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Bla, Blasberg

Teile! Mit! Vom Teilen und Kommunizieren

Kai Blasberg – Zeichnung: Bertil Brahm

Heute teilen alle alles digital, ohne zu fragen, wer das eigentlich will. In analogen Zeiten hatte das „Teilen“ noch eine ganz andere Bedeutung. Unser Kolumnist hat sich dazu Gedanken gemacht.

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Heute mache ich Ihnen mal Mut.

Es wird Zuversicht verabreicht. Frohsinn. Und gute Laune.

Kraft und Humor.
Behütet durch die Wärme der Arglosigkeit.

Nichts hat in den letzten 20 Jahren unsere Hirne mehr geflutet als die „Kommunikation“.
Dies höchst nebulöse Wort heißt nichts anderes als Mitteilung. Mitteilung. MITTEILUNG. MIT­-TEILEN.

Teilen. Im Monat des heiligen Sankt Martin.
Ich TEILE mit Dir.
Mein MIT.

Je nach Lesart ist aus dem unschuldigen lateinischen Wort Kommunikation eine ganze Branche entstanden.
Man hört sogar von der größten überhaupt.
Weil alles und jedes in dieser Branche beschäftigt wird.

Früher brauchten wir dafür Medien.
Also, als Medien noch Kommunikationsmittel waren und nicht TEILUNGS­Träger des MIT.
Deswegen teilten sich viel mehr Menschen dasselbe Mittel.

Damals lasen diese Kolumne viel mehr Leser, weil es viel weniger Zugang zum MIT gab.
Hiermit dann Teiler zu sein, war an sich eine Ehre und noch dazu hochdotiert.
Dieser Text ist mein Mit. Und ich bin der Teiler.
Es ist mir eine Ehre,
und meine Vergütung ist königlich.

–– Traumende­ ––

Heute teilen alle alles, ohne zu fragen, wer das eigentlich will. Wenn ich aber rezipiere, was ich nicht will, wiederum aber nicht merke, dass ich rezipiere und es nicht will, vermülle ich mir mein Steinzeitmenschengehirn, da dies ja weder Zeit noch Raum hat, unendlich viel zu rezipieren. Nun könnte man ja sagen, der Mensch ist Gebieter seiner Zeit und Herr seines Raumes.

Doch mich deucht, da haben die Auguren die Rechnung ohne die MIT-TEILER gemacht, denn nämliche dringen ungefragt mit ihrem MIT in dieses Heiligtum von Raum und Zeit ein und werden meist von Auftraggebern oft noch fürstlich dafür honoriert, wenn sie dies möglichst unbemerkt und schleichend, gleichsam auf Zehenspitzen tun, um uns zu Dingen zu verführen, die wir eigentlich nicht wollen, nämlich amtlich konsumieren – oder aber uns Dinge zu denken geben, zu denen wir entweder keine Meinung haben oder keine haben wollen, MIT-TEILER aber sehr gerne anderes vorhaben, nämlich denken zu gestalten oder zu verändern.

Ersteres ist im Grunde fast noch harmlos, denn wen stört es schon, wenn sich das zweiunddreißigste Sneaker-Paar ins Schuhregal verirrt, nur weil es günstigst zu Preisen geshoppt werden konnte, deren Ursprung der Konsument zwar nicht kannte, dessen deutlich niedrigere Endsumme im meistens rot gefärbten Neupreis ihn gleichwohl dergestalt beeindruckte, dass es zum Akt kam. Dem des Kaufens. Ein neues Phänomen des zweiten ist der Experte. Als Konsum-Mitteiler begegneten diese Figuren uns schon als Auserwählte, die bei genauem Hinschauen eigentlich nur die Ehepartner von Experten waren (Zahnarzt-Frau) oder sich mit Haarausfall ganztags beschäftigten. Wir ahnten aber eine unheilige Kunstfiguren-Existenz.

Anders der Real-Experte: Von ihm weiß man meist noch weniger als von der Werbegestalt, er verirrt sich in Kurzmeldungen, eines Tages kennt man sein Gesicht, viel seltener seinen Namen, man nimmt ihn hin und weiß nicht was er sagt, weil er aber Experte ist, was meist als Rechtfertigung seines Erscheinens bei seinem Namen steht, dulden wir ihn in unserem Leben, da er entweder in Finanzkrisen erscheint, Adelsfragen oder bei allem was der Wendler macht. Zuletzt trieb es einen Menschenschlag vor Deutschlands Kameras, deren Dasein wir sehr wohl ahnten, es musste sie einfach geben, wir aber niemanden aus der Gilde kannten, da ihre Expertise schlicht nicht öffentlichkeitswirksam nachgefragt wurde:

Auftritt: die Virologen.

Und weil es ein ernstes Thema ist und Viren nicht diskussionsbereit sind, könnte man meinen, hier würden die MIT-TEILER mal keinen Aufschlag wagen: Weitest gefehlt. Gerade hier entbrannte also ein merkantiler Wettbewerb, als habe es den ewigen Wettstreit zwischen Glauben und Wissen nie gegeben. Gipfelnd in der Aussage, der Virologe S. habe nunmehr einen neuen PR-Berater. Und prompt dauernd in den RTL-Nachrichten als … Sie ahnen es … Experte auftaucht. Fehlt nur noch der Preis. In schwarz. Ich versprach Ihnen Frohsinn!? Ja. Merken Sie was?


Kai Blasberg war Geschäfts­ führer von Tele 5, vermarktet jetzt Rinder und macht am liebsten das, was ihm selbst ge­fällt. Meinungen verzapfen etwa.

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