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Wochenrückblick

Die Deutsche Welle wird die Missbrauchs-Debatte einfach nicht los

Wieder mal ist ein großer Artikel über Missbrauchs-Vorwürfe bei der Deutschen Welle erschienen, diesmal in der „Süddeutschen“. Im „Spiegel“ und anderswo wird die Frage aufgeworfen, ob der WDR zu sehr mit Armin Laschet kuschelt. Beim Suizid einer Influencerin spielten Boulevardmedien eine unrühmliche Rolle und Enissa Amani zeigt, wie man eine interessante Talksendung ganz ohne Promis hinbekommt. Die MEEDIA-Wochenrückblick-Kolumne.

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Die Deutsche Welle bekommt die negativen Schlagzeilen zu Missbrauchs-Vorwürfen in eigenen Reihen einfach nicht los. Aktuell hat die „Süddeutsche“ auf fast der kompletten Medienseite ein Stück dazu veröffentlicht: „Schikane, Beschwerde, Rauswurf“ (€). Darin werden Vorwürfe kolportiert, dass Mitarbeiter, die sich über Machtmissbrauch in der DW beschweren, mit Rauswurf bedroht seien. Der Sender weist das zurück. Los ging die Artikelserie über die Deutsche Welle 2019 mit einem langen Stück in der „Zeit“ von Mohamed Amjahid. Kern war, dass einem aus Ägypten stammenden Moderator des arabischen DW-Programms Vergewaltigung vorgeworfen wurde. Das Verfahren gegen den Mann ist mittlerweile eingestellt worden.

Anfang 2020 sorgte ein Bericht im britischen „Guardian“ für Aufsehen, der von dem früheren DW-Mitarbeiter Jad Salfiti geschrieben wurde und ein Klima von Rassismus und Machtmissbrauch bei der DW beschrieb. Der aktuelle „SZ“ Artikel greift die Vorgänge aus der vorherigen Berichterstattung auf und reichert sie mit neuen Vorwürfen und Fällen an. Intendant Peter Limbourg hatte eine Kommission eingerichtet und Aufarbeitung versprochen. Ganz offensichtlich gärt es aber weiter. Interessant ist aber auch, dass der Autor des aktuellen „SZ“-Stücks, derselbe ist, der auch den „Zeit“-Artikel zur DW von 2019 schrieb. Er erwähnt in der „SZ“ sogar die „Zeit“-Berichterstattung, freilich ohne offenzulegen, dass er quasi auf sich selbst verweist. Soviel Transparenz sollte schon sein.

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Der „Spiegel“ sorgte mit einem Artikel (€) für einigen Medienwirbel, in dem dem WDR vorgehalten wird, in vorauseilendem Gehorsam einen kritischen Hörfunkbeitrag über Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) gelöscht zu haben. Es geht dabei um einen Videoschnipsel, in dem Laschet praktisch zugibt, einen Vorwand für die Räumung des Hambacher Forsts gesucht zu haben. Der WDR weist die Darstellung des „Spiegel“ zurück. Das Video sei schon länger um Web zirkuliert, die Aussage Laschets („habe einen Vorwand gebraucht“) habe keinen Newswert besessen. Kurzum, man habe den Beitrag gelöscht, weil er „journalistisch unsauber“ gewesen sei. Und das, obwohl die WDR-Rechtsabteilung eine Veröffentlichung laut „Spiegel“ für unbedenklich hielt. Dem wurde auch nicht widersprochen. Es bleibt ein bisschen nebulös und die Erkenntnis, dass das nachträgliche Löschen von Beiträgen immer heikel ist, sollten nicht wirklich zwingende Gründe vorliegen. Es braucht aber ja noch nicht einmal gelöschte Beiträge, um die berechtigte Frage zu stellen, ob der WDR mit „seinem“ MP, dem Armin, nicht bisweilen ein bisschen zu heftig kuschelt. Hierzu ist zur Ansicht dieser Ausschnitt von Altmeister Friedrich Küppersbusch empfohlen, der dokumentiert, wie Laschet im „Kölner Treff“ von Moderatorin Bettina Böttinger eifrig bewienert wird:

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Eine wirklich schlimme Geschichte ist der Suizid der Influencerin Kasia Lenhardt. Einmal mehr spielen Boulevardmedien eine unrühmliche Rolle. „Bild“, RTL und Knalldumm-Portale wie „Promiflash“ haben das Ende ihrer Beziehung zum Fußballer Jérôme Boateng weidlich ausgeschlachtet – jetzt ist die Betroffenheit groß. Neben den Medien dürften auch Hasswellen im Netz ihre Rolle gespielt haben. Bei der „Bild“ war der Tod der jungen Frau am Ende noch eine dürre Meldung in der man so tat, als habe man mit der ganzen Sache nicht das Geringste zu tun. Bitter. Imre Grimm hat das, was zu dieser Sache zu sagen ist, für das Redaktionsnetzwerk Deutschland aufgeschrieben:

Niemand weiß, ob Kasia Lenhardt die Eigendynamik einer süffigen Boulevardstory unterschätzt hat. Niemand weiß, ob ihr Tod wirklich die Folge einer existenziellen psychischen Krise war, ausgelöst durch pausenlose Attacken wildfremder Menschen, sekundiert von einem Blatt, das unter Chefredakteur Julian Reichelt einen schlecht gelaunten, humorlos-aggressiven Kampagnenjournalismus praktiziert. Sicher aber ist, dass die Folgen davon, zum öffentlichen Objekt zu werden, selbst für Menschen, die sich ansonsten geschmeidig über rote Teppiche bewegen, unkalkulierbar sind.“

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Viel ist geschrieben worden über die WDR-Talkrunde „In letzter Instanz“, in der White Dudes and Gals über Rassismus schwadronierten. Die deutsch-iranische Comedienne Enissa Amani hat sich nicht aufs Meckern beschränkt, sondern es besser gemacht. Für YouTube stellte sie eine eineinhalb Stunden lange Talkshow mit unverbrauchten Gesichtern zusammen, die wirklich etwas zum Thema zu sagen hatten. Kein einziger so genannter Promi, trotzdem super interessant. Das Anschauen lohnt auch dann, wenn man mit den Witzen von Frau Amani sonst eher nicht so viel anfangen kann.

Angeblich hatte sie das Format auch dem WDR angeboten. Schade, dass der Sender nicht zugegriffen hat, aber im Digitalzeitalter findet sich auch ohne Anstalt im Rücken ein Publikum.

Schönes Wochenende!

PS: Falls Sie das Groß-Thema der Woche, die womögliche Fusion von RTL und G+J, vermissen. Hier, hier und hier, haben wir bei MEEDIA schon ganz viel dazu geschrieben. Wer noch kein MEEDIA-Abo hat, hier gibt es 25 Prozent Rabatt! Auch im Podcast „Die Medien-Woche“ dekliniere ich mit Kollege Christian Meier von der „Welt“ das Thema durch. Im Podcast geht es außerdem um die Frage, ob es richtig war, dass ein altgedienter „New York Times“-Redakteur das Blatt verlassen musste, weil er mal das N-Wort gesagt hat. Ich freue mich, wenn Sie reinhören!

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