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"Stern" und "Taz"

Ist die Kooperation mit Klimaaktivisten das Ende des unabhängigen Journalismus?

"Stern" und "Taz" kooperieren mit Klimaaktivisten - eine gute Entscheidung?

Die „Taz“ tut es, der „Stern“ hat es getan – beide haben eine Ausgabe zusammen mit Köpfen der Klimabewegung erarbeitet. Das stößt nicht nur auf Gegenliebe. Kritiker sehen einen journalistischen Tabubruch. Dabei sollte uns etwas ganz anderes Sorge bereiten.

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„#keinGradWeiter – Die Krise ist längst da. Was wir jetzt tun müssen, um uns zu retten“, ist auf dem Cover des aktuellen Stern zu lesen. Dazu ein Foto, das die apokalyptische Stimmung von den Waldbränden in Kalifornien zeigt. Ein Cover, wie es in die derzeitige Nachrichtenlage passt. Seit August wütet dort eine verheerende Serie an Feuern. Und doch: Diese Ausgabe sorgt für mehr Diskussion als es der Titel vermuten lässt. Schuld daran ist eine Unterzeile: „Eine Ausgabe in Zusammenarbeit mit Fridays for Future“ ist dort zu lesen. Das reichte. Focus-Kolumnist Jan Fleischhauer sieht in der Ausgabe den Versuch eines „NGO-Journalismus“, wie er auf Twitter schreibt. Welt-Chef Ulf Poschardt übt sich auf demselben Kanal reflexartig in Alliterationslyrik: die Kooperation zeige, was längst auch in zig anderen Redaktionen inoffiziell passieren würde: „die Kernfusion von Klimajournalismus und Klimaaktivismus“. Kleiner geht’s nicht. Was sonst nur versteckt geschehe, sei jetzt für jeden also sichtbar: In deutschen Redaktionen regiert Aktivismus statt Journalismus, ausgenommen, natürlich, die Welt.

Gesinnungsjournalismus und Klimadiktat – danke, liebe Kollegen, dass Sie noch ein paar Twitterschaufeln auf den Berg der Verschwörungstheorien gesetzt haben.

Objektiver Journalismus: Was soll das überhaupt sein?

Klettert man aus dem Keller der Twitterargumentation, bleibt die Frage: Darf man sich als Redaktion dermaßen in den Dienst einer Sache stellen? Oder ist das „ein harter journalistischer Tabubruch“ wie Marius Mestermann, Politikredakteur beim Hamburger Wochenmagazin Spiegel schreibt? Wenn die Taz das redaktionelle Zepter an Klimaaktivisten übergibt, ist das keinen Aufschrei wert, weil es zur Ausrichtung der Redaktion passt. Aber der Stern müsse doch bitte die Objektivität wahren, die vom Journalismus erwartet wird, so liest man es bei den Kritikern heraus. Und existiert die noch, wenn man das eigene Medium einer Bewegung wie Fridays for Future überlässt? Die Antwort ist leicht. Nein, das war’s dann. Aber ganz ehrlich: Objektivität ist nichts als ein ideales Konstrukt. Journalismus ist immer das Produkt der Meinungs- und Erfahrungswelt des Schreibenden, die noch einmal durch den Filter der redaktionellen Entscheidungshoheit gejagt wird. Letztere wurde in diesem Fall nicht aufgegeben. Die üblichen Standards hat der Stern auch für die Klimaausgabe beibehalten. Man ist dafür nur in den Austausch mit Vertretern einer Generation getreten, die sich dafür einsetzen, dass ihre Welt lebbar bleibt.

Ein Journalimus, der Debatten befeuert

Das Experiment des Stern ist also das Ergebnis eines Austauschs. Und dass dieser auch in der Hamburger Redaktion nicht leicht war, das hat der Stern ganz transparent in einem eigenen Artikel zur Heftwerdung dokumentiert. Der zeigt auf beeindruckende Weise, der Meinungsstreit fand nicht nur zwischen Vertretern der Klimabewegung und der Redaktion statt, auch unter den Redakteuren und im Beirat des Magazins gab es zum Teil harte Ablehnung gegen dieses Projekt. Es ist also genau das passiert, was Journalismus unter anderem schaffen soll. Debatte.

Konsequenzen und die echten Tabubrüche im Journalismus

Beim Stern hat sie dazu geführt, dass zukünftig wie im Aufruf von Sara Schurmann gefordert, die Klimakrise immer mitgedacht werden soll. Es sollen neue Schwerpunkte enstehen, eine feste Reihe zu Klimafragen wird etabliert. „Was die Klimakrise angeht, ist der Stern nicht länger neutral“, schreibt die Chefredaktion. Eine Offenheit, die Folgen haben wird. Wenn es darum geht, unabhängigen Journalismus anzuzweifeln, dann wird dem Stern das aktuelle Klimaheft sicherlich noch öfter von Kritikern vorgehalten werden. Dabei hat der unabhängige Journalismus das Problem an ganz anderer Stelle. Nämlich dort, wo für Leser nicht so transparent dokumentiert wurde wie jetzt beim Stern, wie ein Sonderheft entsteht, was Werbung und was redaktioneller Inhalt ist, dort, wo „native Einbindungen“ dafür sorgen sollen, dass Leser gar nicht mitbekommen, dass sie gerade als Kunde angesprochen wurden oder dort, wo User einer Webseite zur Ware für Datensammler werden. Die wirklichen Tabubrüche sind längst Realität. 

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