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"Hamburger Morgenpost"

„Mopo“-Verleger von Harpe: „Ich mache gerne bis zur Rente weiter“

Arist von Harpe – Foto: Henning Kretschmar

Die Boulevardzeitung gehört seit Jahrzehnten zum Stadtbild Hamburgs. Die „Hamburger Morgenpost“ liest man in Restaurants, Kneipen, am Kiosk und in Imbissen. Vor rund einem Jahr stand sie wegen schlechter Zahlen auf dem Spiel. Warum der Neu-Verleger es nicht bereut, das Blatt übernommen zu haben.

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Als es vor rund einem Jahr schlecht um das jahrzehntealte Boulevardblatt „Hamburger Morgenpost“ stand, starteten Prominente einen Aufruf für den Erhalt der „Mopo“. Dann kam im Februar 2020 Arist von Harpe. Ein branchenfremder Digitalmanager, den niemand so wirklich auf dem Zettel hatte. Warum er mit der Bezeichnung Verleger fremdelt, warum das Blatt mit einer verkauften Auflage von gut 34.000 Stück (drittes Quartal 2020) jetzt mehr Mitarbeiter beschäftigt als vorher und warum seit Monaten wieder schwarze Zahlen geschrieben werden, sagte er im Interview.

Sie haben die „Mopo“ übernommen, als es der Zeitung finanziell schlecht ging. Dann kam auch noch der erste Lockdown in Corona-Zeiten. Direktverkauf in einer Pandemie mit Ladenschließungen?

Arist von Harpe: Der Start ist natürlich ungünstig verlaufen. Ich habe natürlich am Anfang ohnehin etwas Manschetten vor dem Ganzen gehabt, weil das ein risikoreicher Move war: Eine Zeitung zu übernehmen, die zu normalen Vor-Corona-Zeiten nicht profitabel war. In Summe sind die Verkaufszahlen im ersten Lockdown ein ganz schönes Stück nach unten gesackt. Zugleich sind die Abonnenten in der Zeit gestiegen. Aber der Netto-Effekt war, dass wir über den Verkauf mehr verloren haben als wir im Abo hinzugewonnen haben. Ganz einfach, weil wir eine gelernte Kaufzeitung sind. Im Verhältnis sind es 90 Prozent Verkauf und zehn Prozent Abo. 

Auf der anderen Seite haben wir im ersten Lockdown bedürftigen Institutionen die Mehrerlöse einer Preiserhöhung gespendet. Das hat die Marke „Mopo“ gestärkt.

Sie haben sich zur gedruckten Ausgabe bekannt. Das hat viele überrascht. Wird es die Printausgabe noch in fünf Jahren geben?

Print ist nach wie vor für den Großteil des Umsatzes verantwortlich, den wir machen. Und diesen Umsatz einfach taumeln zu lassen, halte ich – fernab von Print-Nostalgie – für grob fahrlässig. Darüber hinaus ist es das physische Aushängeschild der „Mopo“. Von daher war es klar, dass wir Print stärken mussten und gleichzeitig digital noch besser und erfolgreicher sein wollen. Und ich glaube schon, dass die Zeitung in fünf Jahren noch da sein wird. Wir stellen uns aber darauf ein, dass die Auflage nicht mehr so hoch ist wie jetzt, da bin ich kein Träumer.

Die „Mopo“ steckte in wirtschaftlichen Schwierigkeiten – was haben Sie umgekrempelt?

Die Fixkosten haben wir signifikant reduziert, wenn man Personal herausrechnet, um knapp 50 Prozent. Wir haben überflüssigen Kram, für den die „Mopo“ Geld ausgegeben hat, einfach weggestrichen. Das Resultat ist: Wir haben jetzt sogar mehr Mitarbeiter. Wir sind jetzt viel leistungsfähiger als vor einem Jahr und können 2021 mit einer deutlich schlankeren Kostenstruktur an Umsatzthemen arbeiten.

Mehr Mitarbeiter?

Es sind grob fünf bis zehn Prozent mehr. Es liegt im Wesentlichen daran, dass wir einige Zeitungsinhalte wieder zurück ins Haus geholt haben, die zuvor vom Voreigentümer DuMont geliefert wurden – zum Beispiel der Bereich Panorama mit Storys aus der ganzen Welt. Wir haben auch in der Vermarktung aufgestockt. Festangestellte Mitarbeiter sind wir um die 80.

Haben wir richtig gehört, rund 50 Prozent Kosten gesenkt? Geben Sie uns bitte Beispiele…

Technische Systeme. Beim Voreigentümer war diese Einheit darauf ausgerichtet, Synergien aus mehreren Zeitungen zu heben. Aber für die „Mopo“ war es eher so, dass für viele Dinge so mehr bezahlt wurde, als es nötig gewesen wäre. In diesem Konstrukt war sie wahrscheinlich zu klein und zu anders, als dass das wirklich funktioniert hätte. Auch bei den Räumlichkeiten haben wir uns verkleinert.

Schreiben Sie wieder schwarze Zahlen?

Auf monatlicher Ebene sind wir seit dem vierten Quartal wieder profitabel. In Summe haben wir die ursprünglich mal gesetzten Umsatzziele für 2020 nicht erreicht, auch wegen der Pandemie mit niedrigeren Verkaufszahlen und geringeren Werbeerlösen. Die schwarzen Zahlen sind im Wesentlichen erreicht dadurch, dass wir kostenseitig schlanker aufgestellt sind.

Sie sind nicht der einzige Neu-Verleger. Das Berliner Unternehmer-Ehepaar Friedrich, das auch in anderen Bereichen tätig ist, übernahm Monate vor Ihnen die „Berliner Zeitung“ von der Mediengruppe DuMont. Setzt sich das weiter fort, sehen Sie einen Trend hin zu branchenfremden Neu-Verlegern?

Das könnte gut sein. Andererseits stehen auch nicht dauernd Zeitungen zum Verkauf. Ich fände es schön, wenn das Leute inspiriert zu sagen: Zeitung machen ist was Cooles.

Treffen Sie sich jetzt häufig mit anderen Verlegern?

Ich habe mich mit vielen in der Branche vernetzt, aber natürlich nicht mit allen. Ich sehe meine Rolle auch weniger als Verleger denn als operativer Geschäftsführer. Das Verlegersein kommt dann eher dadurch, dass ich an niemanden berichten muss, was alle Entscheidungen und Projekte natürlich enorm beschleunigt.

Ausblick 2021: Was sind momentan die größten Baustellen bei der „Mopo“?

Baustellen klingen so negativ, es sind eher total spannende Projekte. Das größte Projekt ist dabei sicherlich unser gesamtes Digital-Angebot. Das werden wir technisch und optisch auf ganz neue Beine stellen. Und es gibt weitere Kooperationen: Seit neuestem ist der Kolumnist Micky Beisenherz Gast-Kommentator bei der „Mopo“.

Wird das digitale Angebot kostenpflichtig? Bislang gibt es keine Bezahlschranke auf der Webseite.

Insgesamt nicht, aber wir arbeiten an einem kostenpflichtigen Angebot, das dann mehr beinhaltet als das kostenfreie. Wir wollen das aktuelle Angebot aber nicht beschneiden, sondern mehr möglich machen für den Leser. Wir wollen eine Welt schaffen: „Einmal ‚Mopo‘ scharf mit alles.“ Optisch und technisch wird sich einiges ändern. 

Also ein Digital- oder Plus-Abo, wie es viele andere Medienhäuser bereits eingeführt haben?

Es lehnt sich in Teilen an die Logik von einem Plus-Abo an.

Wollen Sie weitere Zeitungen kaufen?

Nein, aktuell nicht.

Sehen Sie langfristig in Hamburg Platz für mehrere Tageszeitungen? In Berlin ist der Zeitungsmarkt groß, aber er ist angespannt…

Ich glaube schon. Es ist wichtig, dass es mehrere Angebote gibt, weil es den einzelnen Titel aufwertet. Es sind unabhängige Häuser, die die Themen auch durchaus unterschiedlich betrachten. Für die Gesellschaft ist das super.

Bald sind Sie ein Jahr lang „Mopo“-Eigentümer. Haben Sie in dem Jahr das alles einmal bereut?

Nein, bereut überhaupt nicht.

Wie lange wollen Sie „Mopo“-Verleger bleiben?

Mir macht das Ganze unglaublich viel Spaß, vielleicht sogar noch mehr als ich es vorher erwartet habe. Von daher mache ich gerne bis zur Rente weiter.

Interview: Anna Ringle und Hans-Jürgen Ehlers

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