Anzeige

Coaching-Corner

Coaching-Thema: „Wie kann ich Dauerkonflikten mit Kollegen aus dem Weg gehen?“

Ines Thomas - Zeichnung: Bertil Brahm

Jeden Monat beantwortet Business & Leadership Coach Ines Thomas die Fragen der MEEDIA-Leserschaft. In dieser Ausgabe ihrer Coaching-Kolumne geht es um die Lösung eines zutiefst menschlichen Problems: Konflikte im Kollegenkreis.

Anzeige

Leserfrage: „Seit geraumer Zeit kracht es zwischen mir und einem Kollegen immer wieder heftig. Wirklich gut verstanden haben wir uns noch nie, aber in den letzten Monaten hat es ein für mich unerträgliches Maß erreicht. Es vergeht keine Woche, in der wir nicht aneinandergeraten. Nachträglich ärgere ich mich über mich selbst, warum ich mich provozieren lasse, aber er mischt sich ständig in Themen meiner Abteilung ein, kritisiert meine Arbeit und blockiert den Fortschritt unserer Projekte. Was kann ich tun, um Konflikten aus dem Weg zu gehen? Ich habe einfach keine Energie und Lust mehr, mich mit ihm auseinanderzusetzen.“

Schon beim Lesen kann ich nachempfinden, wie nervenaufreibend die Situation für Sie sein muss. Auch wenn Sie es schon erstaunlich lange schaffen, mit der Situation umzugehen, ist es sicher gut investierte Energie, nach neuen Lösungen zu suchen. 

Sie baten um Tipps, wie Sie den Konflikten aus dem Weg gehen können. So eine Vermeidungsstrategie ist natürlich sehr verlockend. Dennoch möchte ich Sie motivieren, den anstrengenderen aber dafür nachhaltigeren Weg zu wählen. Nämlich: Gehen Sie der Konfliktursache tiefer auf den Grund!

Leichter wird das, wenn Sie sich im ersten Schritt eine „freundliche Neuinterpretation“ des Begriffs „Konflikt“ gönnen. Vermutlich fühlen sich die Provokationen Ihres Kollegen für Sie wie ein böswilliger Angriff auf Ihre Person an. Daher eine vielleicht etwas ungewöhnliche Perspektivwechsel-Frage: „Was wird möglich, wenn Sie seine Kritik als wichtigen Hinweis auf ein lösungsbedürftiges Problem sehen?“ 

Von meiner Coaching-Ausbilderin Cary Buraty ist mir zu dem Thema ein grundlegender Satz besonders im Gedächtnis geblieben: „Widerstände sind immer auch Fürstände“. Soll heißen: Wenn Ihr Kollege „gegen etwas“ ist, steht er damit zugleich „für etwas anderes“ ein. Wenn Sie herausfinden, für welchen Wert oder welches Anliegen Ihr Kollege gerade einsteht, indem er Widerstand in Form von Kritik oder Blockade-Haltung zeigt, öffnen sich möglicherweise neue Wege für gemeinsame Lösungen. Vielleicht kann es die Situation ja sogar auflockern, wenn sie mal mit detektivischer Neugier draufschauen und den Konflikt als „Komplizen“ bei der Suche nach der Lösung verstehen.

Mein zweiter Impuls zum „Wert von Konflikten“ ist, dass es gerade im Business-Kontext auch „notwendige“ Konflikte gibt. Wichtig ist daher, möglichst früh in der Streit-Spirale den Unterschied zwischen notwendigen und überflüssigen Konflikten zu erkennen. 

Überflüssige Konflikte entstehen zum Beispiel, wenn die Beteiligten in der hitzigen Diskussion gar nicht merken, dass sie im Kern um unterschiedliche Dinge streiten. Um mal ein bisschen Leichtigkeit ins schwere Thema zu bringen, ein Beispiel aus der Kinderwelt: Zwei Geschwister zanken sich um eine Orange. Als der Vater die Orangen schält und die Spalten gerecht aufteilt, beschweren sich beide lauthals. Ein Kind wollte den Saft auspressen, das andere aus der Schale etwas basteln. 

Zurück in die Erwachsenenwelt: Fragen Sie bei Ihrem Kollegen also beim nächsten Mal ruhig mal genauer nach: „Worum geht’s Dir ganz konkret? Was müsste gegeben sein/passieren, damit sich das Thema für Dich löst?“ Möglicherweise liegen Ihre Ziele gar nicht so weit auseinander, wie es Ihnen derzeit erscheint 

Die notwendigen, gesunden Konflikte im Business-Kontext sind zum Beispiel Zielkonflikte. In vielen Jobumfeldern gibt es naturgemäß vorprogrammierte Spannungen zwischen Menschen mit unterschiedlichen Aufgaben und Rollen. Ein klassisches Beispiel aus der Medienwelt sind Zielkonflikte zwischen Redaktionen, die nach redaktioneller Unabhängigkeit und aktueller Relevanz streben und Vermarktungseinheiten, die ein besonderes Interesse daran haben, ihren Werbekunden möglichst attraktive, passende redaktionelle Umfelder bieten zu können. An solchen Schnittstellen ist es völlig normal und „richtig“, dass es auch mal zu Reibung kommt. 

Wenn Ihr Kollege sich also das nächste Mal in Belange Ihrer Abteilung einmischt, überprüfen Sie mal, wie viel des Konfliktpotentials eigentlich aus Ihren Rollen und Aufgaben entsteht und wieviel Anteil tatsächlich zwischen Ihnen beiden als Personen liegt. Das kann auch hilfreich sein, um schwierige Situationen mit wohltuender Sachlichkeit zu betrachten und nicht unnötig viel persönlich zu nehmen. 

Ohnehin sagt eine geäußerte Kritik oft mehr über den Kritisierenden und seine „Fürstände“ aus, als über die kritisierte Person. Es geht im Kern vermutlich sehr viel mehr um ihn, als um Sie.

Vielleicht hilft Ihnen dieser versöhnliche Abschluss-Gedanken ja dabei, Ihr Herz ein wenig für Konflikte zu erwärmen. Ich wünsche Ihnen auf jeden Fall eine gute Portion Offenheit und Detektivgespür bei der „Ursachenforschung“.


Jetzt sind Sie dran:

Sie stehen vor neuen Aufgaben oder Herausforderungen? Sie stecken mitten in einer (un)freiwilligen Veränderung? Oder Sie wollen die äußeren und inneren Konflikte des Medienmenschen-Lebens lösen? Dann schreiben Sie Ines Thomas unter [email protected].

Das Kleingedruckte:

Diese Kolumne soll unseren Leser/innen auf Basis der eingesandten Fragen erste Anregungen für Lösungsansätze geben und kann eine persönliche Coaching-Sitzung nicht ersetzen. Indem Sie eine Frage an die Kolumnistin richten, stimmen Sie zu, dass Ihre E-Mail anonymisiert – ganz oder in Auszügen – veröffentlicht wird. Unter Umständen werden eingesandten Fragen zugunsten einer besseren Les- und Nachvollziehbarkeit gekürzt und/oder redaktionell bearbeitet.

Anzeige