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Wochenrückblick

Schafft sich die „Stern“-Chefredaktion bald selbst ab?

Stefan Winterbauer – Illustration: Bertil Brahm

Ohne Clubhouse geht es diese Woche nicht. Außerdem: die groooße Mini-Dschungelshow, massig Ärger beim „Stern“ und crazy Claus Strunz. Die MEEDIA-Wochenrückblick-Kolumne.

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Das Erstaunlichste an „Clubhouse“ (wer diese Woche unter einem Stein verbracht hat, bitte hier entlang (€)) ist für mich das Tempo. Am vergangenen Wochenende explodierte das Interesse an der Audio-App, seitdem ist Medien-Deutschland der Clubhouse-Raserei verfallen. Von Thomas Gottschalk über Sascha Lobo bis Mathias Döpfner: alle lungern sie auf Clubhouse rum, alle wollen dazugehören. FOMO (Fear of missing out) auf Steroiden. An Tag 3 nach der Zündung des Hype-Antriebs gab es dann erste Stimmen, die erklärten, warum das nix wird mit dem Clubhouse. Zu linear, kein Geschäftsmodell und der Datenschutz: uiuiui! Es ist der gute, alte Themen-Zyklus vom Hoch- und Niederschreiben, nur eben in digitaler Über-Reiz-Geschwindigkeit. Ich habe auf eine Anmeldung vorerst verzichtet und warte ab. Und überhaupt: Ein Social-Media-Hype, bei dem Thomas Gottschalk an vorderster Front steht … finde den Fehler.

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Skeptisch war ich auch, was das Konzept für die groooße „Dschungelshow“ beim RTL betrifft. Hier muss ich Abbitte leisten. Bekanntermaßen finden die alljährlichen Lästerspiele diesmal nicht im australischen Busch, sondern in einem TV-Studio in Hürth statt. So wie es manche Kandidaten stets argwöhnten. Jeweils drei Insassen dürfen sich drei Tage lang in einem Tiny House (18 qm) auf den Wecker gehen. Der Unterhaltungswert steigt und fällt dabei naturgemäß mit der Güte der Protagonisten. Mit dem zweiten Dreierteam, bestehend aus „Prince-Charming“-Gewinner Lars Tönsfeuerborn, Wrestler-Chanteuse Lydia Kelovitz und 80er Busen-Fossil Bea Fiedler, hat der Sender aber einen echten Glücksgriff getan. Der grundsympathische Lars, die unberechenbare Bea und das Knallbonbon Lydia legten eine Dschungelshow en miniature mit mehr Drive, Konflikt und Witz wie in manch einer ganzen Staffel hin. Lars und Lydia kamen erwartungsgemäß weiter auf dem Weg zu einem Ticket zur nächsten echten Dschungelshow. Aber es ist ja nicht verboten, den ausgeschiedenen Teilnehmern nochmal ein Angebot zu unterbreiten. Die Dschungelshow – die große alte Dame des Trash-TV – sie kann es noch.

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Beim „Spiegel“ brennt mal wieder die Luft. Co-Chefredakteurin Barbara Hans soll weg, weil sie mit Ober-Chef Steffen Klusmann nicht kann. So weit, so normal. Jedenfalls bei den Streit-Hanseln vom „Spiegel. Diese Woche regt sich aber auch beim dösigen „Stern“ mal wieder Ärger. In der Redaktion gibt es massive Unruhe wegen der anberaumten Schließung der zentralen Ressorts Politik und Wirtschaft in Hamburg. Beide Abteilungen sollen in Berlin mit den Redaktionen von „Capital“ und „Business Punk“ unter der Leitung von „Capital“-Chef Horst von Buttlar zusammengelegt werden. Von Buttlar soll in die „Stern“-Chefredaktion einziehen. Der „Stern“-Beirat lehnt die Ressort-Verlegung und die Berufung von Buttlars in die Chefredaktion ab (€). Was nach außen wie eine deutliche Schwächung der amtierenden „Stern“-Chefredaktion Florian Gless und Anna-Beeke Gretemeier aussieht, wird offiziell natürlich als „Idee“ der beiden verkauft. „Was macht mehr Sinn, als die journalistische Kraft zweier starker – und befreundeter – Marken in der Hauptstadt zu ballen?“ So werden beide unisono in der dazugehörigen Pressemitteilung zitiert. Mich erinnert das ein bisschen an diese Sache, als 2019 zwei Blattmacher für den gedruckten „Stern“ gesucht wurden, die der Chefredaktion zur Seite gestellt wurden. Auch das war damals offiziell eine Idee der Chefredaktion gewesen und hatte natürlich nicht das Geringste mit der sinkenden Auflage zu tun. Wenn die aktuelle „Stern“-Chefredaktion eines Tages abtritt, wird vermutlich auch das ihre eigene „Idee“ gewesen sein. Mit v. Buttlar stünde jetzt schon mal ein Ersatz-Chefredakteur bereit. Formulierungs-Hilfe für die PM: „Was macht mehr Sinn?“

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Bei der Ansicht dieses Videos habe ich mich gefragt, wann genau eigentlich der Zeitpunkt war, als Claus Strunz, der früher mal ein seriöser Chefredakteur und Blattmacher war, beschlossen hat, verrückt zu spielen.

Schönes Wochenende!

PS: In der aktuellen Folge des Podcasts „Die Medien-Woche“ schalten sich Christian Meier von der „Welt“ und ich bei Clubhouse ein. Außerdem geht es darum, was von Trump für die Medien bleibt. Und wir machen ein kleines Streaming-Update anlässlich einer neuen Studie. Würde mich freuen, wenn Sie reinhören!

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