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Jan-Eric Blaesner

Von Päcken und Körbchen

Jan-Eric Blaesner

Ein Praktikum kann ein Türöffner zur Ausbildung sein. Und der Chef? Weiß das und nutzt es gnadenlos aus. Am Ende zwingt er dich vor die Kamera, mit einem Playmate.

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Direkt nach dem Abitur war ich Paketbote in einem Neubaugebiet. Keine Straßenschilder, keine Hausnummern – und das zur Weihnachtszeit. Ich habe Umfragen für einen Hamburger Radiosender gemacht. Montags um sieben Uhr auf dem Rathausmarkt. Im Winter bei Minusgraden und Schnee. Niemand wollte mit mir reden. Beides wirkt rückblickend jedoch nur als mentale Vorbereitung auf meinen allerschlimmsten Job: Praktikant in einer People Agentur.

Neben mir gab es lediglich den cholerischen Geschäftsführer und eine Auszubildende. Anfangs wunderte ich mich, warum „el jefe“ selbst nur zwei bis drei Mal die Woche im Büro anzutreff en war und er uns Jungspunden die Leitung des Ladens überließ. Die Tatsache, dass ich einen Ausbildungsplatz ergattern wollte, nutzte der Chef, um mich für allerlei private Hilfsarbeiten einzuspannen. Beispiel gefällig? Ich sollte sein Boot streichen … Aber es geht schlimmer. Denn irgendwann landete ich sogar als Darsteller in einer vorabendlichen Boulevard-TV-Sendung. Es ging um eine Umstyling-Geschichte, für die wir eine Darstellerin und ihren Freund vermittelt hatten. Dummerweise hatten sich die beiden vor dem Dreh gestritten, sodass der Freund vom Set verschwand. Da sonst niemand zur Verfügung stand, zwang mich mein Chef mit den Worten „Willst du die Ausbildung oder nicht?!” vor die Kamera. Und so spielte ich mit meinem 20 Jahre alten Milchbubi-Gesicht den Freund eines 30-jährigen Playmates, an dem kaum ein Körperteil echt war. Jene Sendung wurde für die nächsten drei Jahre regelmäßig wiederholt, was immer mal wieder zu Nachrichten von irritierten Menschen aus meinem Bekanntenkreis führte. Zum Glück passierte das alles noch vor der Youtube-Ära.

Die Ausbildung habe ich am Ende nicht bekommen. Drei Tage vor dem geplanten Beginn schickte mich mein Chef mit folgenden Worten nach Hause: „Ich kann mir dich nicht leisten.“ Ein Glück. Denn erst später erfuhr ich, dass er sein richtiges Geld mit einem Webcam-Studio in Hamburg-Bergedorf scheffelte und die Agentur nur nutzte, um Geld zu waschen und seinen Webcam-Girls leere Versprechungen machte, er würde sie ganz bald groß rauszubringen.

Jan-Eric Blaesner ist Deputy Managing Director bei der We Start Fantastic Things GmbH.


Auch schon mal dem Grauen ins Gesicht geschaut? Schreiben Sie uns: meinschlimmsterjob@meedia.de

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