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Wochenrückblick

Die Reichelt-Ermittlungen werden zum Lackmustest für den Springer-Vorstand

Die internen Ermittlungen bei Springer gegen „Bild“-Chef Julian Reichelt treiben Medien-Deutschland um. Das Interview von Meghan & Harry beschäftigt den Rest der Welt. RTL hat keine Lust mehr auf Dieter Bohlen und der „Spiegel“ einen außergewöhnlich gut gemachten Titel. Die MEEDIA-Wochenrückblick-Kolumne.

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Für die nicht wenigen Feinde von Julian Reichelt und der „Bild“ war die Nachricht, dass bei Springer intern gegen ihn ermittelt wird, natürlich ein gefundenes Fressen. Die Vorwürfe sind nicht strafrechtlich relevant aber doch hart: Machtmissbrauch, Ausnutzen von Abhängigkeitsverhältnissen. Der „Spiegel“ schreibt, dass Reichelt mit einigen Frauen, die ihm hierarchisch untergeordnet waren, Beziehungen gehabt haben soll. Überschrift der „Spiegel“-Story: „Vögeln, fördern, feuern“ (€). Interessant auch, dass in dem Zusammenhang noch ein älteres Compliance-Verfahren auftaucht. Damals lautete der Vorwurf, Reichelt soll eine Beziehung zu einer Mitarbeiterin einer PR-Agentur gehabt haben, die dann mit Aufträgen von der „Bild“ bedacht worden sei. Diese Untersuchung lief wohl ins Leere. Dann wabern auch noch Gerüchte über Drogenmissbrauch durch die Berichte. Es summiert sich. Die Frage ist nun, wie vor allem Mathias Döpfner, der sich stets schützend vor Reichelt gestellt hat, mit der Gemengelage umgeht. Falls keine weiteren, noch härteren Vorwürfe auftauchen, könnte die interne Untersuchung ergeben, dass es sich um Privatangelegenheiten des „Bild“-Chefs handelt, ihm aber keine belegbaren Verstöße nachzuweisen sind, die Konsequenzen rechtfertigen würden. In diesem Bereich privater Beziehungen fallen Nachweise ja häufig schwer. Auf diese Weise könnte Reichelt „Bild“-Chef bleiben und der Springer CEO käme nicht in die missliche Lage, einen Nachfolger oder eine Nachfolgerin für ihn suchen zu müssen. Leute wie Reichelt, die quasi ihr Leben der Marke des Arbeitgebers weihen, findet man nicht an jeder Ecke.

Kommende Woche könnte die Untersuchung zu den Vorwürfen schon abgeschlossen werden. Dann wird sich zeigen, was der intern geäußerte Anspruch des Vorstands, man wolle, „dass jeder ohne Angst auf mögliche Missstände und Fehlverhalten hinweisen kann“, wert ist. Auch die Aussage von Döpfner und Mit-Vorstand Jan Bayer, man wolle „so viel Transparenz wie möglich“, wird dann zu bewerten sein. Dass da etwas faul ist mit der Unternehmenskultur bei der „Bild“, das ist offensichtlich geworden. Es fällt schwer zu glauben, dass der Vorstand des Hauses Springer erst kürzlich davon erfahren hat. Die Frage ist: Will man etwas daran ändern?

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Das Meghan&Harry-Interview mit Oprah Winfrey hat diese Woche die Medien weltweit elektrisiert. Auf einem Nebenschauplatz wurde in England der Moderator Piers Morgan seinen Job bei „Good Morning Britain“ bei ITV los. Morgan ist ein berüchtigter britischer Boulevardjournalist vom Stamme Krawall. Er war u.a. Chefredakteur des Krachblatts „News of the World“ und beim „Daily Mirror“. Aus seiner wenig edlen Feder stammen Schklagzeilen wie „Achtung! Surrender! For you Fritz ze Euro 96 iz over“ zum Fußballspiel Deutschland – England bei der EM 1996. Einen Knacks bekam seine Karriere, als er 2004 gefälschte Fotos zu den Folter-Verhören us-amerikanischer Soldaten im Gefängnis von Abu Ghraib in Afghanistan veröffentlichte. Außerdem soll er kurzzeitig eine Bekanntschaft mit Meghan Markle gepflegt haben, bevor sie sich Prinz Harry zuwandte. Dieser Mister Morgan also wetterte bei „Good Morning Britain“ übel gegen den Meghan-Auftritt im Interview und erklärte, er würde ihr nicht glauben, wenn sie den Wetterbericht vorlese. Am folgenden Tag ruderte er etwas zurück, u.a. da er auch ihre Aussagen, sie habe Selbstmordabsichten gehabt, rüde als erfunden bezeichnet hatte. Von seinem Co-Moderator zurechtgewiesen, platzte Morgan der Kragen und er stapfte vor laufender Kamera aus dem Studio.

Bei der britischen Medienaufsichtsbehörde gingen wegen seiner Meghan-Tiraden im Fühstücksfernsehen rund 41.000 (!) Beschwerden ein, eine davon von Meghan selbst. Das muss man auch erst einmal hinkriegen.

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Da hat RTL doch tatsächlich Dieter Bohlen rausgeworfen, bzw. seinen Vertrag nicht verlängert. Angeblich soll die Entscheidung auf Henning Tewes zurückgehen, der seit kurzem neben TV Now (bald RTL+) auch fürs lineare Fernsehen bei den Kölnern zuständig ist. Bohlen gilt hinter und vor der Kamera als nicht ganz einfacher Typ. Seine Ausfälligkeiten gegen die zahlreichen minder talentierte Kandidaten bei „DSDS“ waren in jüngerer Zeit aber bei weitem nicht mehr so krass wie früher. Dass miese Sänger mit großem Ego von Dieter Bohlen abgefrühstückt werden, ist so etwas wie das konstituierende Prinzip dieser Show. Fast hat man den EIndruck, RTL lässt mittlerweile kaum noch passable Sangestalente vor die Jury, weil das dann halt nicht so „witzig“ ist, wenn jemand tatsächlich gut singen kann. Schwer vorstellbar also, wie RTL „DSDS“ ohne Bohlen erfolgreich weiterführen will. Das „Supertalent“ ist vielleicht sogar ein noch schwierigerer Kandidat. Diese Show wirkte auch mit Dieter in ihren jüngsten Staffeln sehr blutleer. Vielleicht endet bald nicht nur die Ära Bohlen beim RTL.

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Der „Spiegel“ wird gerne kritisiert für seine Titel. Manchmal zurecht. Manchmal zu unrecht (zum Beispiel beim Titel zum Gendersternchen-Thema). Diesmal finde ich das Cover zu den aktuellen Problemen der Unionsparteien optisch und inhaltlich wirklich sehr gut gelungen:

So muss ein Nachrichtenmagazin auftreten.

Schönes Wochenende!

PS: Im Podcast „Die Medien-Woche“ haben mein Kollege Christian Meier von der „Welt“ und ich den Uni-Professor Christian Hoffmann zu Gast, der darüber spricht, wie links die deutschen Medien sind. Es freut mich, wenn Sie reinhören!

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