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Rützels Scharmützel

Auf Schatzsuche in Ramschkartons

Anja Rützel – Illustration: Bertil Brahm

Wie sagt man so schön: Des einen Müll ist des anderen Schatz. Warum sollte man beim Gassi gehen also nicht fremde Kisten durchstöbern?

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Ich habe ein neues Hobby: Das Kramen in fremden Wühlkisten. Vermutlich bringt die viele zuhause verbrachte Zeit die Menschen in diesen Tagen vermehrt zum Rümpeln und Räumen, und wenn sie dann endlich nach Jahren mal wieder diese eine vollgestopfte Schublade geöffnet oder in einem Anfall von Aktivismus sämtliche nicht mehr funktionierenden Lampen in ihrem weitläufigen Anwesen zusammengesammelt haben, packen sie den Ramsch in einen Karton, stellen ihn nach Einbruch der Dunkelheit auf den Gehweg vor ihrem Haus, und dann komme ich beim Frühmorgengassi vorbei und wühle ausgiebig darin herum.

Ich kann dieser Leidenschaft tatsächlich nur in Gesellschaft meines Hundes nachgehen, denn der schnüffelt und stöbert auch gern in mitunter unappetitlichen Ecken und wundert sich wahrscheinlich nur, warum ich nicht kopfüber und Nase voran in die Tinnefherrlichkeit tauche. Fast alle meine Spaziermenschen, mit denen ich mich für ein bisschen coronös akzeptablen Sozialkontakt gerne zum Flanieren verabrede, sind pikiert, wenn ich während unseres Geplauders schon 30 Meter voraus schiele und plötzlich einen Ausfallschritt zur Seite mache, um ein fleckiges, aber illustriertes Filmjahrbuch von 1974 aus einem Ramschkarton zu fischen. Um die Kistenfledderei akzeptabler zu machen, habe ich mir verschiedene metaphorische Überbaue ausgedacht, die verschleiern sollen, dass ich in Wahrheit einfach nur eine alte Krämer- und Raffseele bin. Letztens behauptete ich zum Beispiel im Affekt, den Kisteninhalt zu studieren fühle sich für mich so an, als lese ich die Zeitschrift der Stadt (weil ja auch die ausgiebige Hunde-Schnüffelei an Urinecken gerne als tierische Zeitungsleserei verbildlicht wird. Mit Hundekitsch kenne ich mich aus.). Als ich später noch eimal darüber nachdachte, merkte ich, dass das sogar stimmte: Kaltherzig betrachtet funktionieren ja auch Magazine prinzipiell wie eine Kiste, die jemand mit Inhalt füllt, von dem er annimmt, irgendwer würde sich dafür interessieren, und die man dann hinausstellt in die Welt, um zu überprüfen, ob diese Einschätzung stimmt.

Letztens fand ich zu meiner möglicherweise etwas übersteigerten Freude gleich vor dem Nachbarhaus in einem Karton exakt das Sammelglas des Berliner-Biermeilen-Jahrgangs, das ich kürzlich zerdeppert und damit eine unkittbar geglaubte Lücke in meine durchaus imposante Sammlung geschmettert hatte – so wie ich mitunter in einem Magazin unverhofft einen Text zu einem sehr speziellen Thema entdecke, das mich schon lange beschäftigte. Manchmal finde ich eine Kiste, die nur für mich gepackt scheint, weil darin nicht nur ein paar gut erhaltene Adelshistorie-Sammelhefte, sondern auch noch ein Spiel über Tierbabys liegt – wie eine Zeitschrift einem manchmal immer noch die warme Illusion geben kann, sie wäre exklusiv für einen selbst konzipiert worden. Gelegentlich kommt es natürlich auch vor, dass ich ratlos in einem Karton voller veralteter Reiseführer oder rätselhafter technischer Gerätschaften wühle, mit dem ich nichts anfangen kann – die manifestierten Interessen der anderen eben.

Machmal nehme ich was daraus mit, manchmal nichts, das gilt für inspirierende Zeitschriftenlektüre wie für Stöberkisten-Visiten. Kürzlich schleppte ich selbst einen Karton auf die Straße, gefüllt mit alten Magazinen, die ich aufgehoben hatte, weil mich vor Jahren ein Artikel darin interessiert hatte, den ich jetzt nicht mehr wiederfand. Und erkannte, dass die Zeit meiner prasssüchtigen Magazinkäufe wohl vorbei war: Ich habe schon lange keinen Titel mehr komplett gelesen, wie ich eben auch keine ganze Plunderkiste nach Hause schleppe. Darum habe ich nach langer Zauderei jetzt tatsächlich einen digitalen Kiosk abonniert, in dem ich mir einzelne Artikel aus reichlich Titeln picke. Mehr Altpapier zuhause bedeutet schließlich auch: Mehr Platz für aufgelesene alte Nachttischlampen.


Anja Rützel schreibt hier über ihre Marken- und Medienerlebnisse. Es wird natürlich auch sehr oft um ihren Hund Juri gehen.

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