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Ok Boomer

Der demokratisierende Effekt von Shitstorms

Die 58. Lehrredaktion der Deutschen Journalistenschule – Illustration: Bertil Brahm

Die Debatte um Cancel Culture im Journalismus ist unehrlich – und lenkt ab. Die akute Gefahr für Presse- und Meinungsfreiheit liegt anderswo. – Von Theresa Crysmann

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Der Wolpertinger im Jahr 2020 heißt „Cancel Culture“. Gibt es sie, oder gibt es sie nicht, diese linksliberale Meinungsdiktatur, die Abweichler*innen mundtot macht? Die Frage dreht auch im Journalismus ihre Runden, und wir uns im Kreis. Denn hauptsächlich ist die Debatte eines: laut. Die einen schreien „rechte Rhetorik”, die anderen „Totalitarismus”. Auch dieser Text macht es bestimmt nicht jedem recht. Muss er auch nicht.

Beim sogenannten „Appell für freie Debattenräume” geht es ebenfalls genau darum: sich nicht anbiedern zu müssen. Angeblich herrsche in Deutschland nämlich eine „aktuell besonders freidrehende Lösch-, Verhinderungs- und Absagekultur”, wie der Mitinitiator und ehemalige NZZ-Kolumnist Milosz Matuschek neulich bei Deutschlandfunk Kultur zusammengefasst hat. Eine Cancel Culture eben.

Wer daran vermeintlich schuld sei, sagt der Appell nicht. Fast der ganze Aufruf steht im Passiv. Der Fingerzeig auf einen „Ungeist, der das freie Denken und Sprechen in den Würgegriff ” nehme, ist dabei noch das Konkreteste. Auch die Beispiele sind generisch. Explizit sind allein die Journalist*innen, die unterschrieben haben: nicht nur, aber auch die Don(na) Alphonsos der deutschsprachigen Medienlandschaft. Und fast alle unter ihnen sind Kolleg*innen, die es gewöhnt sind, gehört und gelesen zu werden, in Fernseh-Talk-Runden zu sitzen, die publizistische Ausrichtung von Redaktionen vorzugeben oder entscheidend mitzuprägen.

Ihre Expertise und Stellung könnten sie für eine Debatte über den Status von Presse- und Meinungsfreiheit besonders qualifizieren. Vielleicht disqualifiziert sie aber beides. Denn dass sich Menschen online zusammenfinden und abseits von Leserbriefseiten, Stammtischen und Unterschriftenaktionen öffentlich Kritik äußern und Konsequenzen fordern, verschiebt das Machtgefüge in den Medien. Zu Ungunsten jener, deren Popos auf Intendanten-Sesseln, in Chefredaktionen oder in Kuratorien sitzen. Shitstorms als demokratisierende Megafone und ausgleichende Gerechtigkeit.

Der Appell gegen den shitstormenden Mob ist vor allem ein vorhersehbarer Reflex. Ein unbeabsichtigtes Selbstbekenntnis derer, für die es lange wie selbstverständlich war, ihre Meinungen mehr oder weniger unangefochten in alle Kanäle zu blasen. Twitter, Youtube, Blogs und Insta zwingen sie, sich mit kritischen Leser*innen, Zuschauer*innen, Hörer*innen und Kolleg*innen wirklich auseinanderzusetzen. Sie beklagen, es gebe keinen Raum für freie Debatten mehr. Dabei kommt der Verdacht auf, dass ihnen schlicht die Debatten nicht passen, die tatsächlich geführt werden, nämlich die Diskussion über ihre Ansichten.

Das Machtgefüge Kippt – Zu Ungunsten der alten Eliten

Möglich ist das nicht nur, weil der Journalismus diverser wird. Sondern vor allem, weil unsere Rezipient*innen uns dank des Internets direkt zur Rechenschaft ziehen können. Und wie. Von Online-Plattformen schwappt die Diskussion ins Analoge. Soll sie auch. Vorbei die Zeit, in der Leser*innenbriefe der einzige Feedback-Kanal waren – unilateral und, je nach Laune und redaktioneller Linie, auch leicht zu ignorieren.

Während wir gerade viel Sendezeit und noch mehr Zeilen auf die Diskussion der angeblichen Cancel Culture verwenden, gibt es auch handfeste Gründe, sich um die Presse- und Meinungsfreiheit zu sorgen. Übergriffe auf Journalist*innen häufen sich online und offline, finanzielle Zwänge in der Medienbranche machen zunehmend ausgeklügelte Advertorials und einen vorauseilenden Gehorsam gegenüber vermeintlich kapriziösen Abonnent*innen wahrscheinlicher. Darüber sollten wir reden.
Und noch etwas zum Verhältnis von Cancel Culture und Fabelwesen: Angeblich fraß der Wolpertinger am liebsten Weichschädel. Ich denke, das kann man so stehen lassen.

Hier schreibt die 58. Lehrredaktion der Deutschen Journalistenschule über ihre Perspektiven auf den Journalismus und ihre Visionen für seine Zukunft.


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