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Wochenrückblick

Der „Spiegel“-Report zur Bad-Kleinen-Story ist weder ein „Machwerk“ noch ist er „absurd“

Stefan Winterbauer – Illustration: Bertil Brahm

Der „Spiegel“ legte diese Woche den Kommissionsbericht zur alten Bad-Kleinen-Titelgeschichte „Der Todesschuß“ vor. Und erntete Widerspruch von den betroffenen Ex-Redakteuren. Joachim Steinhöfel setzte sich vor Gericht gegen Correctiv wegen eines falschen Faktenchecks durch. Es gab ein Nachspiel in Sachen Chebli vs. Tichy. Und Gabor Steingarts Media Pioneers landeten im Fettnapf. Die MEEDIA-Wochenrückblick-Kolumne.

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Der Abschlussbericht der Spiegel-Aufklärungskommission zur Titelgeschichte über den Antiterroreinsatz in Bad Kleinen am 27. Juni 1993, der in dieser Woche veröffentlicht wurde, ist aus mehreren Gründen sehr lesenswert. Einmal zeichnet der Bericht – soweit dies mit dem zeitlichen Abstand möglich ist – minutiös die Vorgänge rund um die hoch umstrittene und folgenreiche Geschichte von Star-Reporter Hans Leyendecker nach. Am Ende bleiben erhebliche Zweifel an den widersprüchlichen Darstellungen Leyendeckers, es habe zwei unabhängige Quellen gegeben, die eine Quasi-Hinrichtung des Terroristen Grams durch einen GSG9-Beamten in Bad Kleinen bestätigt hätten. Zwar ist nunmehr auch klar, dass zumindest die eine Quelle Leyendeckers keine „Erfindung“ war, wie teilweise gemutmaßt wurde. Der Bericht wirft aber auf Leyendeckers Rolle in dieser Geschichte kein gutes Licht. Ebenso kommt die damalige Spiegel-Chefredaktion (Wolfgang Kaden und Hans Werner Kilz, wobei letzterer die Bad-Kleinen-Geschichte betreute) nicht gut weg. Fast alles ist anders bei dem Fall Relotius und dem Fall Leyendecker, aber eine Gemeinsamkeit scheint es zu geben: allzu großen Respekt, einem hoch dekorierten Star-Schreiber innerhalb des Redaktionsbetriebs kritische Fragen zu stellen. Der Bericht ist kein „Machwerk“, wie Kilz in der Süddeutschen ätzt. Hans Leyendecker selbst findet den Bericht – wenig überraschend – auch nicht gut. Dass der Spiegel der damaligen Chefredaktion Fehler in der Sache vorwerfe, sei absurd, sagte er gegenüber der DPA: „Die damalige Chefredaktion hat alles Notwendige gemacht. Mit dieser Art Berichterstattung schadet der Spiegel der notwendigen Diskussion über Fehler im Journalismus.“

Wen man den Spiegel-Bericht liest, bleibt freilich ein anderer Eindruck hängen. Er ist ein Dokument der Transparenz. Der Spiegel hat sich im Nachgang der Relotius-Affäre weiß Gott nicht nur mit Ruhm bekleckert. Erinnert sei etwa an den unwürdigen Eiertanz rund um die mehr als fragwürdige Veröffentlichung einer Geschichte rund um Wett-Manipulationen bei der Fußball-WM in Brasilien 2014. Der nun vorgelegte Bad-Kleinen-Report kommt spät. Aber es ist gut, dass er veröffentlicht wurde.

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Joachim Nikolaus Steinhöfel ist ein streitbarer Anwalt, dessen Ansichten manchem nicht passen. Vielleicht nicht zuletzt auch deshalb, weil er häufig vor Gericht recht bekommt. So auch in einem aktuellen Fall, in dem er sich einmal mehr einen seiner Lieblings-Gegner, das Recherche-Büro Correctiv vorgenommen hat. Correctiv ist im Auftrag von Facebook als Faktenchecker für das Soziale Netzwerk unterwegs. Wenn Correctiv einen Beitrag als falsch oder teilweise falsch kennzeichnet, hat das für den Beitrag und das unter Umständen dahinter stehende Medium handfeste Folgen. Ein solchermaßen gekennzeichneter Beitrag wird von Facebook-Algorithmus deutlich heruntergestuft und somit weit weniger Leuten angezeigt als üblich. Die Folge: Reichweitenverluste. So geschehen bei einem Text, der von dem Blog Die Achse des Guten, das u.a. von dem Publizisten Henryk M. Broder betrieben wird, veröffentlicht wurde. In dem Text befasste sich der Arzt Dr. Gunter Frank mit der Frage, ob die vielen positiven Corona-Tests in Schlachthöfen auch daran liegen könnten, dass dort für Menschen harmlose Rindercorona-Virentrümmer vorliegend könnten. Der Beitrag wurde von Correctiv mit dem Hinweis versehen, dass er teilweise falsche Informationen enthalte. Dagegen klagte Die Achse mit Hilfe von Steinhöfel und dessen Initiative „Meinungsfreiheit im Netz“ und bekam jetzt vor dem Oberlandesgericht Karlsruhe recht. Eine These oder ein Meinungsbeitrag lassen sich eben keinem Faktencheck unterziehen. Steinhöfel: „Es war mangelhafter, rechtswidriger und weltanschaulich kontaminierter Journalismus mit aktivistischem Gepräge, der Correctiv jetzt erneut vom Oberlandesgericht Karlsruhe untersagt wurde.“ Ob man hier jetzt tatsächlich „weltanschaulich kontaminierten Journalismus“ diagnostizieren kann, sei dahingestellt. Der Fall zeigt aber einmal mehr eindrücklich die grundsätzliche Problematik bei so genannten Faktenchecks.

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Die Geschichte mit der sexistischen Formulierung über die Berliner SPD-Politikerin Sawsan Chebli im Print-Magazin Tichys Einblick ist nun schon ein paar Tage her. Diese Woche gab es noch ein juristisches Nachspielchen. Chebli hat mit Hilfe der bekannten Medienrechts-Kanzlei Schertz Bergmann eine Einstweilige Verfügung gegen die Formulierung erwirkt. Das wird Tichys Verlag jetzt ein paar Euro kosten. Ansonsten ist nicht davon auszugehen, dass irgendjemand vorhatte, die Formulierung zu wiederholen. Tichy selbst hatte mehrfach erklärt, das sie ein Fehler war und sich entschuldigt. Ganz vom Anlass abgesehen: Ich finde es ist eine Unsitte, dass Leute Anträge auf Verfügungen und erlassene Verfügungen als Screenshots wie Trophäen auf Twitter teilen. Das trägt auch nicht zur Mäßigung der Debatten bei.

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Fehler sind immer blöd. Heftig in den Fettnapf getreten ist aktuell die Redaktion von Gabor Steingarts Media Pioneer. Im Hauptstadt-Newsletter wurde eine Satire-Aktion des Zentrums für politische Schönheit versehentlich als Enthüllung verkauft. Da Extremisten massig Munition gestohlen hätten, bitte die Regierung nun die Bevölkerung mit einer Kampagne um Mithilfe bei der Waffensuche. der „unironische“ Name der Kampagne laute: „Wo sind unsere Waffen“. Das gehe aus einem „internen Schreiben von Staatssekretär Peter Tauber (CDU) hervor“ enthüllte Media Pioneer. Blöd halt, dass alles bloß eine Witz-Aktion war. Die Künstler/Aktivisten hatten vorm Kanzleramt sogar ein großes Plakat und eine Art Altkleider-Container mit der Aufschrift „Bitte Waffen hier einwerfen“ aufgestellt.

Als die vermeintliche Kampagne bei Media Pioneer ganz exklusiv „enthüllt“ wurde, war die Aktion übrigens schon drei Tage alt. Gabor Steingart hat diese Woche eine Entschuldigung seines Chefredakteurs Michael Bröcker veröffentlicht. Das Schreiben von Staatssekretär Tauber habe sich „als Fälschung herausgestellt“. So kann man das natürlich auch formulieren. Es gilt die alte Journalisten-Weisheit: exklusive Geschichte, exklusives Dementi.

Schönes Wochenende!

PS: Im Podcast Die Medien-Woche diskutiere ich mit Kollege Christian Meier von der Welt auch über den Spiegel-Report zur Bad-Kleinen-Story. Außerdem gibt es ein Interview mit einem der Macher der aktuellen Otto-Brenner-Studie zur Einflussnahme von Google auf den Journalismus. Ich freue mich, wenn Sie reinhören!

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