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Die GAFA-Kolumne

Warum Scott Galloway Alibaba für die chancenreichste Tech-Aktie der Welt hält

Nils Jacobsen – Illustration: Bertil Brahm

Der Ausverkauf sucht seinesgleichen. Im Gegensatz zu den GAFA-Giganten wird der lange Zeit wertvollste Konzern Chinas seit einem halben Jahr nach unten durchgereicht. Alibaba hat offenkundig Probleme mit der chinesischen Regierung und in der Folge rund ein Drittel seines Wertes verloren. Für Marketing-Professor Scott Galloway ein klassisches Kaufsignal.

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„Alles ist möglich – auch das Gegenteil von allem“ – Jean de la Bruyère, französischer Schriftsteller

Wohl kaum eine andere Entscheidung wird so sehr vom ewigen Widerstreit der Elementarkräfte Verstand und Gefühl geprägt wie das Engagement an der Börse: Sollte man kaufen? Jetzt noch? Oder gerade jetzt? Oder doch lieber Kasse machen? An den Kapitalmärkten scheint grundsätzlich alles möglich – und eben auch das Gegenteil von allem, wie es ein viel zitiertes Bonmot auf den Punkt bringt.

Allein: Wem vertrauen Sie bei Anlagenentscheidungen an der Börse? Dem Bankberater? Ihrem Bauchgefühl? Ihrer Erfahrung? Finanzmedien? Börsenexperten? Börsengurus? Oder von allem ein bisschen? Vermutlich hängt alles unentwirrbar miteinander zusammen. Nicht zu vergessen ist dabei auch das Element des Zufalls: Welche Information erreicht mich in welchem Augenblick – und was löst sie bei mir aus? Appelliert sie an die beiden vorherrschendsten Triebfedern hinter der Geldanlage: der Gier oder der Panik? Man kann sich die Welt der Börse also als perfektes Chaos vorstellen.

Stets um Klarheit bemüht ist dabei Marketing-Professor Scott Galloway, der seine Karriere auf bemerkenswerten Prognosen – auch bezüglich Aktien – und markigen Sprüchen begründet hat – ob sie tatsächlich eintreffen, scheint dabei gar nicht so wichtig zu sein. (Immerhin ist Galloway ehrlich genug, seine Fehlschläge öffentlich einzugestehen.)

Tatsächlich ist die Beschäftigung mit Aktien bis in seine tiefste Kindheit verwurzelt, wie der heute 56-Jährige in seinem mit Abstand besten, aber gern übersehenen Buch „The Algebra of Happiness“ (erschienen 2019) beschrieben hat. Der kleine Scott kaufte schon als Teenager seine erste Aktie und entdeckte entsprechend früh die Magie der Geldvermehrung. Dass Galloway seine Karriere als Analyst bei der Wall Street-Institution Morgan Stanley begann, wird bei all der Selbstvermarktung in eigener Sache gern vergessen.

Bei all den steilen Thesen, mit denen Galloway die Schlagzeilen füllt, ist der Hang zu unerschrockenen Prognosen geblieben – vor allem im Bereich von Big Tech-Aktien. Allein: Wie gut sind Galloways Aktien-Einschätzungen eigentlich? Überliefert und dokumentiert sind seine Prognosen zu Apple und Amazon. Den iKonzern führt der inzwischen 56-jährige Marketingguru immer wieder gerne als Quelle seines Wohlstands an, weil er in der Finanzkrise 2018 „all-in“ ging und die am Boden liegende Apple-Aktie zu Kursen im heute einstelligen Bereich einsammelte.

Bei Amazon lag Galloway zumindest in seiner Einschätzung zur massiven Wertsteigerung seit 2016/17 goldrichtig. Der Bestseller-Autor („The Four“) glaubt auch heute weiter daran, dass der E-Commerce-Gigant der erste drei-Billionen-Dollar-Konzern der Welt wird, wie Galloway in seinem neuen Buch „Post Corona“ bekräftigte.  

Ganz anders sah es bei inzwischen spektakulären Fehlschlägen aus. Anfang 2019 prognostizierte Galloway, dass sich die damals schon massiv angeschlagene Snap-Aktie ein weiteres Mal bis auf 6 Dollar halbieren würde. Die Snapchat-Mutter steht heute tatsächlich bei Kursen von knapp 60 Dollar. (Im Februar waren es sogar 73 Dollar.)

Noch bitterer ist Galloways Fehleinschätzung bei Tesla. Im Mai 2019 erklärte der Seriengründer im Podcast mit Kara Swisher metaphorisch: „Dies ist das Jahr, in dem die Räder bei Tesla abfliegen.“ Die Aktie notierte seinerzeit splitbereinigt bei knapp 50 Dollar, Galloway prognostizierte eine weitere Halbierung. Vorlauf um knapp zwei Jahre: Tesla ist heute mit Abstand der wertvollste Automobilhersteller der Welt und wird aktuell zu Kursen um 700 Dollar gehandelt – vor zwei Monaten waren es sogar schon 900 Dollar.

Und auch bei der Kryptobörse Coinbase erlebte Galloway vergangene Woche ein kleines Waterloo. Der Professor der New York University kaufte Coinbase-Aktien sofort zum Handelsstart bei Kursen von 381 Dollar, nur um die dann in den Tiefflug gehenden Papiere bei Notierungen von 330 Dollar Stunden später wieder zu veräußern – mutmaßlich via Stop-Loss-Order. „Das macht mich wohl zur ersten Person, die mit Krypto (bisher) Geld verloren hat. Muss man erst mal schaffen“, twitterte Galloway wenig später selbstironisch über seine misslungene Spekulation.

Bleibt die Frage, was von der neusten Prognose des omnipräsenten Big Tech-Experten zu halten ist. Vergangene Woche erklärte Galloway im „Pivot“-Podcast mit Kara Swisher, er halte Alibaba für die aktuell chancenreichste Big Tech-Aktie der Welt. Das Kursziel betrage 300 Dollar bis Jahresende. Tatsächlich notiert das Papier im Moment bei Kursen von 227 Dollar nahe seiner Jahrestiefs und hat in den vergangenen fünf Monaten fast ein Drittel seines Wertes verloren, obwohl die Geschäfte weiter unbeeindruckt zweistellig wachsen.

Hintergrund ist die wohl turbulenteste Phase in der 22-jährigen Unternehmensgeschichte, die von unerwartetem politischen Gegenwind geprägt ist. Seit vergangenem Herbst ist Chinas langjährige E-Commerce-Eins offenbar bei der Regierung in Peking in Ungnade gefallen. Erst wurde der Börsengang der Tochter Ant Financial, der das wertvollste IPO in der Börsengeschichte geworden wäre, buchstäblich in letzter Minute abgesagt, dann folgten immer neue Maßregelungen von Wettbewerbshütern. Letzte Eskalation: Eine Rekordstrafe von 2,8 Milliarden Dollar.

„Gemessen am Chance-Risiko-Verhältnis ist die beste Aktie der Welt, die man jetzt kaufen sollte, Alibaba“, nimmt Galloway stattdessen den Blickwinkel des Antizyklikers sein. Der Worst Case sei eingepreist, der Markt habe das aber noch nicht verstanden. Es ist ein klassischer Galloway. Superlative, mutige Prognosen. Hui!  Börsianer bemühen seit jeher das Bonmot „Kaufen, wenn die Kanonen donnern“. Ist Galloways Einschätzung ein Geheimtipp oder ein klassischer Kontraindikator? Wir werden es spätestens am Ende des Jahres erfahren, wenn sich der Rauch verzogen hat …

+++ Short Tech Reads +++

The Wrap“: Clubhouse-Hype schon wieder zu Ende

Vielleicht hätte sich Mark Zuckerberg den Aufwand sparen können. Das weltgrößte Social Network präsentierte erst Anfang der Woche eine eigene Audio-Offensive, um Clubhouse in die Schranken zu weisen, dabei befindet sich der mit inzwischen 4 Milliarden Dollar bewertete Social-Media-Emporkömmling bereits im Niedergang. Wie das Branchenportal „The Wrap“ berichtet, sind die App-Downloads im Februar um 72 Prozent eingebrochen. Der Hype frisst seine Kinder.

New York Times“: Überraschende Erholung auf dem Werbemarkt 

Abos über alles – das ist das Mantra der subscription economy, die nach dem Vorbild von Netflix und Spotify auch in der Verlagsbranche als heiliger Gral gilt. „NYT“-Medienredakteur Ben Smith hat nun für die darbende Branche eine gute Nachricht: In der Post-Corona-Welt startet die werbetreibende Wirtschaft ein fulminantes Comeback, von dem entsprechend auch Verlage profitieren, während der Löwenanteil des Anzeigenkuchens allerdings wenig überraschend an das GAFA-Trio Google/Facebook/Amazon geht. „Die Werbeausgaben gehen gerade durch die Decke“, sieht „Insider“-Gründer Henry Blodget gar den Anbruch eines Werbebooms in den „Roaring Twenties“. Zu ein bisschen Gatsby-Glamour würde nach der Corona-Schockstarre wohl niemand ‚Nein‘ sagen…

Bloomberg: Apple sollte ein Betriebssystem für Mac und iPad einführen

Apple hat gestern auf seinem „Spring Loaded“-Event ein unerwartetes Produktfeuerwerk abgebrannt. Zumindest in der Chronologie war es der Star des Abends: das neue iPad Pro in der Luxusversion mit 12,9-Zoll-Display, für das Apple-Fans in der 2 TB-Version mit Mobilfunk-Chip bis zu 2579 Euro löhnen können. Das sind Highend-MacBook-Preise, die an eine Grundsatzdiskussion der vergangenen Jahre wieder anstoßen: was braucht der geneigte Apple-Nutzer nun eigentlich dringender – ein MacBook oder iPad oder beides?

Während mein iPad Pro aus dem letzten Jahr wirklich nur als Newsreader dienst, stößt der stets akkurat informierte Bloomberg-Reporter Mark Gurman die Diskussion an, warum Apple nicht wenigstens im Betriebssystem zusammenführt, was möglicherweise zusammengehören könnte. Ein gemeinsames Betriebssystem für iPad und Mac wäre der Weisheit letzter Schluss im Apple-Universum, glaubt German. Allein: Mir würde dann trotzdem eine *richtige* Tastatur fehlen…

+++ One more Thing: Endlich AirTags +++

Bunte, neue iMacs, ein neues Apple TV, Premium-Podcasts – Apple hat gestern auf seiner Keynote unerwartet aus allen Rohren gefeuert. Mein persönliches Highlight ist indes ein scheinbar nebensächliches „One more Thing“, das im Wortsinne ein Anhängsel ist – vielleicht nicht mehr, aber auch nicht weniger –: die AirTags.

Bereits im vergangenen Jahr angekündigt, kommen die kleinen Gerätefinder nun endlich Ende April auf den Markt. Natürlich zu den Apple-typischen Preisen, ab 39 Euro pro Stück. Spötter mögen behaupten, dass das AirTag, das an einen Schlüsselanhänger, Rucksack oder sonst wo hinzugefügt werden kann, schnell teurer sein möge als der Gegenstand selbst. (Mein Nike-Rucksack kostet 29 Euro.)

Das gilt insbesondere, wenn man sich für die Luxusversion mit Lederaccessoires von Hermès entscheidet, die – kein Scherz – bis zu 450 Euro kosten. In dem Fall könnte der Verlust des AirTag-Anhängers schnell mehr schmerzen als die Handtasche selbst – Erinnerungen an Apple Watch-Armbänder werden wach….

Cheers + bis nächste Woche!

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