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Menschen und Marken

Wie der Fußball so das Land

Frank Dopheide – Illustration: Bertil Brahm

Europa hatte sein großes Fußballfinale – und Deutschland schaute vom Spielfeldrand zu. Nach dem Vorrundenaus bei der WM 2018 reichte es dieses Mal auch nur fürs Achtelfinale, das die DFB-Elf gegen England verlor. Der hängende Kopf, so scheint es, ist allmählich symptomatisch für das Land.

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Die Spielweise und die Verfassung der deutschen Ballakteure weisen augenscheinlich große Parallelen zu unseren Top-Playern in Wirtschaft und Politik auf. Zufall?

Wagen wir eine Spielanalyse

Auch 2014 standen Angela „Angie“ Merkel und Joachim „Jogi“ Löw schon auf dem Platz. Sie waren, was Prinz William und seine Kate für England sind – ein Traumpaar. Auf dem Spielfeld ihrer Profession zählten sie zu den Taktgebern und Spitzenreitern. Und Deutschland fühlte sich als Weltmeister aller Klassen.

Sieben Jahre später haben die beiden und unser Land viel von diesem Glanz verspielt. Die Mut- und Ideenlosigkeit unserer Mannschaften im internationalen Wettbewerb erschreckt uns: in Wembley, in Berlin und auch auf vielen Top-Etagen der ersten deutschen Wirtschaftsliga. „Die Mattigkeit des hochdotierten Human Capital im Bundesadler-Jersey entspricht dem lähmenden Zukunfts-Gestocher, überall Mikro-Initiativen und hingeworfene Wunschkennziffern, nirgends ein großer Plan“, schreibt Hans-Jürgen Jacobs, Senior Editor des „Handelsblatt“ und trifft uns mit seiner Analyse mitten ins Herz. Auf wichtigen Feldern besetzt Deutschland nicht entschlossen genug die Räume der Zukunft. Unsere Spielsysteme wirken überholt, doch die Spielführer halten mit großem Starrsinn an ihren Erfolgsmodellen vergangener Tage fest. Risiko- und Spielfreude sind verloren gegangen. Außer Disziplin und Plattitüden haben wir nicht mehr viel zu bieten. Wir laufen nach Schema F. Folgerichtig haben wir in letzter Zeit eine Reihe krachende Niederlagen kassiert und Eigentore geschossen – der Berliner Flughafen und die Autobahnmaut sind nur zwei tragische Beispiele. Das bleibt nicht ohne Nebenwirkungen. Jetzt spielt die Angst vor dem Abstieg mit. Und so droht Deutschland auch abseits des Rasens in zentralen Bereichen das Vorrundenaus: Digitalisierung, Bildung, Altersvorsorge. Statt uns mit Haut und Haaren in den Wettbewerb zu stürzen, analysieren wir jeden Fehler in Superzeitlupe und aus allen Perspektiven. Weltmeister im Theoretisieren und Besserwissen sind wir schließlich noch.

„Wir laufen nach Schema F.“

Wir haben mit Professionalität, Logik und Sachlichkeit unseren legendären Kampfgeist erstickt und uns so einer unserer größten Stärken beraubt. Egal in welcher Disziplin – Politik, Wirtschaft oder Sport –, wenn Deutschland auflief, war Respekt mit im Raum. Die Favoritenrolle ist nur noch ein Relikt aus alten Tagen. Heute führt selbst Gary Linneker Freudentänze auf, wenn England uns aus dem Turnier wirft. Schlaflose Nächte bereiten ihm die Deutschen nicht mehr.

Überraschenderweise ist auf allen Spielfeldern das Narrativ immer dasselbe: Wir haben unser Bestes gegeben, natürlich auch Fehler gemacht und ein bisschen Pech gehabt. Wir müssen das jetzt erst einmal in Ruhe analysieren. Kommt Ihnen das bekannt vor? Jens Spahn, Annalena Baerbock, Armin Laschet, Franziska Giffey, Jogi Löw, DFB-Präsident Fritz Keller, der Finanzminister und sein Bafinchef (in der Wirecard Affäre) und die zahllosen Wirtschaftsprüfer von Ernst & Young EY nicht zu vergessen. Mit dieser Einstellung gewinnt man keine Wettbewerbe, keine Anhänger, nicht mal einen Blumentopf.

Das ewige Gesetz des ehemaligen Duisburger und Dortmunder Fußballgotts Alfred Preissler hat auch nach siebzig Jahren nichts von seiner Wahrhaftigkeit verloren: „entscheidend is´ auf´m Platz“. Und da ist viel verloren gegangen.

Unsere Taktik ist die Optimierung, nicht das Überraschungsmoment. Die Beharrungskräfte der Institutionen scheinen unüberwindbar. Alte Erfolgsmodelle werden zu Tode geritten. Die Nationalmannschaft, Wirtschaft und Politik haben wertvolle Zeit verloren. Evolutionäre Weiterentwicklung führt ins Aus, wenn sich das Spielsystem ändert und auf „Disruption“ schaltet. Das Persil Prinzip – da weiß man, was man hat – zieht nicht mehr. Wir sind in Gefahr, bald nicht mehr oben mitzuspielen. In allen Ecken und Enden unseres Landes brauchen wir einen neuen Spielertypus. Jemanden, der das Spiel gestalten kann.

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Frank Dopheide war Chairman von Grey und Geschäftsführer beim „Handelsblatt“. Zuletzt hat er die Purpose-Agentur Human Unlimited gegründet. Für MEEDIA schreibt er über Menschen, Marken und Menschenmarken.

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