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Baerbock und die Medien: Hart aber fair, bitte!

Virginie Briand – Illustration: Bertil Brahm

In der Polemik, wie unterschiedlich Medien mit Frauen und Männern umgehen, liegt eine Chance. Denn die öffentliche Arena sorgt immer auch für Aufmerksamkeit.

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Stellen Sie sich vor, eine amtierende Bundeskanzlerin wäre nach einem desaströsen Wahlergebnis in der Elefantenrunde voller Hybris ausfallend geworden – und dem künftigen Bundeskanzler und den Moderatoren ins Wort gefallen. Und stellen Sie sich nun einmal vor, der männliche EU-Kommissionspräsident wäre bei einem Staatsbesuch in der Türkei auf ein Sofa verwiesen worden, während sich die türkische Staatschefin und die EU-Ratspräsidentin in zwei Sesseln den Fernsehkameras präsentierten.

Beides unvorstellbar, meinen Sie?! Womöglich haben Sie Recht. 

Denn, mächtige Männer haben es immer noch deutlich leichter als mächtige Frauen. Dem Powermann wird meist von der Partnerin der Rücken freigehalten und medial der Hof gemacht. Wenn starke Männer aus Politik und Wirtschaft keine Steuern hinterziehen oder Gelder veruntreuen, dann haben sie ein eher einfaches Leben in den Medien. Inhalte zählen, nicht die Outfits.

Und die Frauen? Die werden wie im Fall der Kanzlerkandidatin Anna-Lena Baerbock in Interviews gefragt, wie denn die Rollen Kanzlerin und Mutter zusammenpassen, ohne dass Amt oder Kinder leiden würden. Und wie sie im Falle eines Wahlsieges ihr Leben organisieren würde. Männern werden solche Fragen öffentlich eher selten bis gar nicht gestellt.

Ich habe den Eindruck, starke Frauen erzeugen bei manchen Journalist*innen eine Gegenwehr bis hin zum Gegenwind. Sie polarisieren, wie die heiter bis wolkige Diskussion um die Tatsache zeigt, ob sich Baerbock mit Masterabschluss in England, aber ohne Bachelorabschluss in Deutschland eigentlich mit gutem oder schlechtem Recht „Völkerrechtlerin“ nennen darf.

In der Polemik mag eine Chance liegen, denn sie sorgt immer auch für Aufmerksamkeit. Es ist aber gleichermaßen eine emotionale Last, die erfolgreiche Frauen wie einen Rucksack mit sich rumtragen. Denn ein „Wettstreit“ auf Augenhöhe (um Posten, Werte, Ideen, Visionen) im Jahr 2021 sollte anders aussehen. 

Müssen Frauen in Führungspositionen das akzeptieren? Nein, natürlich nicht. Müssen „wir“ uns erklären? Leider ja. Ihr Ehemann würde sich im Falle eines Wahlsieges komplett um die Kinder kümmern, teilte Anna-Lena Baerbock kürzlich mit.

Das ist mindestens genauso bitter wie das „Sofagate“, das wir alle kürzlich in der Türkei gesehen haben. Dass hier eine Spitzenpolitikerin wie Ursula von der Leyen von ihren männlichen Gastgebern (und dem ganzen Protokollstab!) auf ein Sofa sprichwörtlich „herabgesetzt“ wurde, hat mehr als Symbolkraft. „Ich kann in den Europäischen Verträgen keine Erklärung für meine Behandlung finden. Deshalb muss ich den Schluss ziehen, dass ich so behandelt wurde, weil ich eine Frau bin“, wurde von der Leyen später zitiert. Die Fernsehbilder, wie sie nach einem hörbaren „Ähmm“ überrascht auf einem Sofa Platz nahm, während der EU-Ratspräsident Charles Michel sich auf den Sessel neben den türkischen Präsidenten setzte, gingen jedenfalls um die Welt.

„Die Polemik ist Chance und Last“

All das sollte Medienmacher und Kommunikationsprofis zum Nachdenken anregen. Denn auch und gerade in der öffentlichen Arena sollte Chancengleichheit gelten. Wollen wir alle hoffen, dass Entscheider in Politik und Medien aus diesen Protokoll- beziehungsweise Systemfehlern lernen. Und die Chancen sehen. Und die Gleichheit leben.

Denn welche Chancen gäbe es hier für sensible und empathische Kommunikatoren im Medien- und Politikzirkus könnten Sie doch Rückgrat beweisen, indem sie durch Worte, Symbole und Handlungen ihren Unmut äußern und für Chancengleichheit eintreten. Denn Fakt ist: Am Ende profitieren doch alle von der Chancengleichheit in der öffentlichen Arena: Moderne Frauen und moderne Männer. 


Virginie Briand ist Co-Gründerin und Managing Partner der Agentur 19:13. Hier schreibt sie darüber, wie Marken sich erfolgreich wandeln können.

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