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Vielfalt in den Medien

Der Unterschied zwischen lustig und lächerlich

– Sabrina Harper Zeichnung: Bertil Brahm

Diversity bedeutet nicht, dass es eine Person of Color oder eine homosexuelle Person in die Glotze schafft, schreibt Sabrina Harper in ihrer ersten Kolumne zum Thema Vielfalt in den Medien für MEEDIA.

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Ist es in Ordnung, dass man sich beim Thema Diversity an mich wendet oder ist es bereits diskriminierend mir aufgrund meiner ethnischen Herkunft ein gewisses Expertentum zuzuordnen? Ich fühle mich zumindest nicht diskriminiert – auch wenn andere das anders sehen könnten. Ich bin mehr als meine Herkunft, ein Hautton oder ein Geschlecht. Es ist allerdings zu differenzieren, ob man ein Fachwissen vermutet oder dies unterstellt. Denn das wäre diskriminierend. Genauso wie bei anderen Themen werden meine Inhalte nicht besser, nur weil ich einen bestimmten Phänotyp besitze. Hier liegt keine Kausalität vor, maximal eine Korrelation.

Ein Mangel an Kausalität zeigt sich auch hier: Wenn sich Personen in gehobenen Positionen über Aspekte der Diversity-Debatte lustig machen und einfach überhaupt nicht verstehen können, welche Bedeutung das hat. Ich vermeide hier das inzwischen inflationär gebrauchte geflügelte Wort „alte weiße Männer“, die sind es zwar häufig, aber nicht nur! Erst letztens sah ich eine scheinbar witzige Grafik, die war so unterirdisch, dass sogar ein Maulwurf schockiert gewesen wäre. Darin wurde Deutschland mit China verglichen. Aussage war in etwa, dass in China bei einer Problemstellung eine direkte Lösung erfolgt. In Deutschland würde man bei einem Problem erst einmal auf Aspekte der politischen Korrektheit prüfen: zum Beispiel, ob keiner diskriminiert/empört sei, ob ein Gendersternchen benutzt oder die Frauenquote erfüllt wird. Ja und warum ist das der Fall? Ganz genau, weil in diesem Fall [hier bitte geflügeltes Wort einsetzen] weiterhin voller Ignoranz strotzen, es anscheinend absolut an Empathie für andere Menschen mangelt und der Menschenverstand wohl ausgesetzt hat. Wollen wir hier wirklich chinesische Verhältnisse? Eine Demokratieauslegung wie man es in Honkong bereits anstrebt? So sieht dann nämlich eine direkte Problemlösung aus!

Ich kann verstehen, wenn man müde von den Diskussionen über politische Korrektheit ist – denn es ist ein mühsamer Weg. Lustig ist das aber überhaupt nicht! Nicht für Frauen, die nur durch die Quote Zugang in einen Vorstand erhalten, obwohl sie kompetent sind, nicht für Menschen mit einem Migrationshintergrund, denen bisher der Weg in Chefredaktionen verwehrt blieb, und auch nicht für jede Person, die schon mal diskriminiert wurde. Wer sich hier auf fehlenden Humor beruft, schlägt der Demokratie ins Gesicht und missbraucht das Recht auf Meinungsvielfalt. 

Um demokratische Werte zu schützen, benötigt es eine Gesellschaft, die sich selbst reflektiert. Das geschieht indem Missstände sichtbar werden und mit einer aktiven, vielfältigen Herangehensweise mitgedacht werden. Danach kommen die Umsetzung und Gleichsetzung. Eine große Rolle kommt dabei der Medienlandschaft zuteil. Jetzt ist der entscheidende Augenblick, in dem Medien zeigen können, ob sie weiterhin als vierte Gewalt würdig sind, oder eben nicht.

Viele Medienhäuser entdecken inzwischen Verbesserungsbedarf im Bereich Diversity. Das Warum ist dabei meist der wirtschaftliche Aspekt. Der Ansatz lautet, durch Diversity weitere Bezugsgruppen anzusprechen beziehungsweise in der bereits erschlossenen Zielgruppe eine größere Kundenbindung zu erreichen. Letztendlich wird der Umsatz und damit auch der Gewinn gesteigert. Ich freue mich, dass die Tür für das große Thema Diversity in Unternehmen geöffnet wird. Doch gerade Medienunternehmen sollten mehr als Zielgruppe, Umsatz und Gewinn im Auge haben. Medien tragen maßgeblich zum Diskurs in der Gesellschaft bei. Deshalb trägt jeder TV-Sender, jede Radiostation, jede Zeitung, Zeitschrift, jedes Magazin und auch jeder Streaminganbieter eine besondere Verantwortung. 

„Medien haben eine Sonderrolle“

Eine Langzeitstudie von ARD und ZDF kommt zu dem Ergebnis, dass im vergangenen Jahr jede Person täglich durchschnittlich 424 Minuten Medien konsumierte. Gerade Kinder und Jugendliche, aber auch Erwachsene werden also jeden Tag mehr als sieben Stunden mit Informationen vollgeballert. Das beeinflusst das Sozialverhalten, die Denkweise und das Meinungsbild. Framing und Agenda-Setting üben eine enorme Macht aus. Muss es also immer der Flüchtling sein, der ein Verbrechen begeht? Oder der homosexuelle Mann, der Frisör ist? Diversity bedeutet nicht, dass es eine Person of Color oder eine homosexuelle Person in die Glotze schafft. Diversity bedeutet auch, sich von Schubladendenken zu befreien. Dass das auch mit (intelligentem!) Humor geht, zeigt die Serie „Frau Jordan stellt gleich“. Darin werden mit Augenzwinkern Geschichten einer Gleichstellungsbeauftragten erzählt, die selbst ab und an ins Fettnäpfchen tritt. Ich finde, eine inhaltlich wertvolle und unterhaltsame Serie, die genau den richtigen Weg einschlägt. 

Die erste Staffel der Joyn-Eigenproduktion lief bei ProSieben zur Primetime, wobei der Sender die letzten vier Folgen an nur einem Abend ausstrahlte. Die Quoten waren nicht gut. Ob die zweite Staffel, die man aktuell beim Bezahldienst Joyn sehen kann oder auch die dritte in Auftrag gegebene im linearen TV zu sehen sein werden? Hoffentlich. Damit könnte ProSieben nämlich Haltung zeigen statt nur auf Wirtschaftlichkeit und Quote zu schielen – für mich das bessere Warum.


Sabrina Harper erlebt im Media Lab Bayern, wie innovativ die Medienbranche sein könnte und wundert sich, warum es in vielen Häusern ein Konjunktiv bleibt – zum Beispiel bei der Diversität.

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