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Bla Blasberg

Clubhouse-Hype – immer dieselbe Geschichte von der Sau durchs Dorf …

Kai Blasberg – Zeichnung: Bertil Brahm

Unsere Branche bedient das immer gleiche Narrativ, das von einer durchgejagten Sau in einem Dorf erzählt. Mit einem reifen Medienkonsumverhalten hat das nichts zu tun.

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Ich habe heute Geburtstag. Es wird mein letzter sein. Von heute an bin ich 39. Für immer. Wie die Dietrich.

Die Dietrich?

Wenn Sie das lesen und verstehen, sind Sie alt. Weil: erstens: Sie lesen. Am Ende auch noch Print. Zweitens: Sie sind gebildet. Voll mit Wissen aus der Vergangenheit. Das ist seit letzter Woche endgültig lame. Und Sie gleich mit. Aber sowas von.

Stand heute ändert Clubhouse nämlich alles. Oder auch gar nix. Das gibt es zwar doch schon eine Weile; aber plötzlich aus dem Nichts explodiert es. Zumindest innerhalb seiner Blase.

Sie verstehen nur Bahnhof?

Sehen Sie: lame. Clubhouse ist der neue geile Scheiß der Social-Media-Community. Sie winken innerlich ab? Lame!

Aber mal im Ernst: Auch wenn man nicht methusalemianische Alterskorhorten anspricht, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass wir in unserer Branche der immer selben Komödie beiwohnen sollen, nämlich der, dass immer dieselbe Geschichte, ähm, sorry, das immer selbe Narrativ bedient, das von einer durchgejagten Sau in einem Dorf erzählt.

Ständig ist wieder mal der ultimative Durchbruch in der Kommunikation in Sicht, wenn nicht sogar errungen, immer bekommt man das Gefühl suggeriert, dass, wenn man hier nicht dabei ist, und zwar ganz vorne und direkt, man den Rest seines kümmerlichen Daseins selbiges vergessen könne.

Und nicht nur die ganz Alten denken insgeheim, schweigend, zu verschüchtert sich zu melden, ach ja, auch diesmal machen sich wieder einmal ein paar Leute unberechtigt die Taschen übervoll und wir Mittelklasse-Menschen müssen uns wieder vor der nächsten Entlassungswelle fürchten, weil, man ahnt es schon, die Dinge so sind wie sie sind und überhaupt die Zeiten schwer und die Visibilität und die Volatilität der Märkte … Sie kennen den Schmuh und das mühsam Gegessene tritt den Rückweg an.

Da stimmt es einen fast froh, wenn die hie und da zu Recht kritisierte Schrecke KKR ihr ProSiebenSat.1-Engagement überdenkt und ein Gutteil ihrer Anteile am Markt anbieten will. Zeigt es doch, dass die Blütenträume der Hochdotierten zu Ende gehen und man nicht alleine bleibt in seiner den eigenen Verstand bezweifelnden Schlichtheit, es doch eigentlich alles vorher zu wissen und dann immer dabei zu sein, wenn es mal wieder nicht so klappt wie es die Selbsternannten gewinnbringend und zukunftsausgerichtet im allein ureigenen Interesse verkündeten.

Ich sach’s Euch: Es ist nicht leicht, ich zu sein!

Aber wie dagegen an: „Schuster bleib´ bei Deinem Leisten“ kennt ja bei Clubhouse niemand mehr, weil sich dort keinem erschließt, warum ein Mann mit diesem Nachnamen in wessen Unterleib auch immer verharren sollte.

Es ist nicht leicht, ich zu sein!

Dabei leiden wir jetzt schon sehr unter dem Versäumnis, unseren Kindern nicht rechtzeitig ein reiferes Medienkonsumverhalten zuteil werden zu lassen. Auch wenn es unsere Branche war, die in den letzten beiden Dekaden nachgerade explodierte, kann man dem Bestreben, der aufzuziehenden Brut Medienrezeptionskompetenz nahezubringen nicht mal Rudimente von Mühe nachsagen. Über Kitas und Schule sollten wir ganze Mantelfabriken beauftragen, ihre Kraft im Namen des Schweigens zu bemühen. Dann kam gar noch „Bologna“ dazu, und die Schulabgänger waren plötzlich 23.

Vollgestopft mit Botschaften ohne Ross und Reiter versuchen die Armen nun, eine Art von Grund unter den Pfötchen zu spüren.

Hat dieser Zug den Hof verlassen? Ich fürchte ja. Sollte man deswegen am Bahnsteig stehen bleiben? Ich fürchte nein.

Die in Medienarbeit Tätigen sollten vielmehr überlegen, wie wir nun allerschleunigst einfach mal alles anders machen.

Ein Schulsystem aus dem 19.Jahrhundert muss nicht zwingend das der Zukunft sein. Lehrer, die kein Internet zuhause haben oder nutzen, sollten ebenso eine andere Arbeit nahegelegt bekommen wie Altenpfleger, die sich nicht impfen lassen wollen, oder Metzger, die kein Blut sehen können.

Wir müssen der hohen Last, Elite sein zu können – oder zu wollen – auch Genüge leisten. Wir müssen alles ändern, um bleiben zu können, wer wir sind.

Mit brennendem Herzen Ihr

Kai Blasberg


Kai Blasberg lebt als Rinderfreund in Nordfriesland und einer von zwei Herren mit Hund.

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