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Dschungelshow, „Vogue“-Cover, Sonneborn – überall Rassismus

Stefan Winterbauer – Illustration: Bertil Brahm

Eine Dschungelshow ohne Dschungel, eine Casting-Show ohne einen gewissen Juror, eine zu hellausgeleuchtete designierte Vize-Präsidentin und Martin Sonneborn entschuldigt sich für einen Witz. Als nächstes friert die Hölle zu. Die MEEDIA-Wochenrückblick-Kolumne.

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Ich gebe es ungern zu, aber wenn ich lineares TV schaue, dann bleibe ich häufig beim RTL hängen. „Ungern“ deshalb, weil das jetzt vielleicht nicht sonderlich intellektuell wirkt. Andererseits: Es heißt ja immer, dass die Dschungelshow die Show mit den meisten Akademikern unter den Zuschauern ist …

Besagte Dschungelshow geht heute abend um 22.15 Uhr wieder los, diesmal aber ist alles anders. Wegen Corona natürlich. Statt in den australischen Busch geht es für die „Promis“ in ein Studio in Köln. RTL hat sich ausgedacht, dass jeweils drei Kandidaten in einem „Tiny House“ auf 18 Quadratmetern für drei Tage zusammengepfercht werden. Das ist in etwa die Fläche eines Fußball-Tores. Dabei müssen sie dann allerlei Aufgaben bewältigen. Gute Idee? Naja. Normalerweise lebt das Camp ja davon, dass sich im Laufe der Zeit gewisse Dynamiken unter den Kandidaten entwickeln. Das klappt mal besser, mal schlechter. Aber in drei Tagen mit drei Leuten? Schon vor Einzug wurde diesmal die erste Kandidatin aus der Dschungelshow geschmissen, die Berliner Dragqueen Nina Queer nämlich. Die sah sich anno 2017 mit Rassismus-Vorwürfen konfrontiert, worauf sie gesagt haben soll: „Dann bin ich eben die erste Hitler-Transe.“ Das war dem Wendler-geplagten RTL zuviel. RTL-Geschäftsführer Jörg Graf: „Vor dem Hintergrund aktueller Diskussionen und unserer Haltung, jegliche Form von Antisemitismus, Rassismus sowie Diskriminierung klar zu verurteilen, können und wollen wir jemanden, der sich selbst ‚Hitler-Transe‘ nennt, keine Plattform in einer Unterhaltungssendung bieten.“ Graf meint mit der „aktuellen Diskussion“ natürlich das Blurr- und Pixel-Fiasko mit dem Wendler bei „Deutschland sucht den Superstar“. RTL hat den abtrünnigen Wendler in bereits abgedrehten „DSDS“-Folgen nach massiver Kritik mehr oder weniger unkenntlich gemacht. Dass das mit der „Hitler-Transe“ vielleicht nicht ganz wörtlich zu verstehen war, ist dem Sender nun offensichtlich … egal.

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Rassismus und kein Ende. Die US-amerikanische „Vogue“ fing sich ein Shitstörmchen ein, weil sich die Redaktion die Freiheit nahm, selbst ein Titelfoto für das Cover mit der neuen US-Vizepräsidenten Kamala Harris auszuwählen und nicht jenes, das von Frau Harris und ihrem Team favorisiert wurde.

Das Foto mit Sneakern auf dem „Vogue“-Cover sei „respektlos“, twitterte eine Aktivistin. Die „Washington Post“ meckerte, die „Vogue habe ihr die Rosen geraubt“, die der ersten Vizepräsidentin des Landes zugestanden hätten: „Nichts an dem Cover sagt ›Wow!‹“. Andere kritisierten, Harris sei als Woman of Color zu hell ausgeleuchtet. Nun ist es nicht die allererste Aufgabe von Medien, sich an den Wünschen von Politikern und ihren Beratern zu orientieren, was die Auswahl eines Cover-Motivs betrifft. Und trotz der gewählten Beleuchtung ist Kamala Harris auf dem Foto durchaus als Kamala Harris zu erkennen. Gemacht hat das Foto mit Tyler Mitchell übrigens ein schwarzer Fotograf.

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Bleiben wir beim Thema. Diese Woche hat sich Martin Sonneborn doch tatsächlich für einen Witz entschuldigt. Der PARTEI-Vorsitzende hatte auf Twitter ein Foto mit einem T-Shirt geteilt, auf dem zu lesen war: „AU WIEDELSEHERN, AMLERIKA! abem Sie Guter FrLug runtel! Printed in China für Die PALTEI“. Die Rassismus-Kritik folgte auf dem Fuße. Weil Sonneborn auf die Kritik seiner Meinung nach nicht angemessen reagierte, schmiss sein Partei-Genosse Nico Semsrott öffentlichkeitswirksam hin. Sonneborn erklärte den Witz auf Facebook und entschuldigte sich in aller Form. Medienanwalt Ralf Höcker schrieb daraufhin, ebenfalls auf Facebook: „Als Medienanwalt habe ich immer gesagt: Wenn Sonneborn fällt, ist unser Kampf gewonnen. Halali, die Sau ist tot! Ich bin tief bewegt und sehe goldenen Zeiten entgegen (für mein Business).“

Sonneborn kündigt noch an: „Einige grundsätzliche (humorlose) Überlegungen zu den Möglichkeiten satirischer Auseinandersetzung mit einer immer irrwitzigere Kapriolen schlagenden Welt werden in der nächsten Zeit folgen.“

Das wäre ein Text, den wir wirklich dringend brauchen. Bitte nicht vergessen!

Schönes Wochenende!

PS: Nicht nur der Wochenrückblick, auch der Podcast „Die Medien-Woche“ meldet sich zurück aus der Winterpause. In der aktuellen Folge diskutiere ich mit Kollege Christian Meier von der „Welt“ über den Twitter-Bann für Donald Trump, es geht um den „DSDS“-Juror, der nicht genannt werden darf, Thomas Gottschalks Einstieg bei Gabor Steingart, Gedankenspiele über eine ARD-Reform und ein paar Personalien der Woche. Es würde mich freuen, wenn Sie reinhören!

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