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Wochenrückblick

Die „Stern“-Chefs wollen nicht nur auf Journalismus setzen

Stefan Winterbauer – Illustration: Bertil Brahm

Google hat die Spendierhosen an, ist dabei aber auch nicht ganz uneigennützig. Die „Stern“-Chefredakteure finden, dass guter Journalismus alleine nicht mehr reicht. Beim Finanzen Verlag regt sich Unmut gegen „Tichys Einblick“ und Sky hat neue Werbegesichter. Die MEEDIA-Wochenrückblick-Kolumne.

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Google setzt seine Ankündigung in die Tat um und steckt deutschen Verlagen Geld zu. Weltweit gibt der Internetkonzern innerhalb von drei Jahren rund 855 Mio. Euro für mehr oder weniger darbende Medienhäuser aus, um deren Inhalte in einem neuen Angebot zu präsentieren. Das hört auf den Namen Google News Showcase und wird schrittweise in den Google-Apps und später auch auf den Such-Ergebnisseiten zu finden sein. In Deutschland bekommen 20 Verlage und Medien Geld von Google, u.a. Der Spiegel, Die Zeit, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Tagesspiegel, Burda, Funke, Gruner + Jahr, Ippen und Ströer. Axel Springer ist nicht dabei. Hintergrund ist der ewige Streit um ein Leistungsschutzrecht. Google will ein Leistungsschutzrecht, bei dem Lizenzzahlungen für das Anzeigen von Mini-Textausschnitten bei Suchtrefferseiten anfallen würde, um jeden Preis verhindern und kämpft an zwei Fronten. Einmal wird das Leistungsschutzrecht juristisch mit allen Mitteln bekämpft. Parallel steckt man den Verlagen Geld. Denn wer Geld nimmt, klagt nicht mehr so gerne. Axel Springer ist mittlerweile fast der letzte glühende Verfechter des Leistungsschutzgedankens in Deutschland. Der BDZV teilte zu Googles Geld-Offensive mit: „Es drängt sich der Verdacht auf, dass Google offenbar lieber ein eigenes Angebot lanciert, bei dem es die Teilnahmebedingungen diktieren kann, anstatt Recht und Gesetz in der EU anzuerkennen.“ Die Geld-Verteilung von Google erfolge „nach Gutsherrenart“. Präsident des BDZV ist übrigens immer noch Springer-CEO Mathias Döpfner.

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Vermutlich nehmen viele auch darum gerne Kohle vom großen G., weil sich nur mit Journalismus in diesen Tagen nur mühsam Geld verdienen lässt. Wenn überhaupt. Die Stern-Chefredakteure Anna-Beeke Gretemeier und Florian Gless haben der Zeit ein langes Interview gegeben, in dem sie die Zusammenarbeit mit den Aktivisten von Fridays for Future für die Klima-Ausgabe des Stern rechtfertigen. Einige Stellen des Interviews sind dabei recht selbst-entlarvend. Etwa wenn Florian Gless sagt: „Ich bin mir bei den vielen Krisen dieser Welt nicht sicher, ob es ausreicht, dass wir als Journalisten immer nur vom Spielfeldrand aus reportieren. Ob Corona, Klima, Migration – wir müssen darüber sprechen, ob wir auch aufs Spielfeld gehen.“ Das klingt freilich nicht so, als müsste er noch groß darüber sprechen, sonder eher so, als würde er schon auf dem Spielfeld herumrennen. Weiter sagt Gless: „Allein der gute Journalismus, den wir machen, sichert uns noch nicht die Zukunft.“ Und Anna-Beeke Gretemeier ergänzt: „Allein mit guten Geschichten werden wir es nicht reißen.“

Ist das nicht eine bittere Erkenntnis der Stern-Chefs? Guter Journalismus und gute Geschichten alleine bringen es nicht mehr. Man kann nur hoffen, dass die beiden in diesem Punkt falsch liegen.

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Also so in der Art. Roland Tichy war massiv kritisiert worden, weil in seinem Print-Magazin Tichys Einblick der Kolumnist Stephan Paetow die SPD-Politikerin Sawsan Chebli sexistisch beleidigt hatte. Tichy verliert deshalb wohl seinen Vorsitz bei der Ludwig-Erhard-Stiftung. Wie die Süddeutsche Zeitung schreibt, rumort es auch in der Belegschaft des Finanzen-Verlags (Euro, Börse Online), in dem das Print-Magazin Tichys Einblick erscheint. Der dortige Betriebsrat schrieb einen Brief an die Geschäftsführung, in dem die Sorge um Rufschädigung für den Gesamtverlag zum Ausdruck gebracht wurde. Verlagsgeschäftsführer Frank B. Werner wird von der SZ mit den Worten zitiert: „Geschmacklosigkeiten gehören in keines unserer Produkte.“ Niemand bedauere mehr als der Autor des Beitrags, „dass seine Satire so völlig daneben gegangen ist.“ Tichy selbst habe „klargestellt“: „Tichys Einblick kritisiert und attackiert – befasst sich dabei aber mit politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen und wird nicht persönlich. Das wollen wir auch in Zukunft so halten. Sachliches Streiten tut unserem Land gut. Das Eingeständnis von Fehlern auch.“

Auf der Website Tichys Einblick erschien ein Kurzinterview ohne Autorennennung mit FDP-Politiker Wolfgang Kubicki. Die selbstmitleidige Einleitungsfrage: „Linke Satire darf offensichtlich alles, bürgerliche Satire wird sofort bekämpft. Gibt es zweierlei Maß in Politik und Medien?“

„Bürgerliche Satire?“ Jede missratene Formulierung oder Beleidigung wird mittlerweile als „Satire“ bezeichnet. Was ein wirklich guter Move gewesen wäre: wenn Tichy und/oder Paetow sich öffentlich bei Frau Chebli entschuldigt hätten.

Update: Frank B. Werner macht via Mal darauf aufmerksam, dass sich Roland Tichy sehr wohl entschuldigt habe. In einem Beitrag von Sofia Taxidis bei Tichys Einblick fiel der Satz: „Für persönliche Verletzungen entschuldigen wir uns.“ Naja. Zunächst hat Tichy das noch nicht mal selbst geschrieben und dann ist das schon eine sehr allgemeine Formulierung, die Sawsan Chebli noch nicht einmal direkt anspricht …

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Früher hat der Pay-TV-Sender, sorry, die Entertainment-Plattform Sky mit Elyas M’Barek geworben. Das hat ganz gut gepasst, fand ich. Jetzt wirbt Sky mit den Pooths. Also Verona, Franjo sowie den beiden Söhnen San Diego, Roccolito sowie Zwergspitz Piccolina. Hm. Hat sich Sky in Sachen Testimonial-Wechsel da wirklich einen Gefallen getan?

Man muss den Pooths schon Respekt zollen, dass sie Sky einen solche Werbe-Deal aus dem Kreuz leiern konnten. Kurz lachen musste ich auch bei dem Sky-Werbespruch „Schon nach einem Jahr monatlich kündbar.“ „Schon“ nach einem Jahr … Ach, Sky!

Schönes Wochenende!

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