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Wochenrückblick

„FAZ“-Hochstapler auf Häppchen Jagd und die Brutalo-Satire von Serdar Somuncu

Stefan Winterbauer – Illustration: Bertil Brahm

Dass Serdar Somuncu in seinem neuen Podcast zusammen mit Florian Schroeder Leute beleidigt, sollte eigentlich niemanden überraschen. Mathias Döpfner hätte gerne Geld vom Staat aber dann auch doch wieder nicht. Ein Hochstapler soll als „FAZ“-Redakteur auf Häppchen-Jagd gegangen sein und es gibt Neues aus dem Jahr-Top-Special-Verlag. Die MEEDIA-Wochenrückblick-Kolumne.

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Wer den Kabarettisten/Satiriker Serdar Somuncu für einen Podcast engagiert, sollte sich ausrechnen können, was passiert : Somuncu beleidigt Leute. Es ist seit Jahren sein Signature-Move, sich als Aggro-Satiriker zu positionieren. Dabei bekommen aber auch wirklich alle ihr Fett weg: Türken, Deutsche, Juden Behinderte, sogar Hunde! Insofern war es nur folgerichtig, dass Somuncu in der dreistündigen (!) Auftaktfolge des neuen Radioeins-Podcasts Schroeder & Somuncu ordentlich drauf haute. In einer längeren Abhandlung über die so genannte „Cancel Culture“ erklärte Somuncu, er würde weiterhin das N-Wort sagen. Dann gab es eine Breitseite gegen namentlich nicht genannte Kolumnistinnen, die seiner Einlassung zufolge nur darum so mächtige Kolumnistinnen sind, weil ihnen wegen ihres kritikwürdigen Erscheinungsbildes der Geschlechtsverkehr verwehrt bliebe. Somuncu hat das ein bisschen anders formuliert. Florian Schroeder, sonst eher als Freund des gebremsten Witzes bekannt, lachte und applaudierte im Hintergrund. Natürlich nur, weil ihm die Rollen-Performance seines Kollegen so gut gefiel. Schon klar. Zwinkersmiley. Wenn nicht irgendein Typ genau diesen krassen Ausschnitt aus dem Podcast-Epos rausgeschnitten und auf Twitter gestellt hätte, hätte das vermutlich niemanden weiter gejuckt. So aber kam es zum erwartbaren Shitstorm mit den erwartbaren Rückruderbewegungen: Der Sender erklärte, es handle sich – Huch! – um Satire, diese sei entsprechend gekennzeichnet worden und sagte sorry.

Als der Gegenwind zu kräftig wurde, packte man die virtuelle Schere aus und schnippelte den schlimmen Teil nachträglich aus dem Podcast raus. Aus einem Podcast, bei dem es viel um „Cancel Culture“ geht, wird nach einer Empörungswelle nachträglich ein brisantes Stück rausgeschnitten. Hätte besser laufen können. Sender und Programmchef versuchten sich hinterher damit rauszureden, die Satire habe hier nicht funktioniert. Das ist falsch. Man muss Somuncus Stil nicht gut finden. In seinem Sinne hat die Satire hier aber absolut funktioniert. Und genau das ist das Problem von Radioeins.

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Der frisch wiedergewählte BDZV-Vorsitzende Mathias Döpfner (wer sollte es sonst machen?) fährt in Sachen staatliche Presseförderung eine interessante Strategie: pauschale Förderung des Pressewesens durch den Staat – no way! Das würde seiner Aussagen nach ja womöglich die Unabhängigkeit der Redaktionen gefährden. Staatsknete für Vertrieb und Technik dagegen: why not? Am liebsten hätte es Döpfner, der Staat würde die Mehrwertsteuer für Medienprodukte senken oder am besten ganz abschaffen. Diese Logik will mir nicht in den Kopf. Wenn der Staat den Medien (gemeint ist: den Zeitungsverlagen) einfach so Geld gibt, dann ist das pfui und beeinflusst die Redaktionen. Wenn der Staat den Verlagen aber Geld für die Zustellung zusteckt, dann ist das voll okay und stellt keine Form der möglichen Beeinflussung dar? So oder so handelt es sich um staatliche Hilfen für Pressemedien. Man kann das richtig finden oder auch nicht. Man kann es fordern oder verdammen. Döpfner aber will den Kuchen haben und gleichzeitig essen.

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Das ist eine Story wie sie sich der leider verstorbene Helmut Dietl hätte ausdenken können: Jahrelang soll sich ein Mann als FAZ-Redakteur ausgegeben haben, um auf Medien-Events und Preisverleihungen Häppchen abzugreifen. Der Beschuldigte bestreitet die Hochstapeleien und behauptet, selbst als Journalist Zugang zu Events wie dem GQ-Award, der ARD-Berlinale-Party oder dem Postfest von DHL bekommen zu haben. Auch Pressekarten für die Rolling Stones soll sich der 61-jährige Hamburger auf diesem Wege erschlichen haben. Das glamouröse Jet-Set-Life der FAZ-Redakteure ruft eben Neider auf den Plan. In Zeiten der fortschreitenden Medien-Transformation ist freilich zu befürchten, dass mit Abnahme der Häppchen- und Geschenk-Tüten-Qualität auch die Zahl der Möchtegern-Redakteure abnimmt.

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Vergangene Woche schrieb ich an dieser Stelle über die sehr speziellen Vorgänge im Jahr-Top-Special-Verlag (u.a. Jäger, Sauen, Kutter & Küste). Dort hat Verlegerin Alexandra Jahr den Kampfsportler und Influencer Ardalan Sheikholeslami in die Verlagsleitung geholt. Der Kiez-Style des neuen starken Mannes irritierte die Belegschaft bei einer Betriebsversammlung doch ziemlich. Der mittlerweile ausgeschiedene Jäger-Chefredakteur soll laut einem Mopo-Bericht sogar gesagt haben „Krieg ich jetzt auf die Fresse?“ Die Frage scheint sich im Verlag zu einem geflügelten Wort entwickelt zu haben. Ein Mitarbeiter schickte mir dieses Meme, das nunmehr beim Jahr-Top-Special-Verlag herumgereicht würde.

Schön, wenn man den Humor nicht verliert!

Schönes Wochenende!

PS: Im Podcast Die Medien-Woche diskutiere ich mit meinem Kollegen Christian Meier von der Welt auch über den Somuncu-Podcast. Außerdem geht es um den Stellenabbau bei der Süddeutschen, die neuen Apple-Abos und die Zukunft von Tiktok in den USA. Es freut mich, wenn Sie reinhören!

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