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Wochenrückblick

Zwischen ARD/ZDF und Spenden-Medien: Ist Journalismus als Geschäftsmodell noch zu retten?

Stefan Winterbauer – Illustration: Bertil Brahm

Wer von der Amazon-Prime-Doku über die „Bild“ eine kritische Auseinandersetzung erwartet, dürfte enttäuscht werden. Philipp Westermeyer traf Mathias Döpfner zum Berlin-Dinner for two. Die Politiker sollten privaten Medien statt mit Geld lieber mit Regulierung helfen. Und die MEEDIA-Wochenrückblick-Kolumne verabschiedet sich in die Weihnachtspause.

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Jetzt ist sie da, die große Amazon-Prime-Doku über die „Bild“-Zeitung. Der Titel „Bild. Macht. Deutschland“ weist ganz zart mit dem Holzhammer darauf hin, was zu erwarten ist. Mit sieben Folgen à plusminus 50 Minuten ist die Doku vor allem eines: viel zu lang. Ein 90-Minuten-Film hätte auch gereicht. Für Medien-Medien-Fuzzis wie yours truly ist die monumentale Länge aber natürlich interessant, weil man viele Einblicke in den Redaktionsalltag der „Bild“-Maschine bekommt. In späteren Folgen nutzt sich dieser Effekt allerdings stark ab. Es gibt schlicht nichts mehr zu erzählen und so begleiten die Amazon-Kameras halt „Bild“-Reporter bei ihren Recherchen. Wer eine kritische Auseinandersetzung mit dem Phänomen „Bild“ erwartet, wird sowieso enttäuscht. Die Doku ist – wie so viele moderne Streaming-Dokus – extrem auf Effekte hin inszeniert. Die mächtige, riesige Boulevard-Redaktion am Puls der Zeit. Am Ruder der raubeinige aber auch irgendwie kernig-heldenhafte Chefredakteur. Julian Reichelt wird die Doku vermutlich gefallen. Kritisches muss man sich als Zuschauer schon weitgehend selbst dazudenken. Nach Genuss der Amazon-Doku (ich habe nicht alle Folgen komplett gesehen) ist aber auffällig, dass die „Bild“-Parodie des „Browser Balletts“ neulich doch erschreckend gut getroffen war. Der Clip ist sogar fast schon sowas wie eine Parodie auf die Doku:

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Gesitteter als bei „Bild“ geht es zu, wenn Springer-Oberchef Mathias Döpfner zum Gespräch lädt. Weil das alljährliche Berlin-Dinner, das er sonst gemeinsam mit Philipp Westermeyer von OMR veranstaltet, dieses Jahr coronabedingt ausfiel, trafen sich der Philipp und der Mathias zum Podcast-Talk im Borg-Würfel von Berlin, also dem neuen Springer-Bau. Das Gespräch ist unbedingt hörenswert, nicht nur aber auch wegen des ungebremsten Optimismus, den Döpfner ausstrahlt. Disruption, ist sein Ding. Gut, wenn man gerade von seiner Chefin Aktien im Wert von einer Milliarde geschenkt bekommen hat, fällt einem das vielleicht auch nicht allzu schwer, optimistisch rüberzukommen. In einem waren sich die zwei übrigens ziemlich einig: Dass es fürs lineare Fernsehen in Zukunft nicht mehr so rosig ausschaut.

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Unter Druck steht nicht nur das Fernsehen, sondern die privaten Medien insgesamt. Die Erosion von Werbe-Umsätzen und das nur langsame und womöglich unerfreulich endliche Wachstum von digitalen Pay-Erlösen bleiben das Kern-Problem privater Medien auch in den kommenden Jahren. Plattformen graben angestammte Erlösquellen im Werbe-Bereich ab. Parallel gibt es – zumindest hierzulande – einen extrem starken öffentlich finanzierten Rundfunk. Während Digitalkonzerne an der Finanzierungsgrundlage privater Medien knabbern, bremst der umfassend finanzierte ÖR womöglich bei dem einen oder anderen die Neigung, ein Digital-Abo abzuschließen. Hinzu kommt ein breites und breiter werdendes Angebot an Klein- und Kleinst-Medien, die spezielle Interessen bedienen und sich häufig über Spenden finanzieren. Hier eine allgemeine Abgabe wie der Rundfunkbeitrag, dort Inhalte gegen eine milde Gabe. Dazwischen wird es für jene, die Journalismus als Business betreiben enger und enger. Das duale System aus öffentlich finanzierten und privaten Medien hat in Deutschland eine klare Schlagseite zu Ungunsten der Privaten bekommen. Die geplante Förderung von Pressemedien durch den Staat ist dabei selbst nicht mehr als ein Almosen. Privatmedien wäre weit mehr geholfen, die Politik würde mit dem Bohren der dicken Bretter anfangen. Will heißen: den öffentlichen Rundfunk neu denken und radikal umstrukturieren und Digital-Plattformen ebenso wirksam wie konsequent regulieren.

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Zumindest im zweiten Punkt scheint in diesem Jahr Bewegung in die Sache zu kommen. Sowohl in den USA als auch in der EU zeichnet sich ab, dass große Plattformen wie Facebook, Google und Amazon mit deutlich schärferer Regulierung rechnen müssen. Zeit wird’s!

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Diese Kolumne geht mit der heutigen Ausgabe in eine kleine Weihnachts- und Winterpause. Wir lesen uns wieder am 15. Januar 2021. Bleiben sie fröhlich!

Frohes Fest und einen guten Rutsch!

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