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Die GAFA-Kolumne

Amazon: Wacht der schlafende Gigant jetzt auf?

Nils Jacobsen – Illustration: Bertil Brahm

Es ist wieder diese Zeit des Jahres: Die nächste GAFA-Quartalssaison nimmt Fahrt auf. In den nächsten 24 Stunden vermelden Apple, Facebook und Amazon ihre Zahlenwerke. Gerade der wertvollste Internetkonzern der Welt hat Nachholbedarf.

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Willkommen zum Höhepunkt der vierteljährlichen earnings season! Den Auftakt für Big Tech machte gestern Alphabet mit einem starken Zahlenwerk. In den nächsten 24 Stunden gibt sich der Rest der wertvollsten Tech- und Internetkonzerne wieder die Klinke in die Hand: Heute Abend vermelden Apple und Facebook ihre neuen Zahlenwerke, am Donnerstag folgt schließlich Amazon.

Gerade die heutigen Quartalszahlen werden mit Spannung erwartet, zumal Amazon 2021 im Zeichen des Umbruchs steht. Völlig überraschend kündigte Konzernchef Jeff Bezos bei Vorlage der letzten Geschäftsbilanz im Januar seinen kommenden Abschied an. Die Meldung überlagerte die an sich bärenstarke Weihnachtsbilanz komplett und schickte die Aktie in einen Dornröschenschlaf, aus dem diese bis heute nicht aufgewacht ist. 

Seit Jahresbeginn notieren die Anteilsscheine um gerade mal drei Prozent im Plus und haben damit nicht mal halb so gut performt wie der Vergleichsindex Nasdaq 100 – von den anderen GAFAMs (mit Ausnahme von Apple) ganz zu schweigen. Alphabet liegt 2021 um 31 Prozent im Plus, Microsoft um 17 Prozent, Facebook hat 11 Prozent zugelegt. 

Fundamental erklärbar ist Amazons inzwischen neunmonatiger Seitwärtstrend kaum. Die letzte Quartalsbilanz hat eindrucksvoll bewiesen, dass der auch schon 26 Jahre alte Internet-Dino weiter aus allen Rohren feuert. Umsatzwachstum 44 Prozent, Gewinnwachstum gar 166 Prozent. 

Anleger scheinen dabei in den vergangenen Monaten eingepreist zu haben, dass Amazon als König der sogenannten „Stay-at-Home-Unternehmen“ den enormen Aufwind aus der Pandemie in der Post-Corona-Ära möglicherweise nicht im gleichen Maße halten kann.  

Schwerwiegender erscheint jedoch die psychologische Barriere des Managementwechsels. Amazon ohne Jeff Bezos, das ist wie Apple ohne Tim Cook. Bei allen reflexartigen Verweisen, dass Jeff Bezos ja nur in den Aufsichtsrat wechsle, sollten sich Amazon-Aficionados nichts vormachen. Bezos ist auf dem Weg nach draußen. Er mag weiter Innovationsinitiativen anschieben und als mit Abstand größter Aktionär und gleichzeitig reichster Mann der Welt den Daumen auf eine profitable Geschäftsentwicklung halten. Aber Bezos ist gleichzeitig 57 Jahre alt. Er hat sein Lebenswerk hinter sich, aber noch große Ziele vor sich. Nur liegen die nicht mehr auf dieser Erde, sondern im Weltall.

Entsprechend müssen sich Amazon-Aktionäre damit abfinden, dass der mit Abstand größte Wertschöpfer der Internetära bald nicht mehr den viertwertvollsten Konzern der Welt leitet. Wie das Vorbild Apple zeigt, brauchte diese Trauerarbeit an der Börse ihre Zeit. 2011, als das Ende der Steve Jobs-Ära für jeden Marktbeobachter unverkennbar wurde, tendierte die Apple-Aktie trotz einer explosiven Geschäftsentwicklung größtenteils seitwärts.

Die Eruption folgte mit rund einjähriger Verspätung ab 2012 – und sie fiel mit Kurszuwächsen von in der Spitze 75 Prozent gigantisch aus. Amazon-Aktionäre müssen sich entsprechend von der aktuell langweiligen Kursentwicklung, die eher einem Rentenpapier als einer Internetaktie gleicht, nicht entmutigen lassen. Amazons Perspektiven bleiben strahlend hell, dafür hat Bezos zumindest die nächsten Jahre im Voraus gesorgt, wie er selbst immer wieder erklärt hat.  

Ein erster Indikator dürften die neuen Quartalszahlen sein, die erneut  zum sogenannten Blowout werden könnten. Analysten rechnen zum zweiten Mal in Folge, dass der wertvollste Internetkonzern der Welt Umsätze jenseits der 100 Milliarden Dollar Marke liefern dürfte. Die Konsensschätzungen liegen bei 104,6 Milliarden Dollar, was einem erneut sehr dynamischen Zuwachs von 39 Prozent entsprechen würde.  Beim Nettogewinn liegen die Durchschnittsschätzungen bei knapp 5 Milliarden Dollar, was einer Verdopplung gegenüber dem Vorjahr entsprechen würde. Morgen um 22 Uhr wissen wir mehr!    

+++ Short Tech Reads +++

TechCrunch: Pinterest schlägt mit Quartalsbilanz Markterwartungen, aber Aktie fällt um zehn Prozent  

Manchmal nutzen auch starke Quartalszahlen nichts. Social Media-Liebling Pinterest, dessen Aktie im vergangenen Jahr an der Techbörse Nasdaq in der Spitze um mehr als 500 Prozent zugelegt hatte, legte nach Verkündung des neuen Zahlenwerk den Rückwärtsgang ein und verlor rund zehn Prozent an Wert. Wall Streeter sprechen von Gewinnmitnahmen.

Fundamental läuft weiter alles wie geschmiert bei der selbst ernannten Ideenplattform: Die Umsätze im ersten Quartal legten um 78 Prozent auf 485 Millionen Dollar zu, während die Nettoverluste von 141,2 auf 21,6 Millionen Dollar verringert wurden. Bei den monatlich aktiven Nutzern verfehlte Pinterest indes mit 478 Millionen minimal die Konsensschätzungen von 480,5 Millionen.

CNBC: Microsoft-Tochter LinkedIn macht mehr Werbeumsatz als Pinterest oder Snap

Nicht nur Alphabet, auch Microsoft lieferte gestern bei Vorlage der jüngsten Quartalsbilanz. Der Softwareriese übertraf mit einem Nettoeinkommen von 15,5 Milliarden Dollar bei Umsätzen von 41,7 Milliarden Dollar erneut die Analystenschätzungen.

Ein Antreiber dabei: das 2016 zugekaufte Business-Netzwerk LinkedIn, das mit Umsätzen von auch schon über drei Milliarden Dollar in den vergangenen zwölf Monaten die Erlöse der hoch gewetteten Social Media-Stars Snap und Pinterest (und mutmaßlich auch Twitter) übertraf.

NYT: Wie Mark Zuckerberg und Tim Cook ziemlich beste Feinde wurden

Dass die Bosse von Apple und Facebook keine guten Freunde sind, ist keine Neuigkeit, sondern eine Untertreibung. Wie lange – und in welcher Form – es zwischen diesen zwei Alphatieren des Silicon Valley knirscht und knackt, hat die „New York Times“ nachgezeichnet.   

+++ One more Thing: Tesla mit Rekordgewinnen – dank Bitcoin +++

Erinnern Sie sich noch? Der Bitcoin, da war was. Nicht nur, dass die Kryptowährung seit zwei Monaten wilde Kapriolen schlägt und am Wochenende wieder bis auf 47.000 Dollar abgerauscht ist, ehe Schnäppchenjäger zur Comebackrally bliesen.  

Tesla-CEO Elon Musk entdeckte deutlich früher seine Leidenschaft für den boomenden Bitcoin und kaufte die Cyberdevise für Tesla (und sich selbst) Anfang des Jahres im großen Stil. 1,5 Milliarden Dollar hatte der wertvollste Autobauer der Welt bekanntlich im Januar in Bitcoin investiert, was seinerzeit den Kurs der Kryptowährung beflügelte und die Tesla-Aktie ironischerweise unter Druck setzte.   

Was für einen positiven Effekt das Bitcoin-Investment für Tesla selbst besitzt, wurde zu Wochenbeginn in der Bilanz für das erste Geschäftsquartal offenkundig. Tesla vermeldete den Rekordgewinn von 438 Millionen Dollar, zu dem Bitcoin 101 Millionen Dollar beigetragen hat.

Wie das? Musk betätigte sich nicht nur als Bitcoin-Käufer, sondern auch als Bitcoin-Trader! Bitcoin im Wert von 272 Millionen Dollar veräußerte der Elektroautobauer im ersten Quartal dann aber auch schon wieder und strich bei der Transaktion einen schnellen Gewinn von 37 Prozent ein – eben jene 101 Millionen Dollar, die nun maßgeblich die Tesla-Bilanz aufbessern. Tatsächlich verhalf Tesla der Bitcoin-Trade zum größten Unternehmensgewinn aller Zeiten! Und da sage noch mal einer, die obskure Webwährung wäre zu nichts zu gebrauchen…. 

In diesem Sinne: Cheers + bis nächste Woche!      

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