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Menschen und Marken

Wer das Sagen hat, darf nicht nichtssagend sein

Frank Dopheide – Illustration: Bertil Brahm

Wenn Sicherheit in der Kommunikation das oberste Gebot ist, wird sie zum Problem. Anders formuliert: Bullshit-Bingo ist die Killer-Applikation für jede Form von Mitarbeitervertrauen.

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Reden wir über unser Leib- und Magenthema – die Kommunikation. Davon verstehen wir als MEEDIA-Leser natürlich eine Menge, ein großer Teil von uns bestreitet damit sogar seinen Lebensunterhalt. Meistens gar nicht mal schlecht.

Seltsamerweise hat all unser Können nicht dazu beigetragen, die Kommunikation als wichtigste aller Führungsqualifikationen der Chefetage zu festigen. Früher war das anders. Die bekannten Anführer aus unserem Geschichtsunterricht oder den großen Hollywoodproduktionen haben sich uns stets als große Kommunikatoren präsentiert. Der wortgewaltige Winston Churchill hat über dies Thema sogar einen Roman geschrieben, mit dem er den Literatur Nobelpreis gewann – ganz nebenbei. Und am Mikrofon war er auch einer der zündenden Funken, um seine Nation und die Welt im Bombenhagel aufrecht zu halten.

Heute gilt Kommunikation auf der obersten Chefetage eher als Hochrisikosportart für den unerwarteten Karrieretod. Der ehemalige Aufsichtsratsvorsitzende der Deutschen Bank, Rolf E. Breuer, hat sich mit einem Satz ins Guinnessbuch der Rekorde kommuniziert. Auf dem Nischensender Bloomberg genügte eine Antwort, um in Rekordzeit aus dem Unternehmen, den Adressbüchern und den Einladungslisten der Finanzbranche zu fliegen. Es kostete ihn seinen Job und über 3 Millionen Euro Strafe. Seine Bank kostete es über 900 Millionen Euro Wiedergutmachung an die Kirch-Erben. Eine Lektion fürs Leben und für die gesamte Kommunikationsbranche.

Corporate Communication mutierte zu Minenräumdiensten, die zunehmend zu Spürhunden für explosive Fehltritte wurden. Die Goldwaage hielt Einzug in die Chefetage und jedes Wort wurde vor der Veröffentlichung gewogen.

Die juristische Abteilung entwickelte hocheffektive Abwehrsätze, die einschlagsicher, aber auch unverständlich wurden. Im Zweifel schwenkte man auf die Sprache der Zahlen, die bekanntlich für sich selbst sprechen können. Doch Bullshit-Bingo ist die Killer-Applikation für jede Form von Mitarbeitervertrauen. Unter großer Sicherheit wurde Kommunikation entmenschlicht. Und das wird nun zum Problem. Die Top-Entscheider versuchen ihren Kopf gar nicht erst in die kommunikative Schlinge zu hängen. Sie werden Getriebene einer dunklen Macht, genannt: der Markt.

Hätte Martin Luther King vor dem Lincoln Memorial verkündet: „We have a transformation plan“ – wäre die Geschichte Amerikas vermutlich anders gelaufen. Die Sätze sind wie die Gedanken austauschbar und unpersönlicher geworden. Wer Menschen bewegen und hinter sich bringen will, muss das entscheidende Thema zu seiner persönlichen Geschichte machen. „I have a dream“, dann geht auch was.

Corona war in kommunikativer Hinsicht ein Erweckungserlebnis. Langgehegte Rituale und Sprachbarrieren wurden über Nacht durchbrochen. Die Chefetage und ihre kommunikativen Stäbe liefen zur Hochform auf. Man saß am anderen Morgen im Polohemd im Keller vor dem Rechner und redete plötzlich wieder wie ein Mensch. Mann und Frau reagierte instinktiv und instinktiv richtig. 

„Die Goldwaage hielt Einzug in die Chefetage“

Die Kommunikation zielte nicht bis zur nächsten Führungsriege, sondern live über alle Hierarchie-Level hinweg. Im Zoom-Call, ohne Zeitverzug und Übersetzungsfehler aus konnte jedermann*frau die Nachrichten dem Chef*in vom Gesicht ablesen. Keine Zeit für Photoshop. Und siehe da – es wirkte. Das Vertrauen in die Chefetage und ihre Handlungsfähigkeit stieg, in allen Unternehmen, über alle Branchen. Die gemeinsame Sinnfrage war mit dem feindlichen Virus schnell beantwortet. Die Corona-Bedrohung schloss die eigenen Reihen in eine erlebbare Gemeinschaft. Das große Ganze war wichtiger als die Summe aller Egos. Man fuhr auf Sicht, blieb für alle Mitarbeiter in Sicht- und Rufweite und täglich an Deck.

Nun steht die neue große Führungsfrage im Raum, wie geht die Geschichte weiter, wenn die Luft wieder rein ist? Jedes Unternehmen braucht ein neues Narrativ. Zur alten Geschichte und zu alten Businness-Plänen zurückzukehren ist undenkbar. Es wird höchste Zeit, sich darüber Gedanken zu machen. Denn es gibt abermals viel Vertrauen zu gewinnen. Dabei gilt der Satz des großen Unternehmensgurus David Bowie: „You can be heroes“. Jetzt ist die Zeit.


Frank Dopheide war Chairman von Grey und Geschäftsführer beim „Handelsblatt“. Zuletzt hat er die Purpose-Agentur Human Unlimited gegründet. Für MEEDIA schreibt er über Menschen, Marken und Menschenmarken.

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