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ProSieben wird politisch

Annalena Baerbock im ProSieben-Interview: Solide Nummer mit Luft nach oben

Annalena Baerbock stellte sich den Fragen von Thilo Mische und Katrin Bauerfeind – Foto: Screenshot ProSieben

Wenig überraschend, schicken die Grünen Annalena Baerbock ins Rennen um das Kanzleramt. Ihr erstes Interview als Kanzlerkandidatin gab die 40-Jährige am Montagabend exklusiv ProSieben. Kann der Entertainment-Sender auch Politik?

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Nur gut zehn Stunden lagen zwischen der offiziellen Verkündung, dass Annalena Baerbock als Kanzlerkandidatin der Grünen in den Bundestagswahlkampf zieht, und der ersten Frage an Baerbock vom Duo Katrin Bauerfeind und Thilo Mischke. Bauerfeind ist Moderatorin und Schauspielerin („Bauerfeind – Die Show zur Frau“, „Frau Jordan stellt gleich“). Mischke ist primär freier Autor (u.a. „DB Mobil“, „Focus“), hat irgendwann mal das Buch „In 80 Frauen um die Welt“ geschrieben und zeigte zuletzt mit der TV-Reportage „Rechts. Deutsch. Radikal“, dass er auch ernst kann. Aber können beide – Bauerfeind und Mischke – auch (Partei-)Politik?

Ein bisschen Nonchalance?

Grünen-Politikerin Baerbock und Mischke sind Jahrgang 1981, Bauerfeind nur zwei Jahre jünger. Das ließ zumindest eine gewisse, sagen wir, Nonchalance für diesen Montagabend erwarten; ein Gegenprogramm zum bisweilen drögen Polit-Talk in ARD und ZDF vielleicht. Aus Sicht des Medienjournalisten war Baerbock selbst eigentlich zweitrangig: Kann ProSieben ein Ambiente schaffen, das gleichwohl entertained und dennoch die Würde des Amtes, um das es geht, wahren? Schafft es die stets gut gelaunte Bauerfeind, die nötige Ernsthaftigkeit einzubringen? Und kann Mischke kritische Fragen auch, wenn es nicht um Glatzen, sondern um Grüne geht? Kurzum: Gelingt es allen Beteiligten, dass dieses Interview nicht zum Polit-Pläuschchen der progressiven Nettigkeiten verkommt, sondern zu einem Gespräch mit echtem Mehrwert für den Wähler?

MEEDIA-Redakteur Ben Krischke – Illustration: Bertil Brahm

Meine Antwort: Entgegen all meiner Befürchtungen, ist am Ende ein solides Interview entstanden, mit dem ProSieben seine politischen Ambitionen unterstreichen konnte, ohne die Zielgruppe zu verprellen. Auch dank Fragen wie „Geht Ihnen der Arsch auf Grundeis?“ oder „Braucht man bei Putin dicke Eier, oder, in Ihrem Fall, Eierstöcke?“ (beides Bauerfeind), die salopp daherkommen mögen, aber im Kern richtig und für die Zielgruppe passend sind. Denn Baerbock – und darauf sprechen Bauerfeind und Mischke sie mehrfach an – hat bisher keinerlei Regierungserfahrung. Baerbock freilich ficht das nicht an. Sie hat ihre Wahlkampfbotschaft gelernt. „Ich trete an für Erneuerung, auch in der Art und Weise wie wir Politik machen“, sagt sie. „Ich trete nicht allein an, sondern gemeinsam mit meiner Partei“, sagt sie auch. Oder: „Wir müssen Dinge neu und anders machen.“ 

Positiv auch: Mischke sprach Baerbock auf die jüngste Parteispende in Höhe von einer Million Euro an, samt Hinweis, dass die Grünen gleichwohl gerne gegen Großspenden wettern. Den Ansatz, Widersprüche – die echten wie die vermeintlichen – zu thematisieren, hätten Bauerfeind und Mischke noch konsequenter verfolgen müssen. Zum Beispiel kam mehrfach zur Sprache, dass man doch auf „die“ Wissenschaft vertrauen müsse. Dass auch die Grünen das beim Klimawandel gerne predigen, dieses Mantra aber verstummt, sobald es um Homöopathie geht, ist einer dieser Widersprüche, die auch am Montagabend nicht geklärt werden.

Bei der Corona-Politik schießt Baerbock außerdem weitgehend ungestört gegen die Bundesregierung („Wir packen in einer Krise gemeinsam an, hat in dieser Regierung leider nicht stattgefunden“). Auch hier hätte die ein oder andere Nachfrage gut getan, auch zur Rolle der Grünen als Oppositionspartei. Außerdem nicht nachgefragt, aber eigentlich Pflicht-Aufgabe: Wie sich das zusammen geht, Windräder bauen und Artenschutz predigen. Aber 45 Minuten sind eben nur eine Dreiviertel Stunde. Und dafür ist es dann doch ein kurzweiliger Ritt durch unterschiedliche Themen, vom Klimaschutz bis zur Zukunft der Arbeit, die zwar alle nicht tiefergehend erörtert werden, aber zumindest so, dass gerade die jungen Zuschauer einen ersten Eindruck bekommen, wie Annalena Baerbock tickt. Alles weitere lässt sich dann ja im Parteiprogramm nachlesen. 

Fazit des Abends

ProSieben hat sich bekanntlich zum Ziel gesetzt, ein bisschen informativer, man könnte auch sagen, seriöser zu werden; was ja nicht gleich langweiliger heißen muss. Mit der Reportage „Rechts. Deutsch. Radikal“ hat der Sender auch geliefert, ebenso wie mit dem Sieben-Stunden-Beitrag #NichtSelbstverständlich von Joko und Klaas, die ihre Nominierung für den Grimme-Preis sicher haben dürften. Außerdem baut die Seven.One Entertainment Group derzeit eine 60-köpfige Nachrichtenredaktion auf. Mit dem Baerbock-Interview am Montagabend, hat der Sender seinen sich verändernden Anspruch erneut untermauert. Luft nach oben inklusive.

Und irgendwie würde man dann doch gerne sehen, wie so ein Interview läuft, wenn einer wie Markus Söder im Ledersessel sitzt. Darum und um weitere Gesprächspartner anderer Parteien, sollte sich ProSieben schon deshalb bemühen, um den Verdacht zu entkräften, es sei am Ende vor allem eine Baerbock-PR-Show gewesen, um die Grünen im Wahlkampf zu pushen. Denn das würde – vertraut man dem eigenen ersten Eindruck – diesem unterm Strich solide geführten Interview von Katrin Bauerfeind und Thilo Mischke nicht gerecht.

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