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#NichtSelbstverständlich

Na also, geht doch, liebes Privatfernsehen

Foto: P7S1

Das Beispiel #NichtSelbstverständlich zeigt, dass Privatsender gute Inhalte für die Gen Z machen können – wenn sie sich einfach mal trauen. Ein Plädoyer für mehr Mut zu Experimenten.

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Gestern Abend habe ich etwas gemacht, was ich sehr lange, genauer gesagt: seit Jahren, nicht getan habe. Ich habe eine Sendung live im linearen Fernsehen geschaut.

Nun muss ProSieben den beiden Showmastern Klaas Heufer-Umlauf und Joko Winterscheidt regelmäßig 15 Minuten Sendezeit schenken, die das Duo in der Vergangenheit schon öfter öffentlichkeitswirksam genutzt hat. Stichwort: Männerwelten. Diese Clips gingen vor allem auf Social Media viral.

Doch dieses Mal war das anders. Weil der Sender vorab ins Boot geholt wurde. Weil aus 15 Minuten sieben Stunden wurden. Und weil zwar auf Twitter und Co. diskutiert und kommentiert wurde, dieser Input aber im linearen Programm crossmedial eingeblendet wurde.

Was entstanden ist, wird zumindest mir noch lange im Gedächtnis bleiben. Die Doku mit dem gleichnamigen Hashtag #NichtSelbstverständlich zeigt den Alltag einer Pflegekraft, ungeschnitten und schonungslos ungeschönt, gefilmt mit einer Bodycam aus der Sicht der Pflegekraft Meike Ista vom Uniklinikum Münster. Ohne aufwendige Inszenierung. Authentizität ist das Stichwort.

Und siehe da, es funktioniert. Sogar bei der jungen Zielgruppe. Nein, besonders bei ihr. Mit 16 Prozent Marktanteil war ProSieben am Mittwoch der erfolgreichste Sender bei den 14 bis 39-Jährigen (und das, obwohl bei RTL ein Länderspiel übertragen wurde!).

Luca Schallenberger appelliert an die Privatsender: Traut euch! – Illustration: Bertil Brahm

Ein solch gesellschaftlich-relevantes Thema in dieser Umsetzung hätte man eigentlich eher beim Content-Netzwerk Funk von ARD und ZDF erwartet. Doch das, was ProSieben gestern abgeliefert hat, ist ein gewaltiger Schritt in Richtung Gen Z. Es ist das, was die jungen Zuschauer von Privatsendern erwarten, wenn sie einschalten sollen: gutes, nein, außerordentliches Fernsehen.

Ich bin es leid, die Wiederholungen von eingekauften US-Serien zum 100. Mal zu sehen, wenn ich sie auf Netflix jederzeit in meiner bevorzugten Sprache anschauen kann. Ich bin es leid, bei „Berlin Tag und Nacht“ immer wieder mit demselben Plot konfrontiert zu werden. Und ich bin es leid, Nachrichtenformate zu sehen, wo jede Celebrity-Trennung zu einem Brennpunkt hochmoderiert wird. Das müsst ihr nicht machen, liebe Privatsender. Dafür gibt es das Internet. Und wie ihr seht, funktionieren auch außergewöhnliche Formate und Dokus bei der jungen Zielgruppe gut. „Rechts. Deutsch. Radikal.“ und #NichtSelbstverständlich sind hoffentlich nur zwei Beispiele von so vielen, die noch kommen werden. Traut euch, die zwölfte Wiederholung von „Big Bang Theory“ könnt ihr im Zweifel immer wieder ins Programm nehmen.

Und auch RTL versucht sein Image zu ändern. Mit einer Nachrichten- und Qualitätsoffensive, für die sie sich sogar von Dieter Bohlen trennten und den langjährigen „Tagesschau“-Chefsprecher Jan Hofer verpflichteten. Genau so, RTL! Und das sage ich als ge-outeter Reality-TV-Fan. Ich informiere mich über die „Tagesschau“ nicht nur deswegen, weil ich es will, sondern auch, weil ich es aus Alternativlosigkeit muss. Mit neuen Nachrichtenformaten könnte sich das jederzeit und vor allem nachhaltig ändern. Von einem besseren, qualitativen Angebot profitieren wir alle: Sender, Journalist*innen, Zuschauer*innen.

Gestern ließ ProSieben die Öffentlich-Rechtlichen alt aussehen. Die Kollegin Elisa Britzelmeier von der „Süddeutschen Zeitung“ brachte die Situation auf den Punkt. Während sich ProSieben aus dem Fenster lehnte und Fernsehgeschichte schrieb, lief bei den Öffentlich-Rechtlichen „Aktenzeichen XY“ – wie seit 50 Jahren. Keine Pointe.

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