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Thomas Frickel und Hannes Karnick

„Viele Dokumentarfilmer können von ihrer Arbeit nicht leben“

"Let's Dok"-Logo, Foto: Screenshot Youtube

Am Samstag, 19. September, findet unter dem Titel „Let’s Dok“ der erste bundesweite Dokumentarfilmtag statt. MEEDIA hat die Dokumentarfilmer Thomas Frickel und Hannes Karnick zur Situation des Dokumentarfilms in Deutschland befragt.

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MEEDIA: Herr Frickel, Herr Karnick, am Samstag findet unter dem Titel „Let’s Dok“ der erste bundesweite Dokumentarfilmtag statt. Die Ouvertüre hierzu war ein Flashmob gegen den Hessischen Rundfunk, den die Arbeitsgemeinschaft Dokumentafilm (AG DOK) jüngst organisierte. Was kritisiert die AG DOK konkret? 

Karnick: Für die hessische Filmbranche fällt der Landessender als Auftraggeber komplett aus. Der HR produziert alles im eigenen Haus. Externe Produktionsfirmen und Filmschaffende haben am Dornbusch so gut wie keine Chancen. Dem hessischen Fernsehprogramm sieht man das auch an. Es fehlt an Abwechslung, es fehlen neue gestalterische und inhaltliche Akzente. Statt der von der Rundfunkgesetzgebung geforderten Vielfalt herrscht Gleichförmigkeit. Die vom Land Hessen mit hohen Summen geförderte unabhängige Filmkultur, die immer wieder sehenswerte und preisgekrönte Projekte hervorbringt, interessiert den Sender nicht. Unsere Firma „docfilm“ hat für fast alle öffentlich-rechtlichen Sender in Deutschland produziert, aber nie für den HR. Auch bei unseren Kinofilmen war der HR nie mit dabei. 

Wie würden Sie allgemein die Situation des Dokumentarfilms in Deutschland beschreiben? Und wie im speziellen die Situation freier Dokumentarfilmer hierzulande? 

Frickel: Trotz des großen und immer noch steigenden Interesses an dokumentarischen Formen und Formaten liegt die Bezahlung der Dokumentarfilmschaffenden deutlich unter der in anderen Bereichen der Medienbranche. Nach wie vor kann ein großer Teil der Dokumentarfilmschaffenden von dieser Arbeit alleine wirtschaftlich nicht überleben.     

Dokumentarfilmer demonstrieren vor dem HR, Foto: Enrico Sauda

Klären Sie mich doch bitte auf: Die Produktion eines einzelnen Dokumentarfilms ist ein langer und kostenintensiver Prozess. Wie gehen Dokumentarfilmer hier normalerweise vor? Legen Sie – beispielsweise ähnlich eines Buchtitels – zunächst ein Manuskript vor und hoffen auf einen unterschriebenen Vertrag mit einem Auftraggeber, der auch eine Anschubfinanzierung bietet? 

Frickel: Genauso. Gelegentlich gibt es auch den umgekehrten Weg: Mögliche Auftraggeber, meist Sender, wenden sich an Autoren und bitten um Ausarbeitung eines Treatments zu einem bestimmten Thema. 

In der Corona-Krise haben die Nutzung von TV, aber auch von Streaming-Angeboten wie Netflix merklich zugenommen. Inwiefern kann Ihre Branche davon profitieren? 

Karnick: Wir nehmen nicht nur in Deutschland, sondern auch international wahr, dass Dokumentarfilme an Aufmerksamkeit und Bedeutung gewinnen, weil die Filme auf Streamingportalen leichter zugänglich sind. Es ist ein Vorteil, wenn Filme, die in analogen Programmschemen eher am Rand des Hauptgeschehens stattfinden, von diesen Schemen befreit sind. Im Netz ist egal, wie lang ein Film ist, und ob er für den Nachmittag oder das Hauptprogramm gemacht wird. Was wir uns erhoffen, ist, dass die allgemeine Plattformisierung auch dazu führt, dass mehr Experimente gewagt werden. Und also neue Filme entstehen, die bislang durch das enge Korsett der Programmschemata des Öffentlichen Fernsehens und die in den letzten Jahren fortgeschrittene Formatierung behindert wurden. Der damit einhergegangene Verlust von Vielfalt und kreativem Schaffen – und damit Qualität – kann rückgängig gemacht werden.

Wie?

Karnick: Es gibt in Deutschland ein enormes kreatives Potential, das brachliegt und nur darauf wartet, jenseits der Korsette durchzustarten. Aber die Pandemie hat diese Entwicklung nicht ausgelöst, sondern nur kurzfristig beschleunigt. Das sind alles wichtige Themen für die neuen Vorsitzenden der AG DOK, Susannes Binniger und David Bernet. Corona-bedingt musste die neue Doppelspitze gleich durchstarten.

Umgekehrt: Welche negativen Effekte hatte die Pandemie auf Ihre Branche? Kinos waren ja beispielsweise geschlossen.  

Frickel: Die Pandemie hat die Branche lahmgelegt. Es werden nur Filme gedreht, die unter den herrschenden Bedingungen zu machen sind. Reisen in viele Länder ist unmöglich. Filmstarts finden höchstens online und ohne jeden Kontakt zum Publikum statt, Veranstaltungen sind ausgefallen und so weiter. Für Dokumentarfilmer gehört es quasi zum Berufsbild spontan mit sich ändernden Realitäten umgehen zu müssen, aber nicht alle Themen und Stoffe können verschoben werden. Es wird also in jedem Fall nicht nur Mehrkosten geben, sondern auch Produktionsausfälle. Aber: Wir können das Ausmaß des wirtschaftlichen Schadens noch nicht abschätzen, auch nicht wie viele Firmen und Selbständige vielleicht aufgeben müssen.

Wer sind in Deutschland denn die großen Auftraggeber? Und inwieweit ist es deutschen Dokumentarfilmern überhaupt möglich, auch mit Streamingdiensten wie Netflix ins Geschäft zu kommen? 

Karnick: Die großen Auftraggeber beziehungsweise Partner bei Koproduktionen sind in großer Ausschließlichkeit die öffentlich-rechtlichen Sender, ARD und ZDF, sowie die Filmförderinstitutionen. Dass nun neue Player wie Netflix oder Amazon ins Spiel kommen belebt den Wettbewerb, der der deutschen Filmlandschaft nur gut tun kann. Für dokumentarische Produktionen fängt das gerade erst an. In Kürze wird die erste deutsche mit Netflix produzierte Doku-Serie zur Treuhandanstalt und dem Rohwedder-Mord zu sehen sein. Die Entwicklung ist am Anfang. Aber vielversprechend. Und wir wünschen uns, dass die Öffentlich-Rechtlichen die Herausforderung annehmen.

Gibt es so etwas wie einen „deutschen Stil“ bei Dokumentarfilmen, etwa in der Art, wie sie erzählt, gefilmt oder aufgebaut werden? 

Frickel: Film ist eine universelle Sprache, in der es viele individuelle Handschriften gibt. Sicher gibt es einen Trend zur Internationalisierung dokumentarischer Erzählweisen – umso wichtiger sind Freiräume für den individuellen Zugang im künstlerisch gestalteten Dokumentarfilm. Insofern gibt es im Dokumentarfilm keinen typisch deutschen oder wie auch immer zu etikettierenden nationalen, sondern immer einen persönlichen Stil der Macher.

Was muss konkret geschehen, um die Situation des deutschen Dokumentarfilms und deutscher Dokumentarfilmer in Deutschland zu verbessern? 

Frickel: Schon in der Gründungserklärung der AG DOK wurde die Forderung nach einer lebendigen Dokumentarfilmkultur erhoben. Trotz der ungebrochenen Nachfrage nach unserem Genre muss weiter für seine Gleichberechtigung in der Filmkultur gearbeitet werden: sowohl im Kino als auch im Fernsehen, wo dokumentarische Filme – völlig zu Unrecht – oft in Randbereiche abgedrängt werden. Dem soll auch die Aktion „Let´s DOK“ entgegenwirken. 

Was erhoffen Sie sich in dem Zusammenhang vom ersten bundesweiten Dokumentarfilm-Tag am 19. September?

Karnick: Mit dem ersten „Hessischen Dokumentarfilm“ im Januar 2020 haben wir in Hessen schon den Aufschlag für das 40-jährige AG DOK Jubiläum gemacht. Vom Publikum und der Presse wurde diese „geballte Ladung“ gut angenommen. Jetzt bei „Let´s DOK“  wird der Dokumentarfilm bundesweit gefeiert, über 80 Kinos sind dabei, aber auch alternative Aufführungsorte wie Scheunen, Gärten, Hinterhöfen oder eben Open-Air. Deutschlandweit werden Filme gezeigt, insgesamt mehr als 120. Übrigens: Aufgrund der Pandemie musste die Kampagne in nur 10 Wochen organisiert werden. Noch im Juli wusste keiner, ob und wann die Kinos wieder geöffnet werden. Dass das geklappt hat, dass so viele mitmachen, ist ein großartiges Zeichen für den Dokumentarfilm. 

Das Interview wurde schriftlich geführt und im Sinne der Leserlichkeit nur leicht überarbeitet.

Zu den Personen:

Thomas Frickel ist seit 1968 als Autor, Regisseur und Produzent von Kurzfilmen, Fernsehproduktionen und Kino-Dokumentarfilmen tätig (Deckname Dennis, Goethe light, Die Mondverschwörung). Für seinen Film Wunder der Wirklichkeit wurde er 2017 mit dem Hessischen Dokumentarfilmpreis ausgezeichnet. Er ist Mitbegründer des Europäischen Dokumentarfilm-Netzwerks EDN und war bis 2020 Vorsitzender und Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft Dokumentarfilm AG DOK, des mitgliederstärksten Verbandes für den unabhängigen Film in Deutschland. Frickel ist unter anderem Mitglied im Verwaltungsrat der Filmförderungsanstalt FFA, im Verwaltungsrat und Sozialwerk der VG Bild-Kunst und Delegierter der Wahrnehmungsberechtigten in der VG Wort.

Hannes Karnick arbeitete von 1971 bis 1978 als Producer und Redakteur im Redaktionsteam des ZDF-Jugendmagazins direkt. 1972 gründete er mit Wolfgang Richter die Produktionsfirma docfilm. Neben vielen gemeinsamen TV Produktionen war er Co-Autor international preisgekrönter Kinodokumentarfilme wie Martin Niemöller: Was würde Jesus dazu sagen?, Radio Star – die AFN Story oder Wenn Ärzte töten – Über Wahn und Ethik in der Medizin. Karnick ist Gründungsvorstand der AG DOK, des Filmbüros Hessen und Mitglied von Netzwerk Recherche. Er ist einer der Sprecher der AG DOK Hessen / Rhein-Main und unterrichtet an der HfG Offenbach und der Hochschule Ostfalia.
 

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