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Coaching-Corner

Coaching-Thema: Wie gelingt der Einstieg in der neuen Firma auf Distanz in Corona-Zeiten?

Ines Thomas - Zeichnung: Bertil Brahm

Jeden Monat beantwortet Business & Leadership Coach Ines Thomas die Fragen der MEEDIA-LeserInnen. Unvoreingenommen, lösungsorientiert und zukunftsoptimistisch. In dieser Ausgabe ihrer Kolumne „Coaching Corner“ geht es um eine Herausforderung, die wir vor Corona kaum kannten: Wie gelingt der Start im neuen Führungsjob auch aus dem Homeoffice?

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Leserfrage: „Nächsten Monat fange ich einen neuen Job als Vertriebsleiterin in einem Fachverlag an. Das Timing dafür – und für den Umzug in eine neue Stadt – könnte natürlich besser sein. Bis auf Weiteres arbeitet mein zukünftiges Team und nahezu alle im Unternehmen vom Homeoffice aus. Netzwerken beim Mittagessen fällt also flach. Wie kann ich die berühmten ‚ersten 100 Tage‘ trotzdem gut gestalten und mein Team, die KollegInnen und die Firmenkultur kennenlernen. Gerade die informellen Verbindungen sind ja oft entscheidend dafür, ob man Fuß fasst.“

Danke für die spannende und aktuelle Frage. Personalabteilungen rund um die Welt machen sich derzeit Gedanken, wie das Onboarding neuer Mitarbeiter im Remote-Setting gut gelingt. Es ist klug, dass Sie sich proaktiv mit dieser Frage auseinandersetzen. Denn mit Ihrem letzten Satz sprechen Sie bereits den zentralen Punkt an. Es sind oft die informellen Verbindungen und Begegnungen, die darüber entscheiden, ob, wie schnell und wie gut man in einer neuen Firma im wahrsten Sinne des Wortes „ankommt“.

Wenn wir in einem Unternehmen zur Tür hereinkommen, erhalten wir intuitiv über die Atmosphäre und scheinbar nebensächliche Momentaufnahmen innerhalb von Minuten viele Informationen darüber, wie hier der Wind weht. Angefangen bei der Art, wie man morgens am Empfang begrüßt wird, über die Beobachtung wer mit wem Mittagessen geht bis hin zur Frage, wer abends grundsätzlich als Letztes noch im Büro sitzt.

Für neue Führungskräfte kann die Situation eine Chance sein

Wichtige Kontext-Informationen zu Ihrer Aufgabe und den Beziehungsgeflechten und informellen Abläufen in Ihrem und um Ihr Team herum sind im virtuellen Setting deutlich schwerer zu erfassen.

Aber lassen Sie sich nicht entmutigen. Denn allein durchs bewusst darüber Nachdenken sind Sie schon auf einem guten Weg, das Beste aus der Situation zu machen. Und die positive Seite dieser „gebremsten Landung“ in der neuen Rolle ist, dass auch Sie etwas mehr Zeit haben, die Aufwärmphase in der neuen Firma gezielt zu gestalten. Auch für andere ist es auf Distanz schwerer sich ein schnelles – und möglicherweise vorschnelles – Bild von Ihnen zu machen.

Ich würde sogar noch weiter gehen. Gerade für Sie als neue Führungskraft kann die aktuelle Situation es erleichtern, neue Impulse zu setzen und eigene Wege zu etablieren. Auch wenn wir alle schon eine (lange) Weile im „Neuen Normal“ arbeiten, ist dieser Dauerkrisenmodus eine große Irritation des Etablierten. Unzählige vermeintlich unverrückbare Regeln und „Schon-immer-so-gemacht“-Prozesse sind aktuell auf Eis gelegt und es ist daher leichter, bei der schrittweisen Rückkehr in einen Hybrid- oder Präsenzmodus nur das Hilfreiche wieder „aufzutauen“.

Aber bevor ich zu euphorisch abschweife, lassen Sie mich konkreter auf Ihre Frage zur Beziehungsgestaltung in den ersten 100 Tage eingehen. Denn die prägende Kraft dieser wichtigen Anfangszeit sollten Sie unbedingt für sich nutzen.

Do’s und Don’t der Firmenkultur erspüren

Die wichtigsten drei Dinge in dieser Phase sind: Kommunikation, Kommunikation und Kommunikation.

Machen Sie sich einen 4-Wochen-Plan und stellen Sie sicher, dass Sie mit allen Teammitgliedern und relevanten KollegInnen, mit denen Sie an Schnittstellen arbeiten, mindestens (!) einen Gesprächstermin vereinbaren. Finden Sie auch heraus, welche regelmäßigen Meetings und Updates in Ihrem oder angrenzenden Bereichen sonst noch so stattfinden. Bitten Sie darum, in größere Runden mit eingeladen zu werden, selbst wenn Sie dort inhaltlich (noch) nicht zwingend gefragt sind. Gerade wenn Sie keine aktive Rolle im Termin haben und entspannt zuhören können, ist das eine Chance, die KollegInnen zu erleben, unternehmerische Zusammenhänge zu verstehen und Do’s und Don’t der Firmenkultur zu erspüren.

Die 1:1-Gespräche, die Sie in den ersten Wochen führen, können Sie auch vom Homeoffice aus hervorragend nutzen, um Erwartungen abzuklären, die offizielle und inoffizielle „Kräfteverteilung“ zu erfragen und um Verbindung und Vertrauen aufzubauen. Verlassen Sie sich auf die Macht der Fragen. Wenn Sie passende aber „ausreichend ungewöhnliche“ Fragen stellen, werden Sie auch entsprechend informationsreiche Antworten bekommen.

Indem Sie die Gesprächsebene bewusst wählen, können Sie dafür sorgen, dass Ihre Kennenlerntermine schnell die Oberfläche verlassen und zu wertvollen Begegnungen werden. Dass klappt, wenn Sie die Gespräche von der Sachebene gezielt in die Tiefe führen (Stichwort „Deeptalk“).
Auf die Frage: „An wen muss ich mich wenden, um Zugang zur Projektdokumentation zu bekommen?“ bekommen Sie „qualitativ“ andere Antworten als auf „Wie ging es Dir, als Du neu hier angefangen hast? Was war der beste Ratschlag, den Du damals bekommen hast?“

„Deeptalk“-Fragen können wertvolle Informationen liefern

Ihre Teammitglieder können Sie auch ganz offen fragen: „Wie würdest Du die bisherige Führungs-/Teamkultur beschreiben?“, „Was davon sollte bleiben, was nicht?“, „Mit wem in der Firma sollte ich mich unbedingt noch unterhalten?“ Das sind Beispiele für „Deeptalk“-Fragen, die Ihnen wertvolle Kontextinformationen eröffnen können und für einen verbindenden Austausch sorgen.

Vertrauen und Verbindung entstehen auch über Gemeinsamkeiten. Hören Sie bei allen Gesprächen, die Sie so führen also auch bewusst hin, für welche beruflichen oder privaten Themen sich Ihr Gegenüber begeistert. Gibt es Überschneidungen? Dann raus damit. Denn: Verbindendes zu entdecken und zu betonen, ist ein wahrer Booster für den Vertrauensaufbau. Und wann immer Sie sich wohl damit fühlen, etwas Persönliches (Achtung: persönlich heißt nicht zwangsläufig auch privat) von sich Preis zugeben, trauen Sie sich ruhig! Geteilte Geheimnisse können – weise dosiert – als verbindendes Element Wunder bewirken.

Gemeinsamer Spaziergang an der frischen Luft gefällig?

Noch ein Impuls zum Austausch mit Ihrem Team. Es lohnt sich zu überlegen, was für ein neues Kommunikations-Ritual Sie im Team etablieren könnten, das auf der zwischenmenschlichen Ebene wirkt. Ein morgendliches Daily Stand Up-Meeting mit einem ungewöhnlichen Check-In, ein wöchentlicher Virtual-Team-Play-Award, der kollegiale Unterstützung honoriert, oder, oder… Es ist gut, wenn Ihr Team auch außerhalb von projektbezogenen Abstimmungen und trotz der Distanz jeden Tag aufs Neue spürt, dass Sie „jetzt da“ sind.

Und trotz allem, was auch im Remote Setting möglich ist, geht in der sensiblen Kennenlernphase nichts über die persönliche Begegnung. Vertrauen braucht menschliche Nähe und die kleinen, magischen Momente, die im direkten Miteinander nun mal leichter entstehen. Selbst das prickelndste Online-Date bekommt irgendwann einen fahlen Beigeschmack, wenn die echte Begegnung zu lang auf sich warten lässt. Versuchen Sie also, sobald und soweit es mit der Pandemie-Lage vereinbar ist, auch persönliche Termine wahrzunehmen. Bei einem gemeinsamen Spaziergang an der frischen Luft lässt es sich doch hervorragend Kennenlernen und ganz nebenbei Ihre neue Stadt erkunden.

Viel Spaß und Erfolg dabei!


JETZT SIND SIE DRAN

Sie stehen vor neuen Aufgaben oder Herausforderungen? Sie stecken mitten in einer (un)freiwilligen Veränderung? Oder Sie wollen die äußeren und inneren Konflikte des Medienmenschen-Lebens lösen? Dann schreiben Sie Ines Thomas unter CoachingCorner@meedia.de.

KLEINGEDRUCKTES

Diese Kolumne soll unseren Leser/innen auf Basis der eingesandten Fragen erste Anregungen für Lösungsansätze geben und kann eine persönliche Coaching-Sitzung nicht ersetzen. Indem Sie eine Frage an die Kolumnistin richten, stimmen Sie zu, dass Ihre Email anonymisiert – ganz oder in Auszügen – veröffentlicht wird. Unter Umständen werden eingesandten Fragen zugunsten einer besseren Les- und Nachvollziehbarkeit gekürzt und/oder redaktionell bearbeitet.

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