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Wochenrückblick

Fischt die „Welt“ nach Abos in der Querdenker-Szene?

Fischt die „Welt“ mit zweifelhaften Stücken nach Abos in der Querdenker-Szene? Warum sagt die Springer-Kommunikationsabteilung dem „Bild“-Chef nicht, was der „Spiegel“ von ihm wissen will? Und wo zum Teufel kann man in Deutschland das „Friends“-Reunion-Special gucken? Fragen über Fragen in der MEEDIA-Wochenrückblick-Kolumne.

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Am Montag veröffentlichte Thomas Laschyk auf der Website „Volksverpetzer“ (leider ein sehr unglücklicher Name, meine Meinung) einen Faktencheck zu dem „Welt“-Interview mit dem Gesundheitsökonomen Professor Matthias Schrappe. Der hatte zusammen mit weiteren Autoren ein „Thesenpapier“ zur Auslastung der Intensivstationen in Deutschland während der Pandemie veröffentlicht. Das Papier kommt – ganz grob gesagt – zum Ergebnis, dass eine Überlastung der Intensivstationen nicht so unmittelbar bevorstand, wie von zahlreichen Intensivmedizinern der Eindruck erweckt worden sei. Im „Welt“-Interview stellte Prof. Schrappe die Thesen ausführlich und im wesentlichen unwidersprochen dar. Unter der Dachzeile „Falsche Zahlen“ bei der „Welt“ steht die Überschrift: „Es geschehen bei den Intensivstationen seltsame, unverständliche Dinge“ (€). Dazu gab es noch einen Kommentar mit der rückblickend gewagten Überschrift „Immer schön bei der Wahrheit bleiben!“ (€) unter der Dachzeile „Auslastung der Krankenhäuser“. Beide Stücke hatten so ziemlich alle Zutaten, um ein Corona-skeptisches Publikum (um das Mindeste zu sagen) anzulocken und so kam es auch. Wie der „Medien Insider“ (€) berichtet, erzielten das Interview und der Kommentar Rekordzahlen bei den Abo-Abschlüssen der „Welt“. Der „Medien Insider“ zitiert aus einer internen Mail von Digitalchef Oliver Michalsky, der der Autorin des Kommentars und Interviews überschwänglich gratuliert.

Parallel baute sich eine massive Welle an Kritik an den Stücken auf. Wie sich zeigt, strotzte das Thesenpapier der angesehenen Wissenschaftler nur so vor Fehlern, die dann auch im Interview wiedergegeben wurden. Beim „Volksverpetzer“ kann man das genau nachlesen. Intensivmediziner von Divi, Marburger Bund und DKG weisen das Papier als Desinformation zurück und kritisieren die darin enthaltenen „irreführenden Vorwürfe aufs Schärfste“. Mittlerweile wurde das Papier überarbeitet, die groben Fehler ausgebessert und auch die „Welt“ hat ein ausführliches Faktencheck-Stück zu ihrem Interview nachgeschoben, auch das hinter der Paywall.

War die Veröffentlichung der „Welt“ in Ordnung? Ganz einfach ist das nicht zu beantworten. Einerseits wurde ein Interview mit einem anerkannten Professor geführt, der hoch brisante Thesen äußert. Ein gefundenes Fressen für eine Redaktion. Rückblickend kann man leicht sagen: Jaha, diese Aussagen hättet ihr aber mal gleich nachrecherchieren müssen, liebe „Welt“. Andererseits hat die Zeitung erst mit relativem Zeitverzug auf die sich aufbäumende Kritik-Welle reagiert und ihren Faktencheck dann auch wieder hinter der Paywall veröffentlicht. Das bestätigt Kritiker, die der Zeitung vorwerfen, hier gehe es um Digitalabos um fast jeden Preis. Hinzu kommt, dass Berichte mit zweifelhaften Faktenverdrehungen in Sachen Corona bei der „Welt“ kein Einzelfall sind. In einem älteren Artikel beispielsweise wurde schon mal so getan, als gäbe es neue, skandalöse Enthüllungen über die Genauigkeit von PCR-Tests. Dabei waren entsprechende Zweifel an den Tests längst ausgeräumt. Es entsteht bisweilen schon der Eindruck, dass hier bewusst eine besonders klick- und Abo-Abschluss-freudige Zielgruppe, nämlich die „Querdenker“ und Konsorten, abgefischt wird. „Welt“-Chefredakteur Ulf Poschardt würde das vermutlich mit einem Verweis auf die von ihm reichlich strapazierte „Freiheit“ zurückweisen. Und auch Springer-CEO Döpfner hat verschiedentlich schon klar gemacht, dass es die Aufgabe von Journalismus sei, Gegenpositionen einzunehmen. Das ist grundsätzlich korrekt. Dieses Prinzip des „dagegen“ stößt nur da an eine Grenze, wo es es gegen Fakten verwendet wird. Ein anderer Effekt ist die Zahlen-Euphorie vor allem in Online-Redaktionen. Jeder Onliner kennt den Rausch, wenn die Klickzahlen nach oben schießen. Man kann sich schwer dagegen wehren, selbst wenn man tief im Herzen weiß, dass das jetzt nicht direkt Pulitzerpreis-Ware ist, die da wie blöd angeklickt wird. Neuerdings sind die Conversion-Rates die wichtigere Kenngröße, da gibt es dann auch in der Morgenmail ein Schulterklopfen vom Chef.

Es wäre die Aufgabe einer verantwortungsvollen Redaktionsführung, beide Tendenzen im Blick zu haben. Einmal zu schauen, dass man nicht nur aus Prinzip „dagegen“ ist, sondern dass es dafür gute Gründe gibt. Und zum anderen gefährliche Anreize eher zu bremsen statt zu fördern – egal ob Klicks oder Conversions. Aber statt zu bremsen, wird manchmal eher noch aufs Gaspedal getreten. Das Ergebnis ist kurzfristig gut für Klick- und Conversion-Rates aber schlecht für den Journalismus und die Stimmung in der Gesellschaft. Redaktionen sind den häufig geschmähten Social Networks bei solchen Mechanismen manchmal näher, als sie denken.

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Was würden Medienjournalisten nur ohne Springer machen? Es gäbe jedenfalls deutlich weniger zu tratschen. „Bild“-Chef Julian Reichelt hat jetzt also eine Einstweilige Verfügung gegen den bösen „Spiegel“-Bericht „Vögeln, fördern, feuern“ rund um sein unappetitliches Compliance-Verfahren erwirkt. Grund: Der „Spiegel“ habe ihm nicht ausreichend Gelegenheit gegeben, Stellung zu den Vorwürfen zu nehmen. Wie der „Spiegel“ unter dem nach wie vor online stehenden Artikel anmerkt, habe Reichelt eine eidesstattliche Versicherung abgegeben, dass er von der Springer-Kommunikationsabteilung nicht über die Fragen des „Spiegel“ informiert worden sei. Eine „Spiegel“-Sprecherin hatte uns zu dem Thema mal gesagt: „Natürlich haben wir die im Zuge des Compliance-Verfahrens erhobenen Vorwürfe gegen den ‚Bild‘-Chefredakteur offiziell über die Pressestelle des Axel-Springer-Verlages konfrontiert (mehrfach seit Ende Februar) und damit auch Herrn Reichelt selbst die Gelegenheit gegeben, sich zu äußern.“ Der „Vögeln, fördern, feuern“-Artikel erschien am 12. März. D.h. von Ende Februar bis Mitte März hat die Springer-Kommunikationsabteilung Julian Reichelt nicht über die „Spiegel“-Fragen informiert. Muss ja so sein, Reichelt hat das ja an Eides statt versichert. Nun ist die Springer-Kommunikationsabteilung nicht direkt bekannt dafür, ineffizient zu arbeiten. Also mal gefragt: Warum wurde der Julian Reichelt denn nicht informiert? Die – zugegebenermaßen nicht überraschende – Antwort: „Bitte haben Sie Verständnis, dass wir uns mit Blick auf das nicht rechtskräftig abgeschlossene Verfahren zwischen Julian Reichelt und dem Spiegel-Verlag hierzu nicht äußern.“ War klar. Aber schon erstaunlich, wie empfindlich Journalisten werden können, wenn sie selbst betroffen sind.

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Zum Schluss noch was für Herz und Auge. Der anhaltende Erfolg der ollen 90er-Jahre-Sitcom „Friends“ ist schon ein Phänomen. Die Serie findet sich immer noch beständig in der Top 20 der meist gesehenen Netflix-Sendungen. Ein Reunion-Special mit allen Hauptdarstellern und Gaststars wird seit langem mit Spannung erwartet, am 27. Mai wird es in den USA beim Streamingdienst HBO Max nun gezeigt. Wo das Special in Deutschland zu sehen sein wird, ist noch nicht raus. Aber ich wette, das Ding wird sowohl in den USA als auch bei uns ein Riesenerfolg! Allein der Trailer … hach.

Schönes Pfingst-Wochenende!

PS: Im Podcast „Die Medien-Woche“ diskutiere ich mit Kollege Christian Meier von der „Welt“ über die Forderung der FDP, den Rundfunkbeitrag abzusenken. Außerdem besprechen wir den Start von Facebook News in Deutschland und widmen uns der erkalteten Liebe der Telkos zum Mediengeschäft. Es freut mich, wenn Sie reinhören!

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