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Leitartikel

Frauenquote in Verlagen: Auf Augenhöhe

Foto: iStock

Chefredaktionen sind weiter reine Männersache. Freiwillig sind die Verlage nicht bereit, daran zu rütteln. Eine verbindliche Frauenquote würde Abhilfe schaffen.

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Das hat es in der Medienlandschaft noch nie gegeben. Erstmals in Deutschland wird mit der Berliner Tageszeitung die Chefredaktion eines überregionalen Mediums von einer rein weiblichen Spitze geführt. Und dies ohne verbindliche Quotenregelung. Denn nach dem Ausscheiden von taz-Chef Georg Löwisch hatten die Genossen Anfang des Jahres freiwillig entschieden, die Chefredaktion ganz in die Hände von Frauen zu legen. Damit bleibt die Zeitung ihrem Kurs treu, die Gleichberechtigung hierzulande zu fördern. Dennoch wird das weibliche Spitzentrio in Berlin vorerst wohl eine Ausnahme in der deutschen Publizistik bleiben. Denn die Chefredaktionen von Tageszeitungen sind weiter felsenfest in Männerhand. Vor allem bei den Regionalblättern ist das Ungleichgewicht stark ausgeprägt: Von 108 Chefredaktionen sind acht mit Frauen besetzt. Das sind nicht einmal zehn Prozent. Und daran dürfte sich nichts ändern. Denn die Printunternehmen gehen immer noch nach dem Thomas-Prinzip vor, wenn sie Spitzenposten besetzen. Sprich: männerdominierte Führungen suchen Nachfolger meist aus den eigenen Reihen.

Verlage sollten eine Frauenquote in Chefredaktionen einführen, meint Gregory Lipinski

Dabei würde der Medienbranche ein Perspektivwechsel guttun. Seit Jahren verlieren die Zeitungen massiv an Auflage. Das liegt nicht nur an Vertriebs- und Zustellproblemen. Vielmehr fehlt den männlich geführten Chefredaktionen einfach das nötige Gespür für Themen, um mehr weibliche Lesergruppen zu gewinnen. Sie sind immer noch von dem alten Bild geprägt, dass nur Männer zum Frühstück Zeitung lesen. Dabei sind es ebenso Frauen, die tagesaktuelle Geschehnisse interessieren – egal ob Politik, Sport oder Wirtschaft. Beispielshaft hat dies im Ausland die britische Financial Times erkannt: Die lachsfarbene Wirtschaftszeitung führte den JanetBot ein. Er sorgt dafür, dass Redakteure in ihren Texten und bei der Fotoauswahl mehr auf das Gleichgewicht der Geschlechter achten. Das soll helfen, mehr weibliche Leser an die Zeitung zu binden.

Jetzt ist die FT sogar noch einen Schritt weitergegangen. Erstmals in ihrer 131-jährigen Geschichte beförderte das Londoner Blatt Anfang des Jahres mit Roula Khalaf eine Frau an die Spitze der Redaktion. Ein wichtiges Signal, um die Zeitung noch stärker für Frauen zu öffnen. Daran sollte sich die deutsche Branche ein Beispiel nehmen. Doch das wird schwierig. Hierzulande sind die Verlage freiwillig nicht dazu bereit, an den starren männlichen Strukturen in den Chefredaktionen zu rütteln. Einzige Möglichkeit ist eine verbindliche Quotenregelung. Sie wäre eine gute Chance, um das Ungleichgewicht der Geschlechter in den Chefredaktionen aufzuhebeln. Dabei kommt Mathias Döpfner eine wichtige Rolle zu. Als Präsident des bundesweit agierenden Zeitungsverbands könnte er mit seinen Mitgliedern verbindliche Regelungen aushandeln.

Der Zeitpunkt hierfür ist günstig. Derzeit läuft die Diskussion auf Hochtouren, rechtswirksam mehr Frauen in die Vorstandsetagen von DAX-Konzernen zu befördern. Das wäre für Döpfner eine Gelegenheit, um auch die Verlagshäuser für eine Frauenquote in den Chefredaktionen zu bewegen. Er sollte sie nutzen.

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