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Wochenrückblick

„Süddeutsche“ und „Bild“ in der Presserats-Rüge vereint

Stefan Winterbauer – Illustration: Bertil Brahm

Mit dem „Browser Ballett“ schafft es mal wieder ein Online-Format ins „richtige“ Fernsehen. Armin Wolf zelebriert seine Interview-Künste an Kanzler Kurz. Der Landtag von Sachsen-Anhalt ist in einer endlosen Rundfunkbeitragsschleife gefangen. Und die „SZ“ wurde in einem Atemzug mit der „Bild“ gerügt. Die MEEDIA-Wochenrückblick-Kolumne.

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Diese Woche lief am Donnerstag nachts um halb Zwölf mit dem Browser Ballett eine wirklich interessante Sendung im Ersten. Das Format hieß früher Bohemian Browser Ballett und gehört zu dem öffentlich-rechtlichen Jugend-Angebot Funk, das sich bekanntermaßen auf diversen Online-Plattformen verteilt, vor allem Youtube. Kopf dahinter ist Christian Brandes, besser bekannt als Schlecky Silberstein, der zusammen mit Christina Schlag auch die neue TV-Show präsentiert. In den vergangenen Tagen machte Brandes Schlagzeilen, weil er seinen Psychiatrie-Aufenthalt wegen Depressionen öffentlich machte. Er ist wohl nicht der erste Komiker, der unter dieser Krankheit leidet. Das Browser Ballett im TV ist gewöhnungsbedürftig, weil extrem schnell, anspielungsreich und sperrig. Wenn man es negativ auslegt, könnte man sagen: verkopft. Positiv gewendet: Es geht intelligent zu. Man muss schon auf der Höhe der aktuellen Twitter-Debatten sein, um jede Anspielung mitzubekommen. Aber es ist zur Abwechslung auch mal ganz nett, wenn eine neue TV-Show einen eher über- als unterfordert. Ähnlich wie bei Böhmermann wird auch das Browser Ballett einen großen Teil seines Publikums wohl weiter digital finden, also in der Mediathek und mit ausgekoppelten Clips. Für das Erste ist der Neuzugang trotzdem eine schöne Programm-Farbe, die die aus dem sonst üblichen Einerlei heraussticht.

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Über die Interview-Künste des österreichischen Anchors von ZIB2, Armin Wolf, wurde schon viel gesagt und geschrieben. Diese Woche wurde der kindliche Kanzler der Alpenrepublik durch den Wolf gedreht. Sebastian Kurz wollte sich im Interview bei der unangenehmen Frage, warum er Migranten als Sündenböcke bei der Corona-Krise hernimmt, einen schlanken Fuß machen. Kurz hatte zuvor gesagt, Reiserückkehrer und „insbesondere auch Menschen, die in ihren Herkunftsländern den Sommer verbracht haben“, hätten das Virus wieder nach Österreich hereingeschleppt. Er zielte dabei vor allem auf Reiserückkehrer aus dem Westbalkan ab. Als Kurz der Sündenbock-Frage ausweichen wollte, unterbrach ihn Wolf. Bitte anschauen und als Lehrmaterial für Interviewführung aufheben:

Zwei Dinge sind es, die den Fragesteller hier auszeichnen:

  1. Die Wachheit zu bemerken, wie sich der Befragte aus der Affäre stehlen will und darauf zu reagieren. Allzu oft sind Interviewer bei der Antwort im Kopf schon bei der nächsten Frage.
  2. Die Chuzpe, die Unterbrechung durchzuziehen, obwohl auf der anderen Seite der Regierungschef des Landes steht. So sieht es aus, wenn freie Medien ihre Arbeit tun!

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Der Streit im Landtag von Sachsen-Anhalt hat mit der Erhöhung des Rundfunkbeitrags um vergleichsweise läppische 86 Cent mittlerweile praktisch nichts mehr zu tun. Es geht eigentlich um eine Machtprobe und die Frage, ob die CDU gemeinsam mit der AfD abstimmen darf, bzw. soll. Beide Fraktionen sind prinzipiell dagegen, dass der Beitrag erhöht wird. Dabei wird die Erhöhung so oder so kommen. Stimmt Sachsen-Anhalt dagegen, ziehen ARD und ZDF vor das Bundesverfassungsgericht, das in ähnlich gelagerten Fällen immer für eine Erhöhung geurteilt hat. Wollen die Länder wirklich die Kosten für den öffentlichen Rundfunk senken, so geht das nicht mit kleinlichem Zank um Cent-Erhöhungen. Sie müssten sich auf tatsächlich tiefgreifende Reformen von ARD und ZDF einigen, die dann auch einen neuen Finanzrahmen ermöglichen würden. Aber dieses Fass will (noch) niemand aufmachen.

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Diese Woche kassierten Bild, Rheinische Post und die Süddeutsche Zeitung Rügen vom Presserat wegen der Berichterstattung zum mehrfachen Kindsmord von Solingen. Dass Bild gerügt wird, war klar. Es hatte hohe Wellen geschlagen, dass die Boulevardzeitung Chatprotokolle zwischen dem überlebenden elfjährigen Sohn und dessen zwölfjährigen Freund bzw. einer Freundin veröffentlicht hatte. Springer-CEO Mathias Döpfner hatte sogar selbst die Veröffentlichung als Fehler bezeichnet. Aber die Süddeutsche? Immerhin hatte das Blatt aus München die Veröffentlichung der Chats durch Bild und RTL seinerzeit noch in einem Kommentar scharf verurteilt. „Wie tief kann man sinken?“, fragte der Autor Detlef Esslinger. Und mit Blick auf die Eigentümerinnen von RTL und Bild, Liz Mohn und Friede Springer, hat er geschrieben: „Ihren Reichtum verdanken beide Frauen auch Geschäftsmodellen, wie sie jetzt in Solingen ausgelebt wurden. Dieses Geld stinkt. Die Frage lautet: Wann wird’s ihnen mal peinlich?“ Dass die Süddeutsche selbst auch Protokolle veröffentlicht hatte, überrascht dann doch. Später wurde unter den Kommentar eine erklärende Passage zugefügt:

„Aufgrund eines redaktionellen Fehlers hatte zunächst auch die SZ in einer Online-Version Zitate aus einem Whatsapp-Chat des Elfjährigen mit einer Freundin und aus dem Klassen-Chat wiedergegeben. Darin berichtete der Junge vom Tod seiner Geschwister. Diese Passage wurde entfernt.

„Redaktioneller Fehler“ – kann man so sehen.

Schönes Wochenende!

PS: Im Podcast Die Medien-Woche diskutiere ich mit Kollege Christian Meier von der Welt ausführlich über den Rundfunkbeitrags-Streit in Sachsen-Anhalt. Außerdem geht es um Diversität in der ARD, das Browser Ballett und das Hintergrund-Gespräch von ARD-Granden mit Corona-Skeptikern. Es würde mich freuen, wenn Sie reinhören!

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