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Die GAFA-Kolumne

Warum Apple & Co. 2021 zu Börsenverlierern mutieren

Nils Jacobsen – Illustration: Bertil Brahm

Seit Jahresbeginn schwächeln die wertvollsten Tech- und Internetunternehmen auffällig an der Wall Street. Was ist los mit den GAFA-Aktien?

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Hand aufs Herz: Haben Sie vor einem Jahr zugegriffen, als die Kurse an den Weltbörsen auf dem Höhepunkt der Corona-Krise ins Bodenlose gestürzt sind? Ich gestehe vollends: Ich habe den Augenblick verpasst, zuzukaufen bzw. überhaupt neu zu investieren, weil ich a.) zu sehr mit dem Corona-Newscycle beschäftigt war, b.) zu geizige Kauforders platziert habe (mein alter Fehler) und c.) bei einer Pandemie, die die Wirtschaftswelt zumindest ein weiteres Jahr beschäftigen würde, nicht an eine schnelle Kurserholung geglaubt habe. Wie man sich täuschen kann!

Heute wissen wir es besser: Vor genau einem Jahr erlebten wir historische Kaufchancen, wie es sie vielleicht einmal in einer Dekade gibt, das letzte Mal vor 12 Jahren auf dem Höhepunkt der Lehman-Krise. Seit den Jahrestiefs im März 2020 haben sich die GAFAM-Aktien nämlich bis heute wie folgt erholt:      

  • Microsoft: + 79 Prozent
  • Amazon: + 83 Prozent 
  • Facebook: + 103 Prozent 
  • Alphabet: + 106 Prozent 
  • Apple: + 135 Prozent

Realistisch betrachtet muss man resümieren: So eine Chance dürfte nicht so schnell wiederkommen. Kurszuwächse in diesen Dimensionen – innerhalb des letzten Jahres steigerten die Big Five die Marktkapitalisierung um knapp 4 Billionen Dollar! –  sind bei so hoch kapitalisierten Unternehmen wie den GAFAMs kaum in den nächsten 12 Monaten, vielleicht nicht einmal in den nächsten 24 oder 36 Monaten zu erwarten.

Tatsächlich scheint der Wind an den Kapitalmärkten inzwischen gedreht zu haben. Seit Jahresbeginn sitzen Besitzer von Apple-, Amazon- oder Tesla-Aktien auf Verlusten. Seit den teilweise erst im Januar/Februar aufgestellten Jahreshochs haben die GAFAMs in den vergangenen Wochen wie folgt an Wert verloren:

  • Alphabet: – 5 Prozent
  • Microsoft: – 5 Prozent
  • Facebook: – 8  Prozent 
  • Amazon: – 13 Prozent
  • Apple: – 15 Prozent

Was ist da los? Seit Wochen wird an der Börse ein Thema gespielt: die Wiedereröffnung der Wirtschaft. Auch wenn wir es hierzulande kaum glauben mögen – es gibt Länder in der westlichen Welt, in denen bald das Post-Corona-Zeitalter eingeläutet wird. In den USA sollen Corona-Impfungen gegen Ende Mai abgeschlossen sein. 

Entsprechend könnte pünktlich zum Sommerbeginn in der wichtigsten Volkswirtschaft der Welt die Normalität zurückkehren, die möglicherweise das GAFAM-Wachstum drücken könnte. Erinnern wir uns: Big Tech hat im vergangenen Jahr so massiv an der Börse zugelegt, weil die GAFAMs als „Stay-at-Home“-Unternehmen zu den Profiteuren der Pandemie wurden.

Im Lockdown wurde deutlich mehr Zeit in den eigenen vier Wänden verbracht – und damit potenziell mehr vor dem iPhone, vor iPad und MacBook, die für das Homeschooling, das Studium zu Hause oder das Homeoffice neu erworben wurden. Wer mehr Zeit online verbringt, dürfte am Ende entsprechend auch mehr auf Facebook surfen und bei Google suchen. Dass während der Shutdowns und der anhaltenden Pandemie immer mehr Online-Bestellungen bei Amazon eingingen, versteht sich zudem von selbst.

Die Börse hat Big Tech den Corona-Bonus nun sichtbar entzogen. An den Kapitalmärkten macht das geflügelte Wort der ‚Sektorenrotation’ die Runde: Während Aktien der Reise- und Tourismusanbieter wieder gesucht sind, wird GAFAM gemieden. Die große Frage lautet nun: für wie lange? 

Grundsätzlich sind Anleger gut beraten, nicht zu versuchen, den Markt zu timen. Am Ende entscheiden die Wachstumsperspektiven über die Attraktivität einer Anlage. Und hier hat Big Tech eindeutig gegenüber den gerade angesagten Zyklikern die Nase vorne, wie Vermögensverwalterin Karen Firestone bei CNBC exemplarisch herausarbeitet.

Je größer die Kursverluste von Big Tech werden, desto größer könnte das unerwartete Gefühl eines Déjà-vu zum vergangenen März aufkommen. Der Ausgang seinerzeit ist nur allzu präsent: Je stärker die GAFAMs seinerzeit einen Boden ausgebildet hatten, umso stärker brachen sie danach nach oben aus. Ob sich die Geschichte wiederholt oder zumindest reimt, bleibt die Multi-Billionen-Dollar-Frage der Wall Street. 

+++ Short Tech Reads +++

Apple 3.0: iKonzern bleibt unangefochtener Wearable-Champion

Tim Cook betont das Mantra immer wieder: Apple müsse nicht die meisten Produkte verkaufen, sondern die besten. Die Statistik beim Marktforscher IDC dürfte dem 60-Jährigen dennoch gefallen: Mit einem Marktanteil von 34 Prozent hat Apple den Wearable-Markt 2020 weiter nach Belieben dominiert. Geschätzt 151 Millionen Einheiten der Apple Watch und AirPods hat Apple demnach verkauft – Verfolger Xiaomi bringt es gerade mal 51 Millionen abgesetzte Wearables.  

Axios: Facebook will Journalisten mit neuer Publisher-Plattform umgarnen

Alle Jahre wieder: Content und Facebook – da geht was. Immer wieder schien das weltgrößte Social Network Verlagen den roten Teppich auszurollen – mal bei Videos, mal beim News Tab –, und schnell war danach nichts mehr von der Initiative zu hören. In einem neuen Vorstoß werden Alpha-Journalisten nun direkt umgarnt. Wie Axios berichtet, rollt Facebook eine Publisher-Plattform aus, die u.a. dafür dient, Newsletter zu versenden. Substack gefällt das nicht…. 

WSJ: Alibaba soll Weibo verkaufen 

Der Druck auf Chinas E-Commerce-Giganten wächst nahezu wöchentlich weiter. Seit dem überraschend abgesagten Börsengang des Finanzdienstleisters Ant Financial, an dem Alibaba maßgeblich beteiligt ist, reißen die Negativschlagzeilen nicht ab. Neuste Hiobsbotschaft: Nach Angaben des ‚Wall Street Journals’ könnte Peking seinen nationalen Big Tech-Champion  nun dazu zwingen, seine Kurznachrichtenplattform Weibo und seine Medienbeteiligungen zu veräußern.    

+++ One more Thing: Der HomePod, der kein Echo sein wollte / konnte +++

Alle Jahre wieder leistet sich auch Apple mal Produkt-Flops. Das Aus des Original-HomePods kam mit Ansage: In einer Welt der Amazon Echos war er schlicht zu teuer – und monothematisch. Der HomePod wollte nie als Trojanisches KI-Pferd das Wohnzimmer einnehmen, sondern schlicht für einen Bombast-Sound sorgen.   

Für Anwender wie mich war der HomePod damit wie gemacht. Entsprechend besitze ich nicht einen, sondern – kein Witz – gleich vier HomePods! Denn Stereo macht bekanntlich mehr Spaß: einmal im Wohnzimmer das Soundsystem in Verbindung mit Apple TV, einmal im Arbeitszimmer die doppelte Beschallung für den besseren Output. (Full Disclosure: Diese Kolumne kam mit freundlicher musikalischer Unterstützung von Jhené Aiko zustande.)      

Zur Wahrheit zählt allerdings auch die Analyse des langjährigen TechCrunch-Reporters und heutigen Wagnisfinanzierers M.G. Siegler: „Apple brachte ein Sonos zum Kampf mit Alexa mit“. Siegler weiter: „Apple kämpfte einen gestrigen Kampf und wusste es nicht mal.“ Der iPhone-Konzern verlor den von Anfang an aussichtslosen Kampf auf dem Smart-Speaker-Markt nicht wegen der ausgezeichneten Hardware, sondern der desaströsen KI Siri, die auch nach einem Jahrzehnt so schlecht ist, dass ich selbst einfachste Song-Aufrufe lieber über das iPhone eintippe als mich auf das Glücksspiel mit Siri zu verlassen.  

Nun hoffe ich zumindest auf Apples Serviceversprechen, aussortierte Produkte wenigstens fünf weitere Jahre mit Softwareupdates auszustatten. Danach sitze ich dann vielleicht auf 10 Kilo schick designter Tech-Nostalgie. Und wer weiß schon, was die im Jahr 2026 wert ist…
Cheers + bis nächste Woche!   

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