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Britta Poetzsch

Wie ich fast zu einer Ziegenhirtin wurde

Britta Poetzsch – Foto: Track

Manchmal würde man sich gern wie Meryl Streep fühlen oder eine Ziegenherde besitzen. Warum das so ist? Manchmal ist die Fantasie die beste Flucht. Britta Poetzsch über ihren schlimmsten Job.

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Nein, ich musste keine Schweinehälften zerlegen in meinem Leben. Hab auch nie am Fließband gestanden. Oder Dixie-Klos ausgeleert. Mein Job als Croissantverkäuferin in einem rosa gestreiften Puffärmel-Kleid am Bremer Bahnhof fand ich gut. Immer neue Leute im Laden. Verehrer, die sich an der gegenüberliegenden Bushaltestelle rumdrückten. Freundinnen, die auf einen Kaffee und Croissant vorbeikamen.

Auch den Job beim Schlager-Radio als Sendeassistentin mochte ich. Abends mit einsamen Omas telefonieren, die sich was von Roy Black wünschten. Roland Kaiser und Heino als Studiogäste. Hin und wieder die Post für die Sex-Sendung von Frank Schmeichel (der hieß wirklich so) lesen und vorsortieren. Bis dahin hatte ich keine Ahnung, dass es Gummistiefelfetischisten gibt. Fand ich auch horizonterweiternd und in Wahrheit zum Piepen.

Mein schlimmster Job ist erst ein paar Jahre her. Denn das Schlimmste in unserem Job ist, wenn du auf der Kundenseite jemanden hast, der keinerlei Wertschätzung kennt und dann auch noch lügt. Ich fand mich also wieder in Agenturbewertungs-Meetings, in dem diese Person sich über die angeblich miese Textqualität der Agentur beschwerte und behauptete, sie hätte alles selbst texten müssen. Gelogen. Die Liste der Gemeinheiten, Ungerechtigkeiten und Verletzungen wurde immer länger. In Telefongesprächen mit dieser Person ertappte ich mich dabei, dass ich davon träumte eine Ziegenherde zu besitzen, mit der ich fernab meines Arbeitsplatzes ein ruhiges Leben führen würde. Mein einziges Ziel: Ziegenkäse herstellen. Ich hatte auch schon die große Meryl Streep-Rede fertig, die ich meinem Gegenüber –mit viel Pathos und anschwellender Musik im Hintergrund – halten wollte. Jeder Satz beginnend mit: „Ich habe kein Zeit mehr für Leute, die …“.

Ich habe sie mehrfach gehalten. Nachts, wenn ich keinen Schlaf fand. In der Realität leider nie. Auch der tollste Job kann die Hölle sein, wenn man Menschen trifft, die ihn zur Hölle machen.

Britta Poetzsch ist Kreativchefin bei der Hamburger Agentur Track.


Auch schon mal dem Grauen ins Gesicht geschaut? Schreiben Sie uns: meinschlimmsterjob@meedia.de

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