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Disney+

Roger Crotti: „Bei uns allen muss ein Umdenken stattfinden“

Roger Crotti, Country-Manager von Disney – Foto: Disney

Vor dem Launch der neuen Programmwelt Star auf Disney+ am 23. Februar spricht Country Manager Roger Crotti im Exklusiv-Interview über die wachsende Bedeutung des Streamingportals, die besondere Situation des Kinos, die Strategie für Local Content und die Veränderung der Mediennutzung in der Pandemie.

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Was macht Star, die neue digitale Programmwelt auf Disney+, unique?

Roger Crotti: Unique ist vor allem, dass wir mit Disney+ so erfolgreich gestartet sind. Knapp 95 Mio. Abonnenten sind es jetzt weltweit. Mit dem Launch von Star auf Disney+ als sechste Welt können wir das Angebot für ältere Teenager und Erwachsene noch einmal ergänzen. Dieses Angebot bestand bisher schon mit dem Programm von Disney, Pixar, „Star Wars“, Marvel und National Geographic, aber jetzt wird es noch größer.

Warum wird Star nicht als eigenständiges Angebot gelauncht?

Wir wissen durch Marktforschung, dass gerade ältere Teenager und Erwachsene sehr daran interessiert sind, ein zusätzliches General Entertainment Angebot auf Disney+ zu haben. Darüber hinaus, schließen die Deutschen im Schnitt aktuell 1,7 Streamingabos ab, deshalb macht es Sinn, Star auf Disney+ integriert anzubieten. Wichtig dabei ist auch, dass mit der Einführung unserer neuen Kindersicherung sichergestellt ist, dass Disney+ ein geeignetes Seherlebnis für die ganze Familie bleibt.

Sind denn die Erwartungen an Disney+ auch im deutschsprachigen Raum erfüllt worden? Entsprechen Sie dem Erfolg von Disney+ in anderen Ländern?

Auf jeden Fall. Wenn wir das Gesamtbild betrachten, sprechen wir immer nur von dieser einen Zahl, den 94,9 Mio. Abonnenten weltweit. Aber natürlich sehen wir uns die Ergebnisse auch lokal an, um uns entsprechend weiterzuentwickeln. Auf jeden Fall sind wir auch sehr zufrieden mit den Zahlen in Deutschland, Österreich und der Schweiz.

Netflix und Amazon Prime setzen immer stärker auch auf lokalen Content. Wie ist hier die Perspektive für Disney+ oder für Star?

Zunächst sind wir ein Service, der seine Heimat in US hat. Damit sind wir sehr erfolgreich gestartet und werden hier auch weiteren Content über unsere bestehenden Marken und über Star einpflegen. Natürlich wollen wir auch lokale Relevanz bekommen und werden in Zukunft vermehrt lokales Produkt auf die Plattform nehmen, aber auch lokale Stoffe produzieren. Bereits jetzt finden sich auf Disney+ viele deutsche Familienfilme, etwa die modernen Klassiker und Kinoerfolge der letzten 15 Jahre wie die „Ostwind“-Reihe, die „Wickie“-Filme oder „Die wilden Kerle“, die wir selbst ins Kino gebracht haben.

Bei Star sind wir im Serienbereich auf der Suche nach relevanten Themen und haben bereits den einen oder anderen Stoff in der Entwicklung. Bei den lokalen Produktionen ist es uns vor allem wichtig, Geschichten zu erzählen, die einen ganz klaren lokalen Bezug haben. Zwei Fragen waren uns wichtig: Warum wollen wir diese Geschichte aus Deutschland heraus erzählen und warum jetzt? Die Zuschauer sollen sich bei uns wiederfinden – in den Geschichten und den Figuren. Diese Woche haben wir ja bereits zwei spannende lokale Projekte für Star auf Disney+ angekündigt: „Sam – Ein Sachse“ ist eine Serie von Big Window Productions und erzählt die wahre Geschichte von Ostdeutschlands erstem schwarzen Polizisten Samuel Meffire. Sie wird produziert von International-Emmy-Award-Gewinner Jörg Winger („Deutschland 83“) und Tyron Ricketts. Das zweite Projekt ist die schwarze Komödie „Sultan City“, produziert von den aufstrebenden Showrunnern Ayla Gottschlich und Aysel Yilmaz sowie Headautorin Ipek Zübert.

Mit Star befinden sich nun sechs Welten auf Disney+. Gibt es Erkenntnisse, welche dieser Welten hierzulande oder weltweit besonders erfolgreich ist?

Wie schon vorhin gesagt, sind die Abonnenten unsere Erfolgskennzahl weltweit und an dem sensationellen Erfolg sieht man, dass wir mit allen Marken und Inhalten die Menschen begeistern.

Nicht nur „Soul“ ist direkt auf die Plattform gegangen, auch andere Kinofilme feierten auf Disney+ ihre Premiere. Wie erfolgreich waren diese unterschiedlichen Formen der digitalen Vermarktung?

Der Launch von „Mulan“ erfolgte, als die Kinos in Deutschland geschlossen waren. Somit war der Film bei uns anfänglich ausschließlich per VIP-Zugang und später dann auch für alle Abonnenten ohne zusätzliche Kosten auf der Plattform erhältlich. Auch bei „Soul“ waren bei uns die Kinos geschlossen, doch dieses Mal brachten wir den Film zu Weihnachten für alle Abonnenten direkt ohne zusätzliche Kosten auf Disney+. Am 5. März wird jetzt „Raya und der letzte Drache“ mit VIP-Zugang starten, und hätten unsere Kinos geöffnet, könnte der Film gleichzeitig im Kino und mit VIP-Zugang auf Disney+ starten.

Eines ist sicher – und das hat auch unser CEO Bob Chapek betont, dass wir zukünftig jeden Content genau prüfen werden, auf welcher Plattform wir diesen auswerten. Es wird Inhalte fürs Kino mit einem klassischen Kinofenster geben, oder wir entscheiden uns wie bei „Raya“ für einen zeitgleichen Start im Kino und auf Disney+ mit VIP-Zugang. Und natürlich wird es Inhalte geben, die direkt auf die Plattform und nicht erst ins Kino kommen werden. Die Fragen, die sich uns stellen, lassen sich immer aus der Sicht des Anbieters beantworten, aber am Ende geht es um unsere Konsumenten und deren Interessen. Und je mehr wir darüber wissen, wie der Konsument es will, umso passender und zielgenauer können wir den Content auch ausspielen.

Haben die Pandemie und der Lockdown die Anstrengungen von Disney, beim Thema Streaming zu reüssieren, noch verstärkt?

Ja, das darf man sicher sagen, das gilt für uns wie für alle anderen Anbieter. Während der Pandemie sind viele Menschen zuhause und wollen den Content dort konsumieren. Das hat unsere Anstrengungen hin zu einem DTC-first-Geschäftsmodell absolut beschleunigt. Andere Geschäftsbereiche wie das Geschäft mit den Kinos, die nur im Sommer und Anfang Herbst unter Einschränkungen öffnen durften, das Geschäft mit den Themenparks oder das Kreuzfahrtbusiness hatten sicherlich große Herausforderungen, aber Disney+ hat definitiv davon profitiert.

Wann hoffen Sie, Filme wieder ins Kino bringen zu können?

Wir sind dazu intern täglich im Austausch. Wir sprechen mit den Kinos, mit den großen und kleineren Gruppen, und sind dazu mit den Verbänden im Gespräch. Natürlich wünschen wir uns alle wieder eine Zeit, in der wir ganz normal ins Kino gehen können. Aber es gibt auch eine Datenlage zu Corona, die zeigt, dass das noch eine Weile dauern wird. Ursprünglich hatten wir geplant, „Raya und der letzte Drache“ Anfang März ins Kino zu bringen. Noch vor zwei Monaten konnte man glauben, dass das funktionieren könnte. Das hat sich als verfrühte Hoffnung erwiesen. Jetzt glaube ich, und das hört man auch in der Branche, dass es vielleicht Anfang April zu Ostern wieder losgehen kann. Wahrscheinlich mit Einschränkungen, aber ich wünsche mir, dass die Kinos dann bundesweit wieder öffnen können und nicht wieder ein Flickenteppich entsteht. Gerade die großen Filme von uns und anderen Verleihern und Studios sind darauf angewiesen, dass sie flächendeckend starten können. Wenn das nicht gewährleistet ist, werden die Studios wieder anfangen zu verschieben.

Glauben Sie, dass die Attraktivität von Kino nach diesem langen Lockdown eingebüsst haben wird?

Es gibt die Kinofans, die es jetzt schon kaum mehr aushalten können und unbedingt wieder ins Kino gehen wollen. Wenn man wieder sicher ins Kino gehen kann und die Massen wiederkommen können, dann glaube ich, dass das Kino eine Art Frühling erleben kann. Aber ich bin mir auch sicher, dass man etwas dafür tun muss, um diesen Frühling das Jahr hindurch zu verlängern. Auch das Kino muss sich neu erfinden. Wir haben alle gemerkt, wie einfach es ist, Content zuhause zu konsumieren, ob große oder kleine Filme, Arthouse, Serien und so weiter. Trotzdem gehen wir alle gerne nach draußen und wollen wieder etwas mit anderen erleben. Und dennoch muss das Kinoerlebnis per se meiner Meinung nach noch an Qualität gewinnen. Dann kann Kino auch wunderbar neben Streaming bestehen. Ein gutes Kino wird es immer geben.

Ist der Erfolg von Streaming schon in anderen Bereichen spürbar, beim linearen TV oder im Home Entertainment?

In Deutschland existiert die weltweit zweitgrößte Free TV-Landschaft nach USA. Das lässt sich nicht so einfach wegdenken. Es wird hier immer lineares TV geben, aber auch das wird sich sicherlich über die Zeit weiter verändern. Wir sehen uns die Entwicklungen sehr genau an und werden auch so manches Mal überrascht. „Mulan“ ist ein gutes Beispiel, weil der Film im physischen Home Entertainment unheimlich erfolgreich gelaufen ist. Die Leute wollen den Film trotz seiner Verfügbarkeit auf der Plattform auch auf DVD oder Blu-ray besitzen. Für die Zukunft werden wir flexibel bleiben und weiterhin einen verbraucherorientierten Ansatz verfolgen, wenn es darum geht, wie wir unsere Zielgruppen in allen unseren Geschäftsbereichen am besten bedienen können.

Die Welt wird nach dem Lockdown anders aussehen. Die Wege zum Konsumenten haben sich verändert. Wird das auch Auswirkungen auf das Kinofenster haben?

Wie schon gesagt, wir haben verschiedene Distributionskanäle – Kinofenster, zeitgleich im Kino wie auch auf Disney+ mit VIP-Zugang wie bei „Raya und der letzte Drache“ sowie Inhalte direkt auf Disney+. Diesen Mix werden wir zukünftig optimieren und anpassen, um als Unternehmen flexibel auf Konsumenteninteressen reagieren zu können und für die Zukunft bestens aufgestellt zu sein.

Müssen die Kinos Sorge haben, nicht mehr ausreichend großes und exklusives Produkt von Disney zu bekommen?

Wir werden alles dafür tun, dass unsere Produkte, die die große Leinwand verdient haben, auch auf die große Leinwand kommen. Damit meine ich nicht nur unser Franchiseprodukt, die großen Live Action Blockbuster oder unsere Animationsfilme, sondern auch einen Film wie „Nomadland“, einen qualitativen Arthousefilm. Auch dieses Kinoerlebnis wollen wir weiter bieten können. Gleichzeitig gibt es aber auch Produkt, das die große Leinwand nicht braucht und auf einer Streaming Plattform gut aufgehoben ist.

Wie schätzen Sie die Möglichkeiten für die Produktionsbranche ein? Gibt es hier neue Chancen, auch weil die verschiedenen Medien sich gegenseitig befruchten können?

Ich sehe es tatsächlich als Bereicherung. Dass manche Filmemacher, die ich selbst schätze und mag, an der Meinung festhalten, dass nur die Kinoleinwand eine Berechtigung hat und alles andere weniger zählt, finde ich überholt. Die Medien existieren nebeneinander und sie ergänzen sich. Ein Film kann im Kino laufen, und man muss ihn dort gesehen haben, damit man beispielsweise der Serie, die auf der Plattform startet, auch weiter folgen kann. Und über die Plattform wird man wieder ins Kino gebracht. Diese Consumer Journey müssen wir gestalten. Für die Kreativen entstehen hier ganz neue Möglichkeiten.

Wie sehen Sie die Mediennutzung nach dem Lockdown?

Alle werden versuchen, attraktiven Content zu produzieren, und dieser Content wird ein Publikum suchen. Wir als Disney werden unseren Content möglichst optimal aus unserer Sicht kreativ produzieren und entsprechend bewerben, damit wir die Konsumenten für uns gewinnen können. Diese Inhalte wird das Publikum im Kino sehen wollen, wenn sie für die große Leinwand konfektioniert sind, oder auf einer Plattform, wenn der jeweilige Inhalt dieses Kinoerlebnis nicht erfordert. Auch die Kinos müssen zukünftig flexibler sein. Es wird auf jeden Fall eine Herausforderung sein, den richtigen Content auszuwählen. Bei uns allen muss hier ein Umdenken stattfinden, denn nicht zuletzt durch Covid-19 hat sich die Welt und auch das Konsumentenverhalten verändert.


Dieser Text erschien zuerst bei „Blickpunkt Film“, das wie MEEDIA bei Busch Glatz erscheint.

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