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Rützels Scharmützel

Besser shoppen: der Leberwurst-Brand-Index

Anja Rützel – Illustration: Bertil Brahm

Sie haben Marken, die Sie richtig übel
finden? Sehr gut! Richten Sie Ihr Leben nach den Regeln des Leberwurst-Kapitalismus aus, das hilft garantiert.

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Inspiriert vom gerade ja so beliebten Schlimmwort Cancel Culture habe ich jetzt auch mal was Neues erfunden: Es ist ein innovatives Lifestyle-Konzept, und ich nenne es Leberwurst-Kapitalismus. Der Kern meiner Idee ist schnell erklärt: Der Leberwurst-Kapitalismus basiert darauf, die eigenen Konsumentscheidungen nicht danach zu treffen, welche Marken man gut findet, weil man sie mit positiven Testimonials, extrasmarter Werbeästhetik oder anderweitig dollen Botschaften verbindet, sondern im Gegenteil aus dem Negativen heraus zu handeln. Und demnach also zu schauen, welche Marken man so richtig übel findet, weil man sie mit Grützwerten oder Schrottvögeln verbindet, diese Produkte dann mit trotzigem Beleidigte-Leberwurst-Impetus für immer von der Shoppingliste zu streichen und statt dessen in Gottes Namen eben zu kaufen, was übrig bleibt. 

Ich kam auf diese Abstrafungsidee, als ich in der Instastory einer eher trutschigen Instagrammerin, die bisher vor allem durch eine wirklich elefanteske Duftkerzensammlung und bizarre USA- und Kürbishuldigungen zu reüssieren versuchte, überraschend eine Marke entdeckte, die ich bisher eher als stabil unberührt von derlei Social-Media-Firlefanz eingeschätzt hatte. Besagte Instagrammerin hatte bislang nämlich vor allem adäquaten Influencer-Tinnef beworben, namentlich überteuerten, nach Kokos riechenden Gesichtsmörtel und Intim-Peeling mit dem komplett übergeschnappten Namen „Glow below“. Nun aber schellte in besagter Instastory ein Agentur-Mitarbeiter mit Zottelhaarperücke bei ihr, der wohl einen Zauselcharakter aus der Harry-Potter-Welt darstellen sollte. Er übergab der Düftelfrau ein riesiges Lego-Paket, darin das gerade gelaunchte Winkelgasse-Set, ein ebenfalls in der Potter-Sphäre angesiedelter Romanschauplatz. Wert des Kooperationsgeschenks: knappe 500 Euro. Die Instafrau schnaubte vor Glück, kündigte ausgedehnte Aufbauerei an – das war vor ein paar Wochen, und das Legozeug ward seitdem nimmermehr gesehen.

Nun ist es zugegebermaßen wirklich nicht so, dass ich meine Abende mit dem Zusammenknibbeln bunter Steinchen verbringe, trotzdem fühlte ich mich sonderbar persönlich beleidigt von dieser erratischen Werbepartnerwahl, deren Honorar ich keineswegs mitbezahlen wollen würde, und strich die dazugehörigen Produkte im Geiste von künftigen Einkaufslisten, die dann relevant werden könnten, wenn ich aus lauter Verzweiflung über den Zustand der Menschheit noch ein bisschen infantiler zu werden drohe, also ziemlich bald. Meine erste aktive Leberwurst-Kapitalismus-Entscheidung! Und mein Konzept könnte bald rasant Fahrt aufnehmen, denn gerade bin ich auf einen wahren Honeypot gestoßen, randvoll mit attraktivem Cancel-Material: Die Handyapp Freachly listet nämlich reichlich Lokale und Unternehmen, die bereit sind, Influencer gratis zu verköstigen oder ihnen einen feinen Rabatt zu gewähren, sofern sie dafür das Gericht oder ihren Einkauf in ihrer Instastory oder, das wird dann natürlich teurer, im Feed abbilden – eine entsprechende Reichweite und Followerschaft vorausgesetzt. Unter den billigen Jakobs sind ausgewiesene Supermarktfilialen, Waffel-Kettenrestaurants und fancy Saftschenken, und allesamt werden sie auf meiner großen, grantigen Leberwurstliste landen, denn ich finde dieses Geschäftsgebaren überaus unappetitlich.

Ein großes Unterhaltungselektronikunternehmen steht übrigens auch schon auf meinem Leberwurstindex – als Strafe dafür, dass es mir einmal einen etwa tischtennisplattengroßen Fernseher schenken wollte, wenn ich das Gerät dafür in diversen Social-Media-Posts erwähnen würde, zum Beispiel darüber, welche Trashsendungen ich mir denn gerade gerne anschaue. Ich halte es da vorerst lieber mit einem leicht abgewandelten Groucho-Marx-Motto – und möchte bitte kein Produkt besitzen, für das Leute wie ich als Werbefrettchen in frage kämen.


Anja Rützel schreibt hier über ihre Marken- und Medienerlebnisse. Es wird natürlich auch sehr oft um ihren Hund Juri gehen.

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