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Brisantes Compliance-Verfahren

Was die Ermittlungen für „Bild“-Chefredakteur Julian Reichelt bedeuten

Julian Reichelt – Foto: Imago

Die Vorwürfe gegen Julian Reichelt sind heftig. Egal ob berechtigt oder nicht – der „Bild“-Chefredakteur hat jetzt einen schweren Stand. Springer muss die Führung seiner wichtigsten Medienmarke neu ordnen.

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Ob Politiker oder Wirtschaftsbosse – Anfeindungen von außen ist „Bild“-Chefredakteur Julian Reichelt gewohnt. Gern polarisiert der gebürtige Hamburger bei allerlei Themen – vor allem in der Corona-Krise. Der Streit mit dem Virologen Christian Drosten sorgte für heftige Schlagzeilen. Doch das ist Teil seines journalistischer Auftrags. „Bild“ ist eine Verkaufszeitung. Provokante Ansichten sind da gefragt, um die Reichweite des Springer-Flaggschiffs zu steigern. 

Die internen Ermittlungen gegen Julian Reichelt werden Konsequenzen haben – egal wie sie ausgehen, meint MEEDIA-Redakteur Gregory Lipinski

Doch jetzt gerät der ehemalige Kriegsreporter von innen in die Kritik. Aus den eigenen Reihen werfen ihm vor allem Mitarbeiterinnen vor, seine Macht als Vorgesetzter missbraucht zu haben. Von Mobbing und der Ausnutzung von Abhängigkeitsverhältnissen ist die Rede. Das sind gewichtige Anschuldigungen. Viele Kritiker von Reichelt reiben sich bereits die Hände. Sie hoffen, dass die Tage des medialen Haudraufs gezählt sind – egal ob die Vorwürfe stimmen oder nicht. Frei nach dem Motto: Irgendetwas bleibt immer hängen.

Das bringt Axel Springer in eine missliche Lage. Der Berliner Verlag sieht sich gezwungen, eine externe Kanzlei einzuschalten. Die befragt die Redakteure, um die Wahrheit herauszufinden. Und das zu Vorgängen, die sich teils vor Jahren abspielten. Das ist kein leichtes Unterfangen. Kaum eine Mitarbeiterin wird offenlegen, dass sie mit ihrem Chef eng privat verkehrte. Zu sehr berühren solche Fragen den privatesten Bereich und von strafrechtlichen Vorwürfen ist nichts bekannt. Auch Mobbing am Arbeitsplatz ist schwer nachzuweisen. Meist einigen sich die Betroffenen einvernehmlich und gehen getrennte Wege. Anschuldigungen lösen sich dann häufig in Luft auf, Untersuchungen werden beendet – Reichelt wäre entlastet.

Doch was dann? Könnte der „Bild“-Chefredakteur zur Tagesordnung übergehen? Wohl kaum. Er wird es schwer haben, die Redaktion weiter in seinem hemdsärmeligen Stil zu leiten. Zu sehr müsste er fürchten, dass neue Vorwürfe aus der Belegschaft seiner Redaktion kommen. Das wäre nicht gut: Wieder drohte ein internes Ermittlungsverfahren, wieder gäbe es unappetitliche Schlagzeilen. Das kann sich Springer-Chef Mathias Döpfner nicht leisten, zumal ihm der US-Finanzinvestor KKR im Nacken sitzt. Der ist auf Rendite bedacht – besonders bei „Bild.“ Die Zeitung gilt immer noch als wichtiger Ertragsbringer. Döpfner muss genau abwägen, ob er Reichelt die alleinige Gesamtverantwortung für die rote Marke weiter überlässt. Besser wäre es, wenn er zumindest die Führung des gedruckten Produkts neu vergibt – möglichst in die Hände eines männlichen Journalisten, der mit einem ausgewogenen Führungsstil die Wogen in der Belegschaft glättet. Das wäre eine passable Lösung, schnell wieder Ruhe in die aufgebrachte Redaktion zu bringen.

Anmerkung der Redaktion: Dieser Kommentar von Gregory Lipnski hat eine Debatte ausgelöst wegen der Meinung, dass die Führung der Print-„Bild“ „möglichst in die Hände eines männlichen Journalisten“ gelegt werden sollte. Diese Äußerung wurde kritisiert und auch redaktionsintern kontrovers diskutiert. Grundsätzlich sind wir daran interessiert, eine Bandbreite an Meinungen in Kommentaren abzubilden. Die stellvertretende MEEDIA-Chefredakteurin Christa Catharina Müller hat eine Replik auf Gregory Lipinskis Kommentar geschrieben, die Sie hier lesen können: „Geschlecht: egal

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