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Wochenrückblick

#allesdichtmachen – wenn Ironie in die Hose geht

Die Aktion #allesdichtmachen erregt die Gemüter. Erste Promis haben sich bereits davon distanziert. Das ProSieben-Interview mit Annalena Baerbock gibt Anlass, sich Sorgen um Schwestersender Sat.1 zu machen. Und die „Simpsons“-Macher ärgern Morrissey. Die MEEDIA-Wochenrückblick-Kolumne.

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Die Genese der Aktion #allesdichtmachen liegt noch im Dunkeln. Im Impressum der zur Aktion gestarteten Website ist zu lesen, dass die Münchner Filmproduktionsfirma Wunder Am Werk GmbH verantwortlich ist. Deren Chef sagte dem „Spiegel“ nur „Das ist Kunst.“ Vermutlich wegen der berühmten Kunstfreiheit, die ja auch manche Eselei deckt. Der Herr Wunder sei in der Vergangenheit schon als Corona-Verharmloser in Erscheinung getreten, weiß u.a. die „Süddeutsche„. Wer da alles versammelt wurde, ist schon erstaunlich. Von Ulrich Tukur über Ulrike Folkerts bis zu Jan Josef Liefers. Dessen Video-Statement finde ich besonders eindrücklich im negativen Sinne. Liefers übernimmt eins zu eins Diktion und Narrativ von Corona-Leugnern und so genannten Querdenkern.

Dass er hinterher bei Twitter erklärt, das sei ja alles total ironisch gemeint, macht die Sache nicht besser. Irgendeine aufhetzende Äußerung zu Satire oder Kunst zu verklären, ist ein gerne genommener Taschenspielertrick. Man musste in sein Video auch nix „hineinorakeln“, wie er selbst auf Twitter schrieb.

Da hat er schon selbst glasklar Sprache und Inhalte von Coronaleugnern wiedergegeben. Es ist jetzt nicht zu vermuten, dass Liefers plötzlich rechtsradikal ist oder die Querdenker super findet. Dass er sich so vor den Karren einer – vorsichtig gesprochen – dubiosen Sache spannen lässt, ist aber mindestens super-naiv. Die Statements sind freilich nicht alle gleich schlimm. Das von Ulrich Tukur beispielsweise ist erkennbar überspitzt. Er schlägt vor, man solle doch auch gleich alle Lebensmittelgeschäfte dichtmachen, weil nur der tote Körper vor Corona wirklich ausreichend geschützt sei. Dann sei endlich Ruhe. Das funktioniert als ironische Kritik an Regierungsmaßnahmen schon eher, weil hier die schon irre Realität noch weiter ins Absurde gesteigert wird. Hier finden sich halt auch keine Argumentationslinien von Querdenkern.

In Summe bleibt aber ein übermächtig schädlicher Eindruck von dieser Aktion. Es wäre interessant zu erfahren, was der Initiator den prominenten Teilnehmern vorher erzählt hat. Dass einige Promis, wie Heike Makatsch oder Meret Becker, ihre Videos bereits zurückgezogen und sich entschuldigt haben, spricht Bände. Die Aktion sei nach hinten losgegangen, schreibt Becker auf Instagram. Das trifft für sie und ihre Kollegen gewiss zu. Die Initiatoren haben vielleicht genau das erreicht, was sie erreichen wollten.

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Bemerkenswert war in dieser Woche sicher auch das Annalena-Baerbock-Interview bei ProSieben. Viel ist geschrieben worden zur Performance der beiden Fragensteller Thilo Mischke und Katrin Bauerfeind. Bei mir blieb vor allem das peinliche Beklatschen der Grünen-Kanzlerkandidatin am Ende hängen. Das hätte wirklich nicht sein müssen/dürfen. Ansonsten ist schon augenfällig, wie ProSieben und der Schwester-Sender Sat.1 immer weiter auseinanderdriften. ProSieben sorgt für Aufsehen mit der Pflege-Doku von „Joko & Klaas“ und interviewt die Kanzler-Kandidatin der Grünen zur Primetime. Bei Sat.1 lotet man mit „Promis unter Palmen“ neue Niveau-Tiefen aus und sendet ein Format wie „5 Senses for Love“, in dem sich Männlein und Weiblein abschlabbern und betatschen, um hinterher zu entscheiden, ob sie jemanden heiraten wollen, den oder die sie überhaupt noch nicht gesehen haben. Früher hätte man so ein Format ausschließlich bei RTL 2 vermutet.

Nach dem Tod von Willi Herren wurde „Promis unter Palmen“ abgesetzt. Die einzig richtige Entscheidung. Allein, dass der Sender mitteilt, man werde versuchen, „einen würdigen Abschluss zu finden“ lässt aufhorchen.

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Der Zoff zwischen dem Magazin „Katapult“ und „Übermedien“ ist jetzt auch schon wieder kalter Kaffee. Zur Erinnerung: Es ging – sehr grob gesagt – darum, ob und wie stark „Katapult“-Chefredakteur Benjamin Fredrich in seinem Roman „Die Redaktion“ bestimmte reale Personen verfremdet hat oder eben nicht. Einige erkannten sich wieder und waren nicht erfreut, u.a. der echte Mensch hinter der Romanfigur „Kacke-Ingo“, den „Übermedien“ ausgegraben hat. Daran musste ich bei einem „Spiegel“-Artikel zu einer „Simpsons“-Folge denken, in der der britische Sänger Morrissey (die Älteren erinnern sich vielleicht) vorkommt. Meistens ist es so, dass Prominente gerne in „Simpsons“-Folgen auftauchen und sich dort auch häufig selbst sprechen. Nicht im Falle Morrissey. In der Folge „Panic on the Streets of Springfield“ spielt der Sänger Quilloughby, Frontmann der Band „The Snuffs“, eine Rolle. Quilloughby in den „Simpsons“ ist offensichtlich an Morrissey, ehemals Frontmann der Band „The Smiths“ angelehnt und wenig schmeichelhaft. In der Trickserie ist Quilloughby angefettet, ihm hängt er der Bauch raus, er ist grau, präsentiert sich als militanter Veganer und gibt rassistische Sprüche von sich. Also nicht auf den ersten Blick mega-sympathisch. Das ist auch dem echten Morrissey aufgefallen, der die Sache auf Facebook von seinem Manager in Trump-Manier kommentieren lässt: „Not surprising…… that The Simpsons viewership ratings have gone down so badly over recent years.“

Surprising what a “turn for the worst" the writing for The Simpson’s tv show has taken in recent years.

Sadly, The…

Gepostet von Morrissey Official am Sonntag, 18. April 2021

Der eine oder andere Ausfall im Quilloughby-Stil wurde Morrissey freilich schon zugeschrieben. Warum erinnert mich das an die „Katapult“-Sache? Nun: „Simpsons“-Autor Tim Long hatte schon vor der Ausstrahlung der Folge erläutert, dass die Quilloughby-Figur Eigenschaften mehrerer echter Musiker auf sich vereine. Neben Morrissey seien dies der The-Cure-Sänger Robert Smith und Ian Curtis von Joy Division. Genauso wie Benjamin Fredrich behauptet hatte, „Kacke-Ingo“ sei aus mehreren echten Personen zusammenmontiert. Hier wie da, hält sich die Begeisterung bei den realen Personen in Grenzen. Aber: Ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt.

Schönes Wochenende!

PS: Auch im Podcast „Die Medien-Woche“ geht es um die Aktion #allesdichtmachen. Gemeinsam mit Kollege Christian Meier von der „Welt“ bequatsche ich zudem das Baerbock-Interview bei ProSieben im Speziellen und Politiker-Interviews im Allgemeinen. Weitere Themen: Die Medien-Durchstechereien aus Parteisitzungen, Jan Böhmermanns Klatschpresse-Satire und die ARD sucht (mal wieder) den Dialog. Es freut mich, wenn Sie reinhören!

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