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Privatsender mit Infotainment-Auftrag

ProSieben: Imagewandel ja – aber bitte ohne Haltungsschäden

Linda Zervakis und Matthias Opdenhövel – Foto: ProSieben

ProSieben will weg vom reinen „GNTM“-Image hin zum Privatsender mit Informationsanspruch. Doch die Losung „Unterhaltung mit Haltung“ verrät schon, wo die Reise hingeht. Mit der AfD will man nicht reden, sagt Senderchef Rosemann. Dafür wurde jüngst Annalena Baerbock beklatscht. So wird das nichts mit der politischen Relevanz.

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Mit der Verpflichtung von Linda Zervakis als Co-Host des Talkformats „Zervakis & Opdenhövel Live“ ist ProSieben ein echter Coup gelungen. Das Talk-Format, das voraussichtlich im Herbst vor der Bundestagswahl starten soll, darf als großes Mosaik-Steinchen verstanden werden. Denn der Privatsender will sein Image umgestalten: weniger „Germany’s Next Topmodel“, mehr politische Relevanz, wie das Interview mit Grünen-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock.

Damit reagiert der Sender wohl nicht nur auf die sich verändernden Sehgewohnheiten oder die zunehmende (Wieder-)Politisierung der Jugend durch Themen wie den Klimawandel. Die Infotainment-Offensive scheint auch ein persönliches Anliegen von Senderchef Daniel Rosemann zu sein. Zumindest konnte man diesen Eindruck bekommen, als Rosemann sein Duo Zervakis/Opdenhövel am Mittwochvormittag stolz der Presse präsentierte.

MEEDIA-Redakteur Ben Krischke

Rosemann ist es dann auch, der eine klare Losung ausgibt: „Unterhaltung mit Haltung“ wolle man künftig liefern und dafür – so Rosemann auf Nachfrage von MEEDIA – auch „Partei ergreifen“. Als Beispiel nannte der Senderchef eine „klare Haltung“ zur Debatte um das Flüchtlingslager Moria (Pro-Flüchtlinge). Die viel diskutierte Aktion #Allesdichtmachen wiederum, wollte er auch auf wiederholte Nachfrage eines Journalisten nicht kommentieren. Nur soviel: Auch hier habe man eine „Haltung“, so Rosemann. Unterdessen, hieß es außerdem, seien neben Baerbock auch die anderen Kanzlerkandidaten für ein Gespräch angefragt worden. Konkret Armin Laschet und Olaf Scholz. Sollte allerdings auch die AfD noch einen Kanzlerkandidaten aufbieten, werde man dem dagegen keine Plattform bieten. Schließlich sei die Partei vom Verfassungsschutz als „Verdachtsfall“ eingestuft worden*. 

Dies und mehr lässt erahnen, wohin die Reise mit der „Haltung“ gehen wird. Hier der Applaus für die Grüne-Politikerin Annalena Baerbock nach ihrem ersten Exklusiv-Interview als Kanzlerkandidatin. Dort die Gesprächsverweigerung im gleichem Rahmen gegenüber einem möglichen Kanzlerkandidaten der derzeit noch größten Oppositionspartei im deutschen Bundestag – und das ausgerechnet im Wahljahr 2021. Dass dies nicht im Sinne der Chronistenpflicht sein kann – die wiederum Usus in der politischen Berichterstattung sein sollte – liegt eigentlich auf der Hand.

Mit der Aktion #NichtSelbstverständlich, mit der Reportage „Rechts. Deutsch. Radikal“, ja, trotz Applaus auch mit dem Baerbock-Interview zur Primetime und besonders mit der Verpflichtung von Linda Zervakis, hat ProSieben die ersten klugen und richtigen Schritte in Richtung Image-Wandel getan. Nun sollten Senderchef Rosemann und sein Team nur aufpassen, dass ihnen auf dem Weg zum gesellschaftlich und politisch relevanten Sender mit Infotainment-Auftrag nicht zu sehr die eigene Haltung im Wege steht.

Hinweis: In einer ursprünglichen Version war zu lesen, ProSieben werde gar nicht mit er AfD reden. Dies ist laut eines Sprechers nicht der Fall. Man werde der Partei nur nicht den gleichen Rahmen einräumen wie Baerbock und den anderen Kanzlerkandidaten. Linke und FDP habe man nicht eingeladen, da die – Stand heute – keinen Kanzlerkandidaten stellen. Im Kommentar wurde das entsprechend korrigiert.

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