republik herrscht Selbstzensur unter den Journalisten. Die Nachrichten, die die Öffentlich-Rechtlichen senden, das sind nicht die Nachrichten, die man eigentlich senden müsste und so weiter. Telegram bietet sicher mehr Stoff für weitere Legenden. Dabei war Hofer selbst als Sprecher nicht einmal in der Position, Einfluss auf die Inhalte zu haben. Wo also soll da eine „Schere im Kopf“ angesetzt haben. Oder bezieht sich die Aussage auf die ehemaligen Kollegen? Es bleibt bei einer gefährlichen Andeutung, die der ehemalige Chefsprecher mal eben in einem Unterhaltungspodcast fallen gelassen hat. Aus Unachtsamkeit? Sicher nicht. Jan Hofer weiß um die Wirkung seiner Worte, er wird sich auch auf dieses Gespräch gründlich vorbereitet haben. Und er wird sich ganz genau überlegt haben, welche Aussagen er platzieren möchte. Dafür ist er Profi genug. 

Kein guter Stil vom neuen RTL-Anchor

Mitte August startet „RTL direkt“. Das neue Nachrichtenformat sendet vier Tage von Montag bis Donnerstag, immer um 22.15 Uhr für eine halbe Stunde. Damit wird „RTL direkt“ als Konkurrenz zu Hofers altem Arbeitgeber positioniert. Konkurrenz kann nicht schaden, auch bei Nachrichten. Aber Jan Hofers kurzer Satz mit vermeintlich großer Wirkung erscheint wie ein schlechter Werbeversuch für den neuen Sender. Der Seitenhieb dürfte ein unlauterer Tiefschlag gewesen sein. Im Stil-Podcast zeugt das von wenig gutem Stil des neuen RTL-Anchors.

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