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Rützels Scharmützel

Tierpresse ist auch Presse

Anja Rützel – Illustration: Bertil Brahm

Letztes Jahr habe ich die tpa gegründet – die Tierpresseagentur. Weil: Braucht man einfach. Also News zu Papgeien und Waschbären und so. Vor allem jetzt.

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Ach, die lieben Tiere! Wir verdienen sie einfach nicht, und doch heitern sie uns mit ihren Kapriolen zuverlässig immer dann auf, wenn wir sie am nötigsten brauchen, weil die Menschenwelt gerade besonders belastend ist. Also zum Beispiel: jetzt. Meine liebste Meldung der vergangenen Tage war darum auch die Geschichte von den fünf Graupapageien aus dem Lincolnshire Wildlife Park, die der kleine Zoo im August aufgenommen hatte und nun voneinander trennen musste, weil sie sich gegenseitig all die menschlichen Flüche beibrachten, die sie bei ihren vorherigen Haltern gelernt hatten – und sich in der Gruppe nun dazu aufstachelten, die Besucher des Tierparks mit wahren Güllesprache-Kanonaden zu befeuern, was in der allgemeinen Wahrnehmung komischerweise nicht als unterhaltsam empfunden wurde. 

In getrennten, von Publikumsverkehr verborgenen Volieren sollen sie nun wieder normale Vogellaute lernen, also verbal resozialisiert werden, sagte ein Sprecher des Safari-Parks, und das erinnerte mich an eine lange zurückliegende Episode aus meinem Redakteurinnenleben, denn eigentlich ist ja auch ein Großraumbüro im Grunde nichts anderes als eine mehr oder weniger geräumige Voliere, in der artgerechtes Leben nur sehr bedingt möglich ist. Eine liebe Kollegin und ich wurden jedenfalls – wie die britischen Fluchvögel –  aus erzieherischen Gründen getrennt, also von unseren benachbarten Schreibtischen vertrieben und auseinander gesetzt, um unsere mitunter eventuell durchaus papageienähnliche Plapperei zu unterbinden. Als dämmendes Bollwerk wurde zusätzlich ein gossip-unanfälliger Kollege zwischen uns platziert, was so mittelmäßig fruchtete, weil wir unsere Konversationen dann eben in unsere Emails verschoben, was natürlich weit aufwändiger war und deutlich mehr Arbeitszeit beanspruchte. Insgesamt also ein eher kontraproduktives Manöver der Ressortleitung.

Anderswo fuhr der Chefredakteur dann die direkt entgegengesetzte Strategie, um die binnenressortliche Sozialhygiene zu wahren: Die Redaktion ging, so war es gewünscht, mittags stets geschlossen im Schwarm zum Essen, um so der Grüppchenbildung vorzubeugen – es lästert sich bedeutend aufwändiger, wenn die zu rezensierenden Menschen mit an der langen Tafel sitzen. Andererseits erhöhten diese verordneten Rudelmahlzeiten den nervlichen Druck empfindlich, weil man auf diese Weise daran gehindert wurde, sich bei diversen, kleineren Alltagsverstimmungen kurz bei einem Vertrauten Luft zu machen. Also bewisperte man die aktuellsten Ärgernisse eben in Kurzform im Kopierraum, oder man traf sich in kleinen Gruppen semi-konspirativ zu einem traurigen Paar spätnachmittäglicher Trostwienerwürstchen in einem versteckten Kantinenwinkel, um zumindest das allernötigste Gezeter noch vor Feierabend erledigen zu können.

Die Papageienmeldung wurde in meiner Twitter-Timeline so oft geteilt, dass ich nicht länger die Augen davor verschließen konnte, dass wir solche Tiernews aus therapeutischen oder einfach nur eskapistischen Gründen gerade dringender brauchen denn je. 

Also reaktivierte ich einen aus Faulheit lange vernachlässigten Twitter-Account: die im vergangenen Jahr von mir mal zu Prokrastinationszwecken gegründete Tierpresseagentur (tpa). Unter @Tierpresse liefert sie ab jetzt wieder verlässlich flauschige und weniger flauschige Fauna-News, zum Beispiel die Story von den vier wilden Waschbären, die gerade in Washington vier Reporter angriffen, die auf dem Rasen vor dem Weißen Haus auf der Lauer lagen, und mindestens einen von ihnen aggressiv am Hosenbein zupften. „Are they just pests or is this the latest attack on a free press?“, fragt der Guardian völlig zurecht. Bitte großflächig folgen.


Anja Rützel schreibt hier über ihre Marken- und Medienerlebnisse. Es wird natürlich auch sehr oft um ihren Hund Juri gehen.

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