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Gender-Kritik im "Mittagsmagazin"

Julia Ruhs: „Viele junge Frauen sind gegen das Gendern“

Julia Ruhs ist Volontärin beim Bayerischen Rundfunk – Foto: BR / Johanna Schlüter

Julia Ruhs ist Volontärin beim Bayerischen Rundfunk und hat sich jüngst im „Mittagsmagazin“ ziemlich klar gegen das Gendern ausgesprochen. Masse und Heftigkeit der Reaktionen haben auch sie überrascht, so Ruhs im Interview mit MEEDIA.

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Das Gendern ist zum hochpolitischen Thema geworden. Die einen sehen darin einen wichtigen Schritt, um Minderheiten mehr Sichtbarkeit zu geben. Die anderen halten es für unschön, unnötig und sehen es als ein Teil einer Identitätspolitik, der sie ebenso kritisch gegenüberstehen. Und wie das so ist in Zeiten wie diesen, mangelt es zumindest in den sozialen Medien an Contenance und Sachlichkeit. Wer das Gendern ablehnt, ist dort bestenfalls von gestern, schlimmstenfalls „Rechtspopulist“, finden die einen. Wer für das Gendern ist, macht die deutsche Sprache kaputt und will der Bevölkerung eine Gehirnwäsche verpassen, sagen die anderen.

Während in der Medien- und Kulturbranche immer mehr Doppelpunkte, Striche und Sterne auftauchen, lehnt die Bevölkerung das Gendern laut entsprechender Umfragen mehrheitlich ab. Gleichwohl ziehen längst nicht nur immer mehr Agenturen und Medien nach, sondern auch Konzerne von Weltrang. Jüngst kündigte zum Beispiel Audi an, künftig von „Audianer*innen“ zu sprechen – und auch darüber wurde dann wieder entsprechend gestritten; weniger sachlich, mehr so auf Sandkasten-Niveau. Kein Wunder, diagnostizierte der „Spiegel“ jüngst einen „Krieg der Sterne“ als er fragte: „Ist das noch deutsch?“

Nein, sagt zum Beispiel Julia Ruhs, Volontärin beim Bayerischen Rundfunk. Mit der Meinung steht sie freilich nicht allein, und dennoch sorgte ihr „Nein“ für besonders viel Aufmerksamkeit, genauer: ihr 84-Sekunden-Kommentar im ARD „Mittagsmagazin“, in dem sie sich klar gegen das Gendern positioniert (s. unten). Dass es Reaktionen geben würde, überraschte schon qua Setting nicht: junge Frau, öffentlich-rechtlich, gegen das Gendern. Das triggert, links wie rechts, bei Befürwortern und Gegnern des Genderns.

Dennoch, so Ruhs gegenüber MEEDIA, sei sie von der Masse und Heftigkeit der Reaktionen überrascht gewesen. In Zahlen: Fast 8.000 Gefällt-mir-Angaben beim Twitter-Account des „Mittagsmagazins“, über 1.600 Reaktionen (Stand 15. März, 8.30 Uhr). Fast genauso viel Feedback bekam Ruhs bei ihrem Twitter-Account, über den sie den Beitrag ebenfalls teilte. Ihre Followerschaft hat sich in den vergangenen Tagen auf fast 5.000 User vervielfacht. Und so stand eine BR-Volontärin quasi über Nacht im Mittelpunkt einer Debatte, in der es um vielleicht nicht weniger geht als die Zukunft der deutschen Sprache. Wie geht es ihr damit? Die folgenden Fragen haben wir Ruhs schriftlich gestellt, die BR-Pressestelle hat nochmal drüber geschaut; für alle Fälle. Schließlich muss zu der Sache schon genug kommuniziert werden. Extern wie intern übrigens.

MEEDIA: Frau Ruhs, Sie haben jüngst im „Mittagsmagazin“ das Gendern kritisiert. Was stört Sie konkret an den Sternchen und Strichen?

Julia Ruhs: Mich stört vor allem, dass das Gendern – zum Beispiel mit dem Sternchen – keine natürliche Veränderung der Sprache ist. Sondern eine, die erst in den letzten Jahren immer mehr forciert wurde. Normalerweise wird Sprache ja nicht komplizierter, wenn sie sich wandelt, sondern vereinfacht sich eher. Beim Gendern ist das Gegenteil der Fall. Außerdem liegen die Gründe für fehlende Gleichbehandlung von Männern und Frauen doch nicht in der Sprache, sondern immer noch in der Realität. Die Gender-Befürworter sagen auf dieses Argument ja immer: Sprache forme das Denken, wenn wir die Sprache ändern, dann ändern wir das Denken und damit letztendlich auch die Realität. Aber genau dieser Ansatz, mit einer künstlichen Sprachveränderung das Denken beeinflussen zu wollen – auch wenn noch so hehre Absichten dahinter stehen – halte ich für ein völlig falsches Mittel. 

Eine Volontärin des Bayerischen Rundfunks kritisiert im reichweitenstarken „Mittagsmagazin“ den Gendersprech. War das eine kalkulierte Provokation? 

Naja, ich habe vergangenes Jahr im November schon einmal in einem BR-Podcast mit zwei Kollegen über das Thema Gendern diskutiert. Damals war meine Meinung bestimmt nicht weniger provokant. Ich hatte da natürlich in einer halben Stunde auch mehr Zeit, meine Argumente ausführlicher zu erklären, als diesmal. Aber ein Kommentar soll ja auch pointiert sein, eine klare Haltung haben und sich etwas trauen – also auch etwas provozieren. 

Ich habe mich außerdem gefragt: Hat man Sie vorgeschickt, weil sich die älteren Kollegen nicht trauen gegen das Gendern zu sein? 

Ich glaube, dieses Thema verlangt schon danach, von einer jungen Journalistin kommentiert zu werden. Jedem älteren, vor allem männlichen Kollegen wäre im aktuellen Diskursklima sofort abgesprochen worden, sich über das Thema äußern zu dürfen – weil er zu alt ist oder als Mann von dieser angeblich diskriminierenden Sprache eh nicht betroffen ist. Aber ich bin mir sicher, ich spreche schon dem ein oder anderen Kollegen aus der Seele. 

Was war denn Ihre persönliche Motivation, mit einem solchen Kommentar auf Sendung zu gehen? Sie haben ja sicherlich geahnt, dass es dafür nicht nur Applaus geben wird.  

Klar habe ich das geahnt, schließlich ist das Gendern ein sehr polarisierendes Thema. Aber ich kenne sehr viele junge Frauen, die genau so denken wie ich. Deren Stimme wird zu selten gehört. Manchmal scheint es fast, als wären per se alle junge Frauen fürs Gendern, aber das stimmt so einfach nicht – deswegen finde ich es schon wichtig, mal den Mund aufzumachen. Dadurch, dass ich selbst auch in den sozialen Medien unterwegs bin, musste ich natürlich damit rechnen, bei so einem Kommentar auch viel Gegenwind zu bekommen. Das gehört dazu und ist auch okay, solange es nicht beleidigend wird. Leider gibt es auch Applaus von einer Seite, mit der ich nichts zu tun haben will, aus politisch sehr rechten Kreisen. 

Rund um Ihren Beitrag wird zum Beispiel auf Twitter heftig gestritten. Hat Sie Ausmaß und Heftigkeit mancher Reaktionen überrascht? 

Das Ausmaß insgesamt ist beachtlich, und dass es so abgeht, hat mich schon überrascht. Aber es ist halt ein aufgeladenes Thema. Es geht darum, wer in der Sprache wie repräsentiert ist und welchen Gruppen zu wenig Beachtung geschenkt wird. Mich hat aber vor allem auch überrascht, dass ich viele ausführliche, unterstützende Mails und Nachrichten bekommen habe, gerade mit der Motivation, dem Hass in den sozialen Netzwerken etwas entgegenzusetzen. 

Viel Zuspruch, viel Gegenwind. Das stelle ich mir heftig vor. Wie ergeht es Ihnen damit? 

Wer austeilt und sich in die Öffentlichkeit begibt, der muss auch einstecken können. Gegen Gegenwind habe ich nichts, wenn’s beleidigend wird, ist das natürlich unschön. Und Twitter hat eine wirklich krasse Dynamik, die ich davor so noch nie erlebt habe. 

Und inwieweit bekommen Sie Rückmeldung von Familie und Freunden? 

Da kommen natürlich vor allem positive Rückmeldungen. Für viele Bekannte von mir ist es eh schwer nachvollziehbar, weshalb sich die Welt mit solch nebensächlichen Themen wie dem Gendern befasst. Das zeigt mir immer wieder, in welcher akademischen Blase sich diese Debatte abspielt und wie schnell diese Diskussion bei einem Großteil der Leute auf komplette Verständnislosigkeit stößt. 

Letzte Frage: Der Großteil der Bevölkerung, das legen entsprechende Studien nahe, ist gegen das Gendern. In der Medien- und Kulturszene sieht das über weite Strecken anders aus. Was überwiegt bei Ihren Kollegen vom ÖR: Zuspruch oder Widerworte? 

Von meinen Kollegen haben mich vor allem bestärkende Nachrichten erreicht – manchmal auch von Leuten, die meine Meinung nicht unbedingt teilen. Das freut mich, denn ich akzeptiere ja auch diejenigen, denen geschlechtergerechte Sprache total wichtig ist. Meinungsvielfalt und der Respekt vor anderen Meinungen gehören einfach zu einer Demokratie. 

Die Fragen wurden schriftlich gestellt. Hinweis: Bei MEEDIA steht es den Autoren frei, ob und wie sie gendern.

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