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Wochenrückblick

Fortsetzung folgt: Axel Springer kauft sich im Fall Reichelt in erster Linie Zeit

Diese Woche endete das Compliance-Verfahren gegen „Bild“-Chefredakteur Julian Reichelt erwartungsgemäß unbefriedigend. RTL heuert alte, weiße Männer an. Der nächste große Medien-Fälschungsskandal spielt beim NDR. Und die Kanzlerin sucht die Solo-TV-Bühne mal wieder bei „Anne Will“. Die MEEDIA-Wochenrückblick-Kolumne.

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Man würde sich ja wirklich wünschen, die Axel Springer SE im Allgemeinen und die „Bild“ im Speziellen würden immer so hoch-vorsichtig und super-sensibel vorgehen, wie im Compliance-Verfahren gegen „Bild“-Chefredakteur Julian Reichelt, das diese Woche abgeschlossen wurde. Überraschung, bzw. „Überraschung“: Julian Reichelt is back in Action. Schon in der Mitteilung zu seiner – natürlich selbst erwünschten – Freistellung lieferte das Medienhaus feinste Realsatire mit dem Satz: „Auf Basis von Gerüchten Vorverurteilungen vorzunehmen, ist in der Unternehmenskultur von Axel Springer undenkbar.“ Auch in der aktuellen Mitteilung betont CEO Mathias Döpfner: „Um die Wahrheit herauszufinden, hatten wir zu unterscheiden zwischen Gerüchten, Hinweisen und Beweisen, dabei keine Vorverurteilung vorzunehmen, Privates und Berufliches grundsätzlich zu trennen und die von einigen betroffenen Hinweisgebern gewünschte Vertraulichkeit zu wahren.“ Bloß keine Vorverurteilung! Das wäre ja undenkbar. Und wenn nicht alles lückenlos aufgeklärt werden konnte, dann ist vermutlich die „gewünschte Vertraulichkeit“ schuld. Noch bemerkenswerter finde ich die Einlassung, dass in „die Gesamtbewertung“ der Causa Reichelt „auch die enormen strategischen und strukturellen Veränderungsprozesse und die journalistische Leistung“ unter seiner Führung eingegangen seien. Jaha, Fehler seien schon irgendwie gemacht worden. Schlimm. Aber halt auch nicht so schlimm, dass man ihn deswegen gleich rauswerfen müsste. Und er war dann doch irgendwie auch ein toller Chefredakteur. Was ist das bitte für eine Argumentation? Hätte Reichelt also weniger „journalistische Leistung“ für die „Bild“ erbracht, dann hätte man ihn rausgeschmissen? Diese Abwägung zwischen internen Vorwürfen des Machtmissbrauchs und „journalistischen Leitungen“ wirkt schräg – um das Mindeste zu sagen. Wenn einer ordentlich Leistung bringt, dann kann er sich halt ein bisschen mehr rausnehmen. Soll das damit gesagt werden? Wenn Döpfner das ernst meint, hat der Laden tatsächlich ein viel tiefsitzenderes Problem als Julian Reichelt.

Zur „Strafe“ für seine Fehler (welche eigentlich genau?) bekommt Reichelt nun „Bild am Sonntag“-Chefin Alexandra Würzbach zur Seite gestellt. Mit dem Prinzip Doppelspitze hat man bei der „Bild“ und mit Reichelt ja auch nur die allerbesten Erfahrungen gesammelt. Nun ist Frau Würzbach nicht Tanit Koch, schon klar. Aber ob der „Bild“-Chefredakteur nun von heute auf morgen top-teamfähig auf Augenhöhe ist? Wir werden sehen. Er bleibt ja ohnehin für „Bild“ digital und gedruckt sowie „Bild Live“ verantwortlich. Würzbach bekommt die Verantwortung fürs Personal- und Redaktionsmanagement. Was immer man unter diesen Wabbel-Begriffen zu verstehen hat. Alleinige Personal-Verantwortung wird es ja wohl nicht sein.

So wirkt die „Lösung“ des Reichelt-Problems, als habe sich Springer vor allem Zeit gekauft. Zwei Compliance-Verfahren hat der hitzköpfige „Bild“-Chef schon überlebt. Mal schaun, wann das nächste kommt. In der Zwischenzeit kann man sich hinter den Kulissen schon mal einen Plan B überlegen.

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Dieter Bohlen musste sich für die beiden Live-Shows von „Deutschland sucht den Superstar“ leider, leider krank melden. Das kam in den vorangegangenen 18 Jahren exakt null mal vor. Ob Dieters Krankheit mit dem kurz zuvor erfolgten Rauswurf durch RTL zusammenhängt? Vielleicht ist dem Dieter die Sache einfach auf den Magen geschlagen. RTL hat mit Thomas Gottschalk jedenfalls kurzfristig prominenten Ersatz gefunden. Der springt mit der ihm eigenen Wurschtigkeit („Hatte nichts Besseres vor“) mitten rein ein in die „DSDS“-Pleiten-Pech und Pannen-Show. Gleichzeitig machte der Sender diese Woche bekannt, dass Nachwuchstalent Jan Hofer (67) künftig ein eigenes News-Format bekommt. Hofer ist aktuell auch schon Kandidat in der RTL-Show „Let’s dance“. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass sich RTL immer näher an ARD und ZDF ranrobbt. Immerhin zeigt man seit einiger Zeit auch regelmäßig Themen-Specials um 20.15 Uhr zur Corona-Lage usw., analog zum „ARD-Brennpunkt“. Grund könnte sein, dass immer weniger junge Menschen lineares Fernsehen schauen. Wer noch lineares TV schaut, das sind die Alten, mithin das Stammpublikum von ARD und ZDF. Darum eilt vor allem das ZDF in jüngerer Zeit stets von Marktanteilserfolg zu Marktanteilserfolg. Da wollen die Kölner nicht ewig daneben stehen. Nicht, dass es ihnen irgendwann so geht wie Sat.1.

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Und wieder hat jemand der Glaubwürdigkeit „der Medien“ einen heftigen Schlag versetzt. Die Dokumentarfilmerin Elke Lehrenkrauss hat ihren Deutschen Dokumentarfilmpreis zurückgegeben, weil in ihrem Dokumentarfilm „Lovemobil“ so ziemlich alles gestellt war. Es geht in dem Film um zwei Prostituierte in Wohnmobilen an einer Landstraße in Niedersachsen. Der Film ist handwerklich brillant gemacht und hat die Intensität eines guten Spielfilms. Genau das ist das Problem. Wie das Funk-Format „STRG_F“ aufgedeckt hat, sind die Hauptfiguren des Film keine Prostituierten, sondern Darstellerinnen.

Gleiches trifft auch für weitere Figuren im Film zu. Mithin ist fast alles in dem Film gestellt. Es tut weh, sich das Interview in „STRG_F“ mit Elke Lehrenkrauss anzuschauen, wie sie davon spricht, das sie hier eine authentischere Realität geschaffen habe. Der Film war auch für den Grimme-Preis nominiert. Jetzt ist er aus der NDR-Mediathek gelöscht worden. Und der Sender darf sich fragen, warum man bei der über-perfekten Inszenierung zu einem so sensiblen Thema nicht stärker nachgeforscht hat. Als „Lovemobil“ rauskam, war Relotius ja schon längst passiert.

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Wie ernst die Corona-Lage ist, kann man auch daran ermessen, dass die Kanzlerin kommunikativ zum Äußersten greift: dem Solo-Interview bei „Anne Will“. Schon mehrfach wählte Angela Merkel die Sendung der ARD-Talkerin als Bühne. Sogar als Günther Jauch noch mit seinem ARD-Talk am Sonntagabend auf Sendung war, ging die Kanzlerin 2015 lieber zu Anne Will, auf den damals noch deutlich weniger attraktiven Sendeplatz am späten Mittwochabend. Zuvor war Merkel allerdings auch zweimal bei Jauch zu Gast gewesen. Dass Merkel häufig „Anne Will“ auswählt, wird in der TV-Welt jenseits des Will-Senders WDR durchaus kritisch gesehen. Andere Sender und andere Talker würden sich gewiss auch gerne mit einem solchen Format schmücken. Angeblich ist es so, dass zumindest in der Vergangenheit die Initiative zu einem solchen Auftritt auch von der Kanzlerin selbst kam, wenn sie das Bedürfnis verspürte, sich ausführlich erklären zu müssen. Anne Will und ihrer Redaktion kann man da keinen Vorwurf machen. Eine solche Gelegenheit würde sich kein Medienmensch entgehen lassen.

Schönes Wochenende und Frohe Ostern (nächste Woche fällt der Wochenrückblick wegen Karfreitag aus)!

PS: Im Podcast „Die Medien-Woche“ diskutiere ich mit Kollege Christian Meier von der „Welt“ ausführlich über den Fall „Lovemobil“. Dazu gibt es auch ein Interview mit David Bernet, Vorstand des Dokumentarfilmer-Verbandes AGDoc. Es freut mich, wenn Sie reinhören!

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