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„Ist das hier rechtsradikal?“ Stuckrad-Barre überfällt Gabor Steingart auf seinem Boot

Stefan Winterbauer – Illustration: Bertil Brahm

Der Schriftsteller Benjamin von Stuckrad-Barre hat sich überfallartig eine Führung auf Gabor Steingarts Redaktionsboot ertrotzt. Die „Heute Show“ zieht Kritik auf sich. Robert Habeck hat Angst vor Supermärkten. Und ein Podcast zeigt, warum Werbung nicht so gut funktioniert, wie viele denken. Die MEEDIA-Wochenrückblick-Kolumne.

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Manchmal geht es heiter zu in Medienhausen. Zum Beispiel als der Stucki den Steini auf seinem Boot besuchte. Schriftsteller Benjamin von Stuckrad-Barre hat den Kamera-Überfall auf Gabor Steingart an Bord seines Demokratie-Patrouillen-Boots Pioneer One freundlicherweise bei Instagram als Story festgehalten (schnell noch anschauen, bevor es verschwindet!) Stuckrad-Barre fragt „Ist das hier rechtsradikal?“ und erkundigt sich bei Steingart, wie es denn dem Wendler geht. Dann fordert er ihn auf, doch bitte eine Maske aufzuziehen. Steingart gehorcht, wie es sich gehört, und führt den Gast freundlich-verdattert durch das Boot. Stuckrad-Barre inspiziert sogar die Bord-Toilette und hält ganz investigativ fest, welche Zahnpasta Gabor Steingart nutzt (Odol Med 3 und „diese Schweizer“). Steingart müsste dabei nur noch eine schief sitzende Kapitänsmütze tragen, das würde die Sache abrunden. Ich wünsche mir, dass das Format Stuckrad-Barre crasht Medienleute in Serie geht.

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Viele finden die Heute Show im ZDF ganz toll und irre witzig. Immer häufiger hört und liest man aber auch die Kritik, es gehe in der Show mit Oliver Welke zu links-aktivistisch zu. Der Vorwurf, dass die Heute Show politisch ist, ist bei einem Format, das als Parodie auf Nachrichtensendungen angelegt ist, zunächst mal ein bescheuerter. Natürlich darf und muss die Heute Show auch politisch sein. Aktuell ging das in einem Stück, das sich um das Veto Polens und Ungarns gegen den EU-Haushalt dreht, aber dann doch gehörig daneben. Die Komikerin Caroline Kebekus (die ich normalerweise sehr lustig finde) keift und schreit gegen Polen und Ungarn und besonders gegen den ungarischen Regierungschef Orban (Kebekus: „Gulasch mit Ohren“). Das Stück folgt der eingeübten Heute Show-Mechanik: Moderator Welke befragt die „Korrespondentin“, die lauthals und überspitzt rausschreit, was Sache ist. In diesem Fall: Sie beschimpft Ungarn und Polen als bekloppt. Die ganzen Länder wohlgemerkt, nicht nur die Regierungschef. Die „Ratzfatz“-Lösung der Komikerin: Alle anderen EU-Mitgliedsstaaten sollen austreten und eine neue EU ohne die beiden Querulanten-Staaten bilden. Am Ende schnippelt Kebekus dann wütend zwei Sterne aus der EU-Fahne raus – sinnbildlich für Ungarn und Polen. Welke kommentiert: „Eigentlich stehen die zwölf Sterne für die EU-Gründungsmitglieder. Aber: wurscht.“

Dass der Beitrag rein inhaltlich auch ansonsten sehr unterkomplex war. Vermutlich wurscht. In der FAZ schreibt Stephan Löwenstein dazu: „Satire kann, wie Klaus Zehrer in seiner ‚Dialektik der Satire‘ schrieb, eingeschliffene Denkgewohnheiten umkrempeln, Selbstgewissheiten in Frage stellen, neue Sichtweisen eröffnen. Die Heute-Show macht allzu oft das Gegenteil: Denkgewohnheiten einschleifen, Selbstgewissheiten wärmen, Sichtweisen verfestigen.“

Ich finde, da hat der FAZ-Mann recht. Aber das ist den Machern der Heute Show vermutlich ebenso wurscht.

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Die Grünen haben ihren Parteitag unter Corona-Bedingungen weitgehend virtuell abgehalten. Welche Probleme sich dabei auftun, offenbarten nicht zuletzt die Reden der beiden Parteivorsitzenden Annalena Baerbock. und Robert Habeck. Baerbock las stockend steif von Teleprompter ab. Habeck, eigentlich ein guter Redner, gab eine seltsame Performance, bei der er von seine Überforderung beim Einkaufen im Supermarkt offenlegte. Als ich die Aufnahme zum ersten Mal sah, dachte ich zunächst, es handle sich vielleicht um Satire. War aber echt.

Habeck scheint seine Überforderung (zuerst von Twitter, jetzt von Supermärkten) zum Markenzeichen aufbauen zu wollen. Als Kanzlerkandidat will er dann ja höchstvermutlich nicht mehr antreten.

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Einer meiner liebsten Podcasts ist Freakonomics. Die Freakonomics-Bücher sind schon etwas älter, der Autor Stephen Dubner hat die Marke als Freakonomics Radio („Explains the hidden Side of Everything“) zu einem feinen, kleinen Podcast-Netzwerk ausgebaut. Die jüngsten zwei Folgen befassen sich mit der Frage, ob Werbung funktioniert. Konkret: TV- und Digitalwerbung. Die Ergebnisse, die auf wissenschaftlichen Studien basieren sind erstaunlich. Kurz zusammengefasst: Keiner weiß wirklich, ob und wie Werbung Verkäufe beeinflusst. Was man weiß deutet stark darauf hin, dass TV-Werbung viel (viel!) weniger gut funktioniert, als vor allem Werbungtreibende denken. Und dass es sich bei Digitalwerbung um eine bereits gefährlich angeschwollene Blase handeln könnte. Als Beispiel für die Blasenbildung bei Digitalwerbung dient u.a. Ebay. Das Unternehmen hat in einem Experiment zeitweise komplett auf Suchtreffer-Vermarktung verzichtet und dabei einen Effekt „gegen Null“ festgestellt. Die beiden Podcast-Folgen seien hiermit Medien- und Werbemenschen nachdrücklich ans Herz gelegt. Wie immer bei Freakonomics, geht es nicht nur lehrreich, sondern auch unterhaltsam zu.

Schönes Wochenende!

PS: Im Podcast des Hauses, der Medien-Woche widmen Kollege Christian Meier von der Welt und ich uns diesmal dem Phänomen „Jana aus Kassel“ die der Frage, ob Medien den „Querdenkern“ zu viel Raum geben. Außerdem: Der Abgang von Tanit Koch beim RTL, Stellen-Kahlschlag bei Tele 5, die Ufa will Diversity, Max kehrt zurück und der Tatort wird 50. Es freut mich, wenn Sie reinhören!

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