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Wochenrückblick

„Rattenhafte Verbissenheit“ – wenn Medienanwälte die Contenance verlieren

Ein ehemaliger „Zeit“-Kolumnist verteidigt einen Filmregisseur gegen einen Vergewaltigungsvorwurf, der in der „Zeit“ erhoben wurde. Medienanwälte können auch mal deftig werden. Es wird viel darüber diskutiert, wie wahrhaftig Dokumentarfilme sind. Und – guck an – die Deutschen haben wieder mehr Vertrauen in die Medien. Die MEEDIA-Wochenrückblick-Kolumne.

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Guten Tag! Auch diese Kolumne meldet sich nach der Oster-Woche „in alter Frische“ zurück. Eine Sache sei mir als Nachlese erlaubt: Haben Sie nicht auch ein bisschen komisch geguckt, als der frühere „Zeit“-Kolumnist und Bundesrichter Thomas Fischer im „Spiegel“ (€) plötzlich als Strafverteidiger von Dieter Wedel grüßte? Fischer war während und nach seiner Zeit am Bundesgerichtshof streitbarer und viel gelesener Kolumnist bei „Zeit Online“. Als die „Zeit“ dann Vorwürfe von sexuellem Missbrauch und Vergewaltigung gegen den Regisseur Dieter Wedel publik machte, kam es zum Bruch zwischen dem Medium und seinem Kolumnisten. Bei MEEDIA kritisierte Fischer als Gastautor das Vorgehen und die Berichterstattung der „Zeit“ massiv und bezeichnete sie u.a. als „Tribunal“. Nun hat er sich ganz offiziell auf die Seite Wedels begeben und verteidigt diesen für die Kanzlei Gauweiler & Sauter. Für Wedel ist die Verpflichtung Fischers gewiss ein Glücksgriff. Der Mann ist nicht nur versierter Jurist, sondern man darf annehmen, dass er aus seiner Zeit bei der „Zeit“ auch noch allerlei Insider-Wissen über das Zustandekommen der damaligen Berichterstattung mitbringt. Könnte vielleicht nützlich sein. Neben Fischer und Peter Gauweiler wird Wedel noch von der Anwältin Dörthe Korn verteidigt. Sie ist dabei, weil eine Frau gewisse Dinge im „Sexualbereich“ möglicherweise „sensibler“ betrachte als die beiden Herren, wie sie im „Spiegel“ sagt. Das muss man auch erst mal sacken lassen. Wie dem „Spiegel“ (für den Fischer aktuell kolumniert) zu entnehmen ist, haben die Wedel-Anwälte die Magazin-Journalisten zu einem Pressegespräch geladen. Diese offensive Art der Anwalts-Kommunikation (Litigation-PR) rund um einen Vergewaltigungsprozess finde ich nicht nur hier irritierend. Mindestens ebenso seltsam, wie die Tatsache, dass Staatsanwaltschaften und Gerichte ihre Sicht auf spektakuläre Prozesse heute auch sehr gerne via Pressemitteilungen mitteilen.

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Bleiben wir kurz im Feld des Juristischen. Der Investigativ-Journalist Oliver Schröm hat viel zur Enthüllung des Cum-Ex-Steuerskandals beigetragen. Aktuell veröffentlicht er, obwohl eigentlich bei der ARD unter Vertrag, eine Reihe zu dem Thema beim „Manager Magazin“. Eine Rolle in der Berichterstattung spielt immer wieder die Bank Olearius & Warburg. Jetzt machte Schröm auf Twitter ein Schreiben des Medienanwalts Michael Nesselhauf publik, der mit teils scharfen Formulierungen im Auftrag der Bank gegen die Berichterstattung vorgeht.

Besonders „schön“: In dem Schreiben wird den beiden Autoren des Cum-Ex-Stücks eine „nachgerade rattenhafte Verbissenheit“ unterstellt. Die Wortwahl des hochroten Kopfes in einem Anwaltsschreiben mag überraschen. Aber „rattenhafte Verbissenheit“ ist für Investigativjournalisten doch vor allem als Lob zu verstehen.

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Die Dokumentarfilmerin Elke Lehrenkrauss hat in der aktuellen „Zeit“ ein bemerkenswertes Interview (€) gegeben, in dem sie sich für ihre Versäumnisse und Fehler bei dem Film „Lovemobil“ entschuldigt. Zur Erinnerung: Bei dem ausgezeichneten Dokumentarfilm griff Lehrenkrauss zu großen Teilen auf Laienschauspielerinnen zurück, ohne dies dem Publikum kenntlich zu machen. Das Interview ist lesenswert, weil es einen Einblick in die Zwänge und Gedankengänge der Regisseurin erlaubt. Und dann gibt noch Zweifel an einem weiteren Dokumentarfilm, die diesmal die „Zeit“ selbst aufgebracht hat. Es geht um den Film „Die Unbeugsamen“ von Marc Wiese, der beschreibt, wie die Journalistin Maria Ressa auf den Philippinen für eine freie Berichterstattung kämpft. Nach „Zeit“-Recherchen soll es in de Film „Unschärfen“ geben. So soll etwa ein Interview mit einem Auftragskiller aus dem Kontext gerissen sein und der Filmemacher Weis habe das Interview mit dem Killer aus dem Off eingesprochen, obwohl das Interview vor Ort von jemand anderem geführt wurde. Die Vorwürfe sind weitaus zahlreicher und detaillierter, der Fall ist weniger eindeutig als „Lovemobil“. Darum soll es hier aber gar nicht gehen. Der Filmemacher Wiese fühlte sich jedenfalls von der „Zeit“ unfair behandelt und wehrte sich mit seine Anwalt gegen die Berichterstattung. Darüber berichtete wiederum die „FAZ“ (€). Der MDR kritisierte die „Zeit“-Berichterstattung in der „Altpapier“-Medienkolumne. Nun legte die „Zeit“ aktuell mit einem weiteren Artikel nach, in dem u.a. der „FAZ“ der Vorwurf gemacht wird, eine Stellungnahme der „Zeit“-Anwälte nicht vollständig zu zitieren. Auch die „Süddeutsche“ hat sich eingeschaltet und einen Artikel plus einen Gastbeitrag des Schriftstellers Thomas Brussig (€) veröffentlicht. Die „SZ“ schlägt sich dabei recht deutlich auf die Seite des Dokumentarfilmers Wiese. Es ist kompliziert und für einen x-beliebigen Dokumentarfilm-Zuschauer gewiss nicht sehr transparent.

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Da freuen wir uns doch, dass trotz der allgemeinen Verwirrung um Dokumentarfilme das Vertrauen der deutschen Bevölkerung in die Medien laut Mainzer Langzeitstudie Medienvertrauen wieder deutlich gestiegen ist. Zitat: „Am Ende des Jahres 2020 stimmten 56 Prozent der Befragten der Aussage zu: ‚Wenn es um wirklich wichtige Dinge geht – etwa Umweltprobleme, Gesundheitsgefahren, politische Skandale und Krisen – kann man den Medien vertrauen.‘ In den Vorjahren lag dieser Wert zwischen 41 und 44 Prozent, im Jahr 2015 sogar nur bei 28 Prozent.“

Es gibt sie noch, die guten Nachrichten!

Schönes Wochenende!

PS: Auch der Medien-Podcast ihres Vertrauens ist aus der Osterpause zurück. In der aktuellen Folge der „Medien-Woche“ bespreche ich mit Kollege Christian Meier von der „Welt“ die mediale Tauglichkeit der Unions Kanzlerkandidaten-Kandidaten. Außerdem geht es um neue Unterhaltungsformate bei Sat.1 und Prime Video. Es freut mich, wenn Sie reinhören!

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