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Die GAFA-Kolumne

Werden Apple und Amazon die Comeback-Stars des zweiten Halbjahres?

Nils Jacobsen – Illustration: Bertil Brahm

Auch Big Tech schreitet nicht immer im Gleichschritt voran. Apple und Amazon hinken Alphabet und Facebook 2021 an der Wall Street bislang überraschend hinterher. Haben der iPhone-Konzern und E-Commerce-Riese Nachholbedarf?

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Das ging schnell: 2021 ist schon wieder fast zur Hälfte Geschichte. Erstaunlich dabei: Um GAFAs war es in den ersten sechs Monaten des Jahres überraschend ruhig geworden. Ein Paar inzwischen routinemäßige Anhörungen in Capitol Hill, die für die Big Tech bislang ohne Konsequenzen blieben, ein bisschen verbales Säbelgerassel zwischen Apple und Facebook nach dem iOS 14.5-Update und den Folgen des Werbetrackings – und der überraschende Exodus von Jeff Bezos als Amazon-CEO, der indes noch überraschender zum medialen Nonevent wurde.

Für geräuschvolle Ausrufezeichen sorgte indes Big Tech-Lautsprecher Elon Musk mit seinen Twitter-Exzessen und seiner Bitcoin-180-Gradwende. Die kontroverse Kryptowährung und Memaktien wie GameStop und AMC sorgten unterdessen für die konstanteren Schlagzeilen als Big Tech.

Für die GAFAs war das ungewohnte Schattendasein keinesfalls von Nachteil – im Gegenteil. An der Wall Street teilte sich das Feld im ersten Halbjahr allerdings überraschend auf. Während die GAFA-Aktien 2020 und 2019 noch durchweg spektakuläre Renditen verbuchen konnten, gilt das in den ersten sechs Monaten nur für die Hälfte der großen Vier.

Eine Woche vor Halbjahresende stehen Alphabet und Facebook als die überraschenden Performance-Gewinner da. Der Mutterkonzern der führenden Internetsuchmaschine, der inzwischen fast nur noch zur Entwicklerkonferenz in den Schlagzeilen auftaucht, konnte in den ersten sechs Monaten ein Kursplus von enormen 40 Prozent verbuchen, während es Facebook auch schon auf Zuwächse von 24 Prozent bringt. Beide Internet Champions konnten im Juni zudem ihr Allzeithoch verbessern.

Auf der Kehrseite der Medaille stehen die beiden wertvollsten GAFA: Apple, mit einer Marktkapitalisierung von 2,2 Billionen Dollar bis auf einen Tag im ersten Halbjahr weiterhin der wertvollste Konzern der Welt, während Amazon mit einem Börsenwert von 1,75 Billionen Dollar weiterhin wertvollster Internetkonzern der Welt ist.

Allerdings: Beide Digital-Schwergewichte haben in den ersten sechs Monaten schwächer performt als die Vergleichsindizes Nasdaq 100 (11 Prozent Plus) oder S&P 500 (13 Prozent Plus). Während Amazon seit Anfang Januar um immerhin 7 Prozent vorne liegt, kämpft Apple bis heute überhaupt um positive Notierungen.

Die Erklärungen für die relative Underperformance sind schnell gefunden. Bei Amazon wurde die starke Weihnachtsbilanz zu Jahresbeginn vom CEO-Rückzug von Jeff Bezos überlagert. Dass der Gründer des E-Commerce-Giganten nach 27 Jahren als CEO von Bord geht, ist vergleichbar mit der Personalie Steve Jobs bei Apple zu Beginn des vergangenen Jahrzehnts.

Als sich abzeichnete, dass Jobs dem iKonzern nicht mehr länger erhalten bleiben würde, tendierte die Apple-Aktie 2011 trotz eines exzellenten Geschäftsverlaufs lange Zeit seitwärts. Die Würdigung des Wachstums wurde unter Nachfolger Tim Cook in seinen ersten zwölf Monaten als CEO mit spektakulären Kurszuwächsen nachgeholt. Ob sich ein ähnliches Szenario unter Andy Jassy wiederholt? Möglich, dass es wie bei Cook ein paar Monate, wenn nicht Quartale dauern könnte, bis die Wall Street mit dem neuen Vorstandschef warm geworden ist.

Apropos spektakuläre Kurszuwächse: Die sind wiederum bei Apple in erster Linie für die enttäuschende Performance in den ersten Monaten verantwortlich. Die Anteilsscheine des iKonzerns legten 2020 um sage und schreibe 83 Prozent zu, nachdem die Apple-Aktie bereits 2019 89 Prozent an Wert gewonnen hatte. Entsprechend scheinen Anleger die Vorjahreserfolge 2021 erst mal zu verdauen.

Wedbush-Analyst Dan Ives führt zudem den jüngsten Prozess mit Epic Games und regulatorische Bedenken für die aktuelle Kursschwäche an, nennt aber trotzdem ein 12-Monats-Kursziel von 185 Dollar, das auf dem Niveau einem Plus von mehr als 40 Prozent entsprechen würde. Katalysator dafür dürften einmal mehr die neuen Produktvorstellungen im Herbst sein. Nach dem iPhone ist bekanntlich vor dem iPhone…

+++ Short Tech Reads +++

CNBC: Facebook für Morgan Stanley weiter „Top-Wahl“

Auch nach Kurszuwächsen von 24 Prozent seit Jahresbeginn bleibt die Facebook-Aktie für die US-Investmentbank Morgan Stanley unter den großen Social-Media-Unternehmen „erste Wahl“. Im optimistischsten Szenario sehen die Analysten Aufwärtspotenzial von weiteren 30 Prozent – nämlich auf 440 Dollar.

NYT: Google leidet unter Sundar Pichais Führung

Nanu: Bei Alphabets Cashcow Google läuft es so gut wie nie zuvor – und trotzdem brodelt es in der Belegschaft, wie die „New York Times“ berichtet. Laut der US-Renommeezeitung ist intern Kritik von Führungskräften an Managementstil von Sundar Pichai aufgekommen, der zu langsam sei und risikoscheu agiere.

Vice: Petition wünscht Jeff Bezos einen One-way-Flug ins All

Jeff Bezos hat bekanntlich auch nach seiner Zeit im Chefsessel bei Amazon einiges vor. Gerade mal zwei Wochen nach seinem Abschied als Chef des wertvollsten Internetkonzerns der Welt, will Bezos mit seinem Raumfahrtunternehmen Blue Origin ins All fliegen – wenn auch nur für wenige Minuten. Dass sich Bezos mit der Ankündigung indes nicht nur Freunde gemacht hat, wird aus einer Online-Petition deutlich, nach der bis zur Stunde über 80.000 Unterzeichner dem 57-Jährigen einen One-Way-Flug wünschen…

+++ One more Thing: Alle Bitcoin-Gewinne 2021 waren kurzzeitig weg +++

Wenn es die Bitcoin-Story nicht geben würde … man müsste sie erfinden. Warum Aaron Sorkin oder David Fincher noch nicht an einem Dramedy im Stile von „The Big Short“ arbeiten – rätselhaft. In diesem Finanzkrimi des Jahres 2021 wird tatsächlich alles geboten: Eine rätselhafte Währung, der Traum vom schnellen Reichtum, jede Menge Sex-Appeal der Kryptowährung als auch einiger Anhänger (Paris Hilton! Tom Brady!), ein Tech-Mogul, der dem mysteriösen Geld selbst erliegt (Elon Musk!), ein in die Jahre gekommener Softwarepionier, der sein Unternehmen verwettet und Milliardenschulden aufnimmt, um die magische Digitalvaluta zu kaufen (Michael Saylor!), Marktkommentatoren, die den Coin mal feiern, dann wieder fallen lassen (CNBC-Lautsprecher James Cramer spielt sich selbst) – und ein böser, wenn auch absehbarer Crash, der die Apologeten am Ende wie Clowns aussehen lässt.

Würde diesmal alles anders als bei früheren Spekulationsblasen sein? Für zwei, drei Monate sah es tatsächlich so aus: Der Bitcoin legte 2021 bereits nach sieben Wochen um knapp 100 Prozent, nach dreieinhalb Monaten dann gar um 120 Prozent zu, ehe nach knapp sechs Monaten beim Sturz von 65.000 auf gestern unter 29.000 Dollar sogar Minuszeichen aufleuchteten; danach griffen Schnäppchenjäger wieder zu und hievten die Cyberdevise wieder über die Marke von 30.000 Dollar. In anderen Worten: Mehr Volatilität geht kaum. In der Schlussszene würden in einer Bar in Miami Musk, Saylor, Brady und Hilton bei Schirmchencocktails zusammenstehen und sich trotzig zuprosten: „Buy the Dip!“

In diesem Sinne: Cheers + bis nächste Woche!

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